Blitzkritik Echsen, Elfen, Baby Doll

Illustration Foto: Marco Cisaria/Cirque du Soleil

Wenn Kommerz wahre Poesie schafft: Der Cirque du Soleil hat im Olympiastadion sein High-Tech-Zelt aufgeschlagen und ist mit der grandiosen Show „Varekai" in München

 

In der griechischen Mythologie hat Ikarus seinen Traum vom Fliegen mit dem Leben bezahlt: Als er der Sonne zu nah kam, schmolz das Wachs, mit dem er sich aus Federn Flügel gebaut hatte. Im Cirque du Soleil darf Ikarus überleben. Er fällt auf einen anderen Stern, der von skurrilen, neugierigen Wesen bevölkert ist. Ein schwarzgewandeter Priester bemächtigt sich der Flügelfedern, der ohnmächtige Abgestürzte wird in ein Netz gewickelt. Das dient dem Luftgymnasten Mark Halasi dann als Hängematte und fliegendes Seil, um seine Kunst zu zeigen.

Den Traum von Fliegen verfolgen die meisten Artisten des Cirque du Soleil in der grandiosen Show „Varekai". Varekai heißt in der Sprache der Roma „wohin auch immer". Wohin und in welche kommerziellen Höhen seine Idee führen würde, ahnte der Zirkusgründer Guy Laliberté 1984 wohl kaum. Mit 73 Mitarbeitern verwirklichte er damals sein Mischkonzept aus Artistik und Straßentheater. Heute ist der Sonnenzirkus aus Kanada ein globales Unternehmen mit 4000 Mitarbeitern, davon 1000 Artisten, die im letzten Jahr 19 Shows weltweit zeigten. Nun hat der Cirque du Soleil im Münchner Olympiastadion seine Zeltstadt aufgeschlagen. Ein ungewohnter Anblick, aber der richtige Ort: Denn viele der akrobatischen Leistungen sind olympiareif.

Vom Straßentheater ist nicht viel geblieben, außer einem verrückten fahrenden Händler, der im Blätterröckchen komisch die Magie der Glühbirne erprobt. Ansonsten ist es eine bombastische Megashow. Aus einem Wald dünner Metallstangen schwingt sich ein Treppensteg hoch unter die Zeltkuppel. Überall lauern, klettern, fliegen oder verschwinden in Versenkungen fantastisch kostümierte Gestalten - von Echsen bis Elfen, Magiern bis Monstern. Ikarus' Geschichte ist für den Autor und Regisseur Dominic Champagne nur der Aufhänger, den Traum vom Fliegen in allen Varianten zu zeigen.

Drei chinesische Buben wirbeln Lastenseile, dass man mit dem Sehen nicht mehr nachkommt, Equilibristen landen nach abenteuerlichen Salti von ihrer russischen Schaukel punktgenau auf der anderen Schiffschaukel. Der Jongleur spuckt die Ping-Pong-Bälle auch mit dem Mund in die Luft, zwei Akrobaten verschmelzen an den Strapaten zu einer Körperskulptur, ein Damenquartett zeigt am Triple-Trapez anmutige Synchronität. Und wie der polio-gelähmte Dergin Tokmak auf seinen Krücken die Schwerkraft austrickst, ist atemberaubend.Zum Publikumsliebling aber wird die sehr geerdete, weil höchst schwergewichtige Zauberer-Assistentin Mooky Cornish im Baby Doll, die dem zaubernden Clown Steven Bishop mit ihrer Tollpatschigkeit jeden Gag versaut. Und Bishop muss beim Brel-Chanson „Ne me quitte pas" ständig dem hüpfenden Scheinwerferspot hinterher hetzen. Die esoterisch wabernde Live-Weltmusik trägt gelegentlich zu dick auf. Aber bei aller Kommerzialität ist „Varekai" große Akrobatenkunst der Weltklasse.

Gabriella Lorenz

Olympiastadion, bis 2. Mai, Karten Tel. 54 81 81 81

 

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