Boxen in New York Hollywood-Klitschko & sein amerikanischer Traum

Wladimir Klitschko bereitet sich mit Trainer Banks auf den WM-Kampf in New York vor. Foto: dpa

Box-Weltmeister kämpft das erste Mal seit 2008 wieder in den USA. Doch sein privates Glück hat der Ukrainer längst dort gefunden. „Ein Teil von mir ist Amerikaner!“

 

New York - Als Wladimir Klitschko Ende der 90er-Jahre erstmals sein großes Idol Max Schmeling, den einzigen deutschen Schwergewichts-Weltmeister, in dessen Haus in Hollenstedt besuchte, da gab ihm der deutsche Box-Heros, der 1930 den Titel durch einen Abbruchsieg über Jack Sharkey gewonnen hatte und 1936 sensationell Joe Louis geschlagen hatte, einen guten Rat mit auf den Weg: „Wenn du mal ein ganz Großer werden willst, dann musst du nach Amerika gehen, dann musst du dort boxen – und gewinnen.“
In der Nacht auf Sonntag (ab 4.20 Uhr, RTL) wird Klitschko im legendären Madison Square Garden in New York, an der Stätte, an der Ikonen wie Muhammad Ali und Joe Frazier ihre Ringschlachten ausgefochten haben, gegen den Amerikaner Bryant Jennings seine Titel der Verbände WBO, IBF, IBO und WBA verteidigen. „Die Aura ist einzigartig. Es ist ein Traum, hier zu kämpfen!, sagt der 39-jährige Klitschko.

Klitschko verfolgt – Schmelings Worten gehorchend – dann seinem amerikanischen Traum. Ein Traum, der zwischenzeitlich zum Albtraum mutiert war. Die USA, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, hatte für Klitschko immer eine fast mythische Aura, den Reiz des Verbotenen und der Freiheit zugleich. 1976 in Kasachstan, einer Provinz der Sowjetunion, als Sohn eines Luftwaffengenerals geboren, waren die USA in der Hoch-Zeit des Kommunismus der Klassenfeind.
Die USA waren Wladimir das Land der verbotenen aber um so süßeren Früchte. Auf Videos hatten Wladimir und sein vier Jahre älterer Bruder Vitali Kämpfe von Ali gesehen. Als Vitali als Teenager in seiner Amateurkarriere als Kickboxer in den USA antrat und mit Geschichten von Coca-Cola, Schuhläden, die verschiedene Modelle in unterschiedlichen Größen hatten, zurückkam, war es um Wladimir geschehen. Er wollte dorthin.

Wladimir hatte immer den Weltenbummler-Trieb. Juri Gagarin, der erste Mann im All, war sein Idol. Weil der es schaffte, alle Grenzen zu überwinden. In Wladimirs Jugend war „Robinson Crusoe“ sein Lieblingsbuch. „Ich wollte die Welt sehen. Dafür gab es nur zwei Möglichkeiten. Politik – oder Sport“, sagt er.

Wladimir folgte in den Fußstapfen von Vitali, diesem geborenen Kämpfer, wurde Boxer. Es war etwas, was er konnte – aber nicht liebte. Aber es war sein Ticket aus den Fesseln des Kommunismus. 1996 wurde der amerikanische Traum erstmals Realität. Bei Olympia in Atlanta holte er Gold. Danach wurde er Profi. In Deutschland, weil ihm die USA – der berüchtigte Promoter Don King wollte die Klitschkos unter Vertrag nehmen – zu weit weg waren von der Heimat. Wladimir knockte mit seinem Stahlhammer die Gegner reihenweise aus. 1998 kämpfte er erstmals als Profi in den USA, schlug Carlos Monroe K.o.. 2000 kämpfte er im Madison Square Garden (Sieg gegen David Bostice) und holte sich im selben Jahr gegen Chris Byrd, der Vitali durch einen verletzungsbedingten Abbruchsieg entthront hatte, erstmals den WM-Gürtel.

Die US-Medien feierten Klitschko als den neuen Ali. Er sah gut aus, knockte die Gegner aus. Doch 2003 begannen für Klitschko die schwarzen Jahre. Corrie Sanders schlug ihn in Hannover ins Reich der Boxer-Träume. TV-Sender HBO kündigte die Verträge. Nach zwei Aufbaukämpfen trat Klitschko 2004 im Mandalay Bay Casino in Las Vegas gegen Lamon Brewster um die WM an. Brewster knockte ihn aus. Klitschko war vom Hoffnungsträger zum Fußabstreifer geworden. Während Vitali sich in Los Angeles Tage später vor zig Journalisten auf den WM-Kampf gegen Corrie Sanders vorbereitete, trainierte Wladimir allein in einer anderen Ecke der Halle. Auf die Frage, ob er ein Interview geben wollte, fragte er: „Sind Sie sicher, dass Sie mit mir reden wollen? Dem Loser-Bruder?“ Er gab das Interview. Offen, menschlich, verwundbar. Als Mann, der nicht wusste, ob er wirklich ein Boxer war. Als Mann, der nicht wusste, ob er an seinem amerikanischen Traum zerbrechen würde. Selbst Vitali riet ihm, die Karriere zu beenden.

Doch Klitschko hörte nicht auf all die Zweifler. Er zog nach Amerika, stellte ein ganz neues Team zusammen. Nur Amerikaner. Und er kämpfte sich langsam wieder nach oben. 2006 holte er sich von Byrd den WM-Gürtel zurück – und ist seitdem Weltmeister. Nur Joe Louis war noch länger ununterbrochen Schwergewichts-Champion. 2006 knockte er vor den Augen von Muhammad Ali im Garden Calvin Brock aus, 2008 vereinigte er durch seinen Sieg über Sultan Ibragimow die WM-Titel. Auch privat hat Klitschko sein Glück in den USA gefunden, er lebt in Florida, genauer gesagt dort in dem Ort Hollywood, und als Hollywood-Klitschko lernte er die US-Schauspielerin Hayden Panettiere („Heroes“) kennen. Mit der er seit einem halben Jahr die Tochter Kaya hat. „Sie ist das Größte in meinem Leben. Ich bin Ukrainer, habe Deutschland in meinem Herzen, das ist meine sportliche Basis, aber ein Teil von mir ist jetzt durch meine Freundin, meine Tochter Amerikaner.“

Hollywood-Klitschko und sein amerikanischer Traum.

 

0 Kommentare