Box-Ikone Lennox Lewis "Vitali ist der bessere Klitschko"

"Das war der Kampf des Jahrhunderts": Foreman über die Ringschlacht zwischen Klitschko (r.) und Lennox Lewis im Jahre 2002. Foto: Bongarts/Getty Images

Lennox Lewis spricht exklusiv in der AZ über die Box-Brüder und seine Duelle mit Tyson

AZ: Herr Lewis, Dereck Chisora hat angekündigt, dass er Vitali Klitschko ausknockt und so nach Ihnen und David Haye der dritte britische Schwergewichtsweltmeister im neuen Jahrtausend werden würde. Geben Sie Chisora eine Chance gegen Ihren alten Widersacher?

LENNOX LEWIS: Ich halte den Kampf für ein echtes Mismatch. Ich gebe Chisora keine Chance. In meinen Augen sollte man den Kampf gar nicht veranstalten.

Ein harsches Urteil, das Sie näher begründen müssen.

Chisora ist viel zu klein für Klitschko. Ihm fehlt jegliche Erfahrung. Als ich nach 14 Kämpfen gegen Gary Mason um den britischen Titel boxen sollte, sagte die Öffentlichkeit, das macht keinen Sinn, ich sei zu unerfahren. Und Chisora? Er hat gerade einmal 17 Kämpfe und soll um die WM boxen! Ich halte das für falsch.

Immerhin hat Chisora in seinem letzten Kampf gegen Robert Helenius den Finnen ziemlich klar dominiert.

Ja, da hat er ganz gut ausgesehen. Es war ein enger Kampf und ich war froh, dass ich kein Punktrichter war.

Ihr Landsmann David Haye, der nach seiner Pleite gegen Wladimir in den Ruhestand ging, ist weiterhin als Gegner für Vitali im Gespräch. Er erzählt, Sie hätten ihm geraten, nicht abzutreten, sondern gegen Vitali anzutreten.

Ich war immer der Meinung, dass Haye die Karriere nicht beenden sollte. Er kann die meisten Schwergewichtler schlagen. Aber was Vitali betrifft, würde ich sagen, dass er im Moment der Beste der Welt ist. Sogar besser als Wladimir. Ich mag die Art, wie Vitali boxt. Er ist sehr, sehr gut.

Wie fanden Sie Hayes Auftritt nach dem Fight, als er seinen kleinen Zeh als Entschuldigung vorführte?

Es ist immer interessant zu sehen, wie Männer gewinnen, aber es ist noch interessanter zu sehen, wie sie verlieren. Da zeigt man den wahren Charakter. Was aber viel wichtiger ist, wir wollen danach keine Ausreden hören. Das zeigt doch, dass du nur des Geldes wegen gekämpft hast. Das sagst du mit deinen Entschuldigungen! Du sagst, ich war zwar nicht fit, aber es war so viel Geld zu machen, dass ich nicht anders konnte, als die Kohle einzusacken und mich damit davon zu machen.

Wenn Sie sich das heutige Schwergewicht anschauen, denkt man da nicht an ein Comeback?

Ein sehr charmanter Gedanke. So wie ich es sehe, hat es keiner geschafft, in meine Fußstapfen zu treten. Es herrscht Langeweile. Aber ich werde nicht zurückkehren.

Sie standen mit Vitali in einem denkwürdigen, blutigen Kampf im Ring. Woran erinnern Sie sich besonders?

Daran, dass er auf dem absteigenden Ast war. Er wollte nur noch überleben. Am Ende wäre er ausgeknockt worden. Es war vielleicht kein schöner Fight, aber ein unterhaltsamer. Ich liebe den Kampf.

Obwohl Sie so viel getroffen wurden wie selten?

Nicht obwohl, sondern weil ich so viel getroffen wurde. Ich musste die Strategie wechseln, um den Kampf zu drehen, das war spaßig.

Selbst Ihr damaliger Trainer Emanuel Steward meinte, Sie schuldeten nicht nur Vitali, sondern auch der Öffentlichkeit ein Rematch. Warum kam es denn nie dazu?

Ganz einfach: Vitali hat mich als Gegner nie so interessiert. Mein Erzrivale war Mike Tyson. Als ich den besiegt hatte, gönnte ich mir eine Pause. Dann wollte ich Kirk Johnson boxen, sechs Monate später Vitali. Dann hat das Klitschko-Lager dafür gesorgt, dass Johnson nicht boxte, Vitali sprang ein. Der hatte sein Leben lang dafür trainiert. Ich hatte zehn Tage, um mich auf ihn vorzubereiten. Obwohl ich physisch und auch von der Motivation her am absoluten Tiefpunkt meiner Karriere war, konnte er mich nicht schlagen. Deswegen hat mich das Rematch nie gereizt: Ich wusste, wie es enden würde: Mit einem ausgeknockten Vitali.

Vitali hat Sie also nie so gereizt wie Mike Tyson?

Nein, Vitali war ja nicht der Kerl, der gesagt hat, dass er meine Kinder aufessen wollte.

War der Sieg über Tyson der befriedigendste Moment Ihrer Karriere?

Das Rematch gegen Hasim Rahman durch K. o. zu gewinnen, war noch erfüllender. Er wollte meine Legende beschmutzen. Er hatte seine fünf Minuten des Ruhmes, aber das war es. Daher war dieser Sieg süßer als der über Tyson.

Wie war es, gegen Tyson zu kämpfen, der Sie beleidigt und bei der Pressekonferenz ins Bein gebissen hatte?

Ich lebe nach der Devise: Du kannst mir mit Stöcken und Steinen die Knochen brechen, aber mit Worten kannst du mich nie verletzen. Wenn mir jemand sagt, dass ich ein Arschloch bin, zucke ich mit den Schultern und sage: Okay, du bist offensichtlich auch eins. Von einem Menschen gebissen zu werden, war wohl meine schlimmste Erfahrung. Von einem Tier gebissen zu werden, ist das eine – aber von einem Menschen? Nur eine Stunde nach dem Biss verfärbte sich die Wunde grün. Die Ärzte sagten mir, dass im menschlichen Mund so viele Bakterien sind, dass die Wunde sich gleich entzündet. Das war abartig. Aber Tyson war damals vielleicht auch mehr Tier als Mensch.

Sie gelten als der letzte große Schwergewichtler. Was fehlt den Klitschkos, damit man sie in einem Atemzug mit Joe Louis, Muhammad Ali oder Lennox Lewis nennen kann?

Interessante Frage. Denn die beiden tun ja alles dafür, mit diesen Größen verglichen zu werden. Aber die hatten alle große Kämpfe. Ali hatte Frazier, ich Tyson. Wenn man alle Gegner so einfach schlägt, wie die Klitschkos es tun, fehlt das Drama. Außerdem bin ich der Meinung, es kann nur einen Champion geben. Dadurch dass es zwei Brüder sind, die herrschen, hat es das etwas entwertet. Das ist nicht ihre Schuld, aber es gibt eben nicht diesen einen Champion.

Letzte Frage: Wer war der härteste Puncher, dem Sie je begegnet sind? Vitali?

Nein, meine Frau Violet. Sie hat mich, als wir uns kennenlernten, ausgeknockt, von den Füßen geholt – und das macht sie immer noch.

 

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