Bizarre Karriere Münchner Theologiestudentin betreibt Swingerclub

Sie ist für jeden Gast offen: "Ich wurde für die Bar geboren", sagt Katja H. Foto: Daniel Bernhard

Ob Paarmassagen oder Gigolo-Partys: Seit KatjaH. das „Avantgarde“ vom Vater geerbt hat, hat sich ihr Leben ziemlich verändert. Dahinter steckt auch viel Arbeit – ein Blick hinter die Kulissen.

MÜNCHEN Als das Telefon klingelte, saß sie am Fenster und wollte sich eine Zigarette anzünden. Die letzte Nacht war lang. Schon am frühen Abend ist sie in die Bar gegangen, hat den Getränkebestand geprüft, Gläser nachgestellt und Kerzen auf den Tischen verteilt. Das Übliche eben. Dann sind die Gäste gekommen. Die gleichen Gesichter, der gleiche Ablauf: bestellen, ratschen, trinken – bis in die frühen Morgenstunden. Jetzt klingelte das Telefon – und sie hatte schon so eine Ahnung. Es war einfach zu früh am Tag.

Katja H. ist 27 Jahre alt und angehende Geschäftsführerin eines Swingerclubs. Aber nicht von irgendeinem. Das „Avantgarde“ in Plauen unweit von Zwickau ist einer der größten Clubs für Polygam-Affine in Deutschland. 

Auf fast 1000 Quadratmetern beherbergt es eine Bar, ein Pornokino, mehrere Wellnessbereiche und Spielzimmer, darunter die SM-Ecke, die Pärchen-Wiese und die Titanic-Koje. Alles liebevoll und detailreich eingerichtet. Mindestens ein kleiner Plastik-Mülleimer und eine Schale mit Kondomen stehen in jedem Themenraum bereit. Den Gästen soll es an nichts fehlen, das ist Katja wichtig.

Wenn es oben zur Sache geht, steht sie hinter der Bar, gießt Sekt in feinstielige Gläser und unterhält sich mit ihren Gästen. Am Buffet daneben duftet der Braten, locken frische Salate und leichte Desserts aus Joghurt und Früchten. Zahlen muss hier niemand. Die Stärkung ist bereits im Eintrittspreis enthalten.

120 Euro pro Single-Mann kann der an einem Samstagabend schon mal betragen. Ein Pärchen zahlt 80 Euro, eine Single-Frau nur 25. Eine gängige Methode in Swingerclubs. „Damit schafft man Testosteron geladenen Männern eine Hürde“, sagt Katja. „Wir möchten hier eine gepflegte und vor allem entspannte Atmosphäre haben.“ Die hatte die Münchnerin bei ihrer früheren Arbeit nicht immer. „Über fünf Jahre habe ich in der ehemaligen Schwabinger 7 hinter der Bar gearbeitet“, erzählt die zierliche Frau mit den langen, rot gefärbten Haaren. Dann kam der eigene Club, die „Gummizelle“.

Eine geile Zeit, sagt Katja heute. Auch wenn nicht alles so lief, wie sie es sich gewünscht hatte. Irgendwann war es vorbei – und der Anruf kam. „An dem Tag wollte ich meine Bewerbung fürs Radio abschicken“, erzählt Katja. Wochenlang tüftelte sie am Anschreiben – „es sollte perfekt sein“. Ihr Theologiestudium hatte sie da längst abgebrochen. Ihr Jugendtraum, nach dem Studium als Sektenbeauftragte zu arbeiten, wich dem Nachtleben. Zu wenig Jobs, zu mies die Bezahlung im Sozialbereich. Daher wollte sie zum Radio – tagsüber arbeiten.

„Ich brauche dich hier“, hörte Katja ihren Vater durch den Hörer sagen. Er und seine Freundin hätten sich getrennt. Jetzt müsse jemand das „Avantgarde“ übernehmen, seine Ex mache das nicht mehr. Und er schaffe mit seiner Schneekettenfirma nicht beides – sonst müsse er den Club verkaufen. „Da fing plötzlich seine Stimme zu zittern an und die Sache war irgendwie klar für mich“, sagt Katja.

Schließlich ist sie mit dem Club groß geworden. Als sie 16 Jahre alt war, fing ihr Vater schon an, Möbel für die Räumlichkeiten zu kaufen. Damals waren die Immobilienpreise noch bezahlbar und das Gebäude in der idyllischen Umgebung reizte. Zunächst sollte es ein Restaurant werden. Ein befreundeter Anwalt riet ab – ein Swingerclub würde sich besser machen.

„Davon durfte ich natürlich nichts wissen“, sagt Katja. „Mein Vater hat immer erzählt, er eröffnet ein großes Solarium.“ Die Geschwister waren weniger verschwiegen. Und als Katja in der Garage ein großes Paket mit einem Andreaskreuz fand, war die Sache klar. Trotzdem – der Anfang im „Avantgarde“ war schwer. „Ich ließ alles zurück in München – meinen Job, meinen Freund, meine Wohnung.“ Heimweh hat sie immer noch, aber die Entscheidung bereut sie nicht.

„Allerdings musste ich mich einarbeiten. Ich hatte nicht den Schimmer einer Ahnung wie man so einen Betrieb leitet.“ Informationen zur Szene und „Ideen, um den Laden aufzupeppen“, holte sich Katja von Internet-Communities wie „Joyclub“. „Ich habe die Leute da einfach angeschrieben und mit dämlichen Fragen bombardiert. Genervt waren die aber nie, sondern echt hilfsbereit. Aus manchen Kontakten haben sich sogar Freundschaften ergeben – und jetzt läuft’s.“ Um neun Uhr morgens beginnt Katjas Arbeitstag. Im Büro geht sie Mails durch, bestätigt Buchungen für das dem Club angeschlossene Hotel und plant die nächsten Veranstaltungen.

Der Fantasie lässt sie dabei freien Lauf: Ob die erotische Paarmassage oder die Superheldenparty, bei der sie selbst zur Latex-Kluft greift – alle Ideen werden von den Gästen begeistert angenommen. Gerade tüftelt Katja am nächsten Themenabend: einer Gigoloparty. Jede Frau bekommt Spielgeld, mit dem sie Dienste wie „ein Getränk holen“ oder „einmal a tergo, bitte“ bei den Gigolos ordern kann – so der Plan. „Für die Frauen wird das ein Riesen-Spaß“, schmunzelt Katja. „Mal schauen, wie’s die Männer finden.“

Am Nachmittag geht’s dann rüber in die Zölibar – so hat Katja ihre neue Schänke getauft. Denn im Club gilt: Das Personal hat auf den Matten nichts verloren! Die seien meistens eh schon voll genug. Zwischen 40 und 130 Gäste tummeln sich je nach Veranstaltung und Wochentag im „Avantgarde“. „Das sind lange Arbeitstage, aber rausgeschmissen habe ich noch nie jemanden“, sagt Katja. Wenn ihre Gäste nochmal Lust auf eine Runde haben, dann könne sie ja schlecht sagen: „Lass’ stecken, wir schließen jetzt!“ Danach geht die Arbeit weiter. So ein Club muss ja schließlich gepflegt werden.

Konkret heißt das: Putzen. Zwar übernimmt das ein Reinigungs-Team, aber Katja hilft dennoch oft mit. Ekel, benutzte Kondome anzufassen, hat sie nicht – „die sind ja zu“ und Handschuhe gebe es auch noch. Bei den Kunstleder-Matratzen, die mit einem speziellen, leicht zu reinigenden Stoff bezogen sind, hilft der Dampfreiniger. Und ansonsten viel Sagrotan. Eine hauseigene Wäscherei übernimmt die benutzten Handtücher.

„Viel zu tun ist permanent“, sagt Katja. „Aber noch hält ja auch mein Vater seine schützende Hand über mich.“ Das führe allerdings auch schon mal zu Konflikten. „Dann streiten wir auf dem Weg in den Club lautstark, welche neuen Filme im Pornokino laufen sollen – wer das mitbekommt, schaut schon etwas irritiert.“

Der Swingerclub ist immer Thema, auch wenn die Unternehmerin mal frei hat. „Dann gehe ich gern selber swingen.“ Man müsse ja auf dem Laufenden bleiben – „und schauen was die Konkurrenz so treibt“. Amina Linke

 
 

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