"Bitte, ich will nach Hause" Demenz-Drama: Pflegeheim ließ Patientin nicht gehen

Ein Bild aus Anneliese K.s letzten Wochen: Im Garten des Pflegeheims lehnt sie sich an die Schulter ihres Partners Hans-Kurt Elze. Foto: iko

Der Münchner Rentner Hans-Kurt Elze (70) hat lange darum gekämpft, seine Lebensgefährtin (81) aus dem Pflegeheim zu sich holen zu dürfen. Vergeblich. Jetzt ist sie dort gestorben.

 

München - Wenn Hans-Kurt Elze durch die schwere Holztür im zweiten Stock des Münchner Pflegeheims trat, sah er sie am Ende des Flurs oft schon da sitzen.

Still, neben fünf, sechs anderen alten Damen. Die eine, mit silberhellen Locken, schob stumm ihren Kopf vor und zurück. Eine andere, die Hände fest in ihre Strickjacke verkrallt, murmelte leise in sich hinein. An der Wand lief ein kleiner Fernseher, eine Tierdoku oder eine Kochsendung.

Bei einem der letzten Male saß Anneliese K., den Rücken tief gebeugt, in ihrem Stuhl, den Blick auf ihre Knie gerichtet. "Herzele", sagte Elze wie immer zu seiner Lebensgefährtin und berührte ihre Schulter. "Schau, ich bin da". Sie hob den Kopf. Langsam wanderte ihr Blick über sein Gesicht. Dann wurden ihre Augen klar, als wenn sich darin ein Nebel lichtete. "Hans", sagte sie dann. Und nochmal, "Hans".

Anneliese K. hinten rechts am Tisch in ihrem Pflegeheim-Zimmer. Von den Dingen, die ihr vertraut sind, hat hier so gut wie nichts Platz.
Anneliese K. hinten rechts am Tisch in ihrem Pflegeheim-Zimmer. Von den Dingen, die ihr vertraut sind, hat hier so gut wie nichts Platz. Foto: iko

Anneliese K. (81) lebte seit diesem Frühling hier auf der Station, auf deren Eingangstür geschrieben steht: "Hier betreten Sie eine andere Welt". Es ist eine geschlossene Abteilung für Demenzkranke. Wochenlang hatte Hans-Kurt Elze darum gekämpft, sie nach Hause holen zu dürfen.

Jetzt ist sie, überraschend, dort gestorben. "Viel zu früh", sagt er. "Wenn ich sie hätte rausholen können, hätten wir sicher noch drei, vier schöne Jahre zusammen gehabt."

Es ist ein Heim, das freundlich wirkt. Durch große Fenster strahlt die Sonne auf roséfarbene und gelbe Wände, draußen blühen Blumen, Bäume werfen Schatten in den Garten. Viele Türen stehen auf, oft sind drei, vier Frauen vom Pflegepersonal zu sehen, die nett grüßen.

"Sie ist so teilnahmslos geworden, so zusammengefallen"

Trotzdem: Seine Anneliese habe sich "total verändert", seit sie hergekommen sei, sagt Elze. So teilnahmslos sei sie geworden. So zusammengefallen. Eine "menschliche Tragödie", wie sie Tag für Tag abgebaut habe. "Meine Partnerin wurde eingesperrt, aufbewahrt und mit Medikamenten ruhiggestellt", so formuliert er es.

Vor einigen Monaten hatte das Münchner Betreuungsgericht – von Krankenhausärzten eingeschaltet – verfügt, dass Anneliese K. in einer geschlossenen Pflegeeinrichtung untergebracht werden muss. Weil sie vorab keine Vorsorge-Vollmacht erteilt hatte (in der sie etwa für den Fall einer Demenz ihren Lebensgefährten zum "Bevollmächtigten" hätte ernennen können), wurde eine Betreuerin für sie bestellt. Die entschied von nun an mit Bestätigung des Gerichts, wie Anneliese K. gepflegt werden und wo sie leben sollte. Was mit ihrem Vermögen passieren soll.

Zuletzt spaziert sie noch herum – langsam, aber gern: Hier begleitet Elze seine Lebensgefährtin nach dem Gartenausflug zurück ins Zimmer.
Zuletzt spaziert sie noch herum – langsam, aber gern: Hier begleitet Elze seine Lebensgefährtin nach dem Gartenausflug zurück ins Zimmer. Foto: iko

Bei dem "schlechten Zustand", in dem die alte Dame damals ins Krankenhaus gekommen sei, sei es nicht anderes möglich gewesen, als dass sie im Heim bleibe, erklärte die zuständige Betreuerin, die nicht genannt werden möchte, auf Anfrage der Abendzeitung. "Die Krankheit schreitet ja rapide voran."

Hans-Kurt Elze hat das von Anfang an für "völligen Unsinn" gehalten. Er kenne doch seine Partnerin seit 33 Jahren, argumentierte er. Sie sei mitnichten so dement gewesen wie behauptet. "Sie will raus, spazieren gehen. Herumfahren. Etwas erleben. Kontakt mit Menschen haben."

Gerade darum sei es ihr so schlecht gegangen, weil sie im Heim keine Ansprache mehr hatte unter lauter demenzkranken Menschen. "Ich war deshalb jeden Tag mit ihr im Garten. Habe Bananen, Joghurt, Multivitaminsaft gebracht und zugesehen, dass sie isst und genug trinkt." Er habe ihr viel erzählt und nach einer Stunde "ganz normale Gespräche" mit ihr führen können. "Und wenn ich abends gehen musste, hat sie immer gesagt: Hans, bitte, hol mich hier raus. Ich will nach Hause."

"Wir haben nie geheiratet, aber wir waren ein Liebespaar"

Anneliese K. ist wohl bis vor zwei Jahren eine quirlige, lebendige Frau gewesen. Früher als Mitarbeiterin bei der Stadtverwaltung. Danach gern auf Reisen mit Elze, einem früheren MVG-Mitarbeiter, mit dem sie über drei Jahrzehnte ohne Trauschein und ohne Kinder lebte, Tür an Tür, im fünften Stock eines Schwabinger Wohnhauses. "Wir haben unser Leben genossen", sagt Hans-Kurt Elze. "Wir haben nie geheiratet, aber wir waren ein Liebespaar."

Hans-Kurt Elze mit seiner Anneliese 2003 am Seehamer See: "Solche Ausflüge hätten ihr auch in ihren letzten Monaten noch Freude gemacht."
 Anneliese 2003 am Seehamer See: "Solche Ausflüge hätten ihr auch in ihren letzten Monaten noch Freude gemacht." Foto: privat

2015 habe es dann begonnen: Sie fing an, Dinge zu vergessen. Erst Kleinigkeiten, wie zum Beispiel, wo sie die Schlüssel gelassen hatte. Dann, wie die Nachbarn hießen. Oder dass ihr Bruder schon gestorben war. "Aber das waren nur kurze Momente", sagt er. Ihr Hobby, mit der Tram durch München zu fahren, in alle möglichen Viertel, wurde letzten Winter zum Problem. Immer wieder mal verfuhr sie sich und fand nicht mehr alleine heim.

Nachdem mehrfach die Polizei gekommen war, um sie zuhause abzuliefern, brachte Elze sie in die Gerontopsychiatrie eines Münchner Krankenhauses. "Ich wollte, dass sie da mal ein, zwei Wochen bleibt und untersucht wird", sagt er. "Das war ein Fehler. Denn dort haben sie eine fortschreitende Demenz diagnostiziert, und ab da haben die Behörden meine Partnerin nicht mehr freigegeben."

"Ich konnte sie da drinnen doch nicht im Stich lassen"

Elze wollte sie selbst betreuen, daheim, mit Hilfe eines ambulanten Pflegedienstes, der drei Mal am Tag kommen würde. Er kontaktierte die Ärzte, schrieb ans Gericht, stritt mit der Betreuerin. Die aber befand: Er sei zwar "lieb zu ihr". Aber nicht geeignet für eine Pflege daheim. Er verstehe das Krankheitsbild nicht, es fehle ihm an "Teamfähigkeit" und "Einfühlungsvermögen".

Kurz vor ihrem Tod hat Elze noch einen Anwalt eingeschaltet, der versucht hat, den Unterbringungsbeschluss aufheben zu lassen. Er habe einfach nicht aufgeben wollen, sagt Elze, "ich konnte sie da drinnen doch nicht im Stich lassen".

Glückliche Tage beim Wandern 2002 im Allgäu: Anneliese K. kuschelt mit ihrem Lebensgefährten vor einer Berghütte.
Glückliche Tage beim Wandern 2002 im Allgäu: Anneliese K. kuschelt mit ihrem Lebensgefährten vor einer Berghütte. Foto: privat

Dann kam der Tag, an dem sich Anneliese K. schwach fühlte. Sie brauche nur "ein bisschen Glukose", dann sei sie ganz schnell wieder auf den Beinen, habe der Pflegeheimarzt gesagt. Am nächsten Morgen standen zwei Polizeibeamte an ihrem Bett. Sie war gestorben – Todesursache unklar.

Nun versucht die Rechtsmedizin, die Gründe zu klären. Was immer herauskommt, Elze glaubt: "Es war eine psychische Sache. Es war das Fremde und die Einsamkeit. In Freiheit hätte sie sich noch an so vielen Sachen freuen können."

Jemanden einsperren, obwohl er ein Zuhause hat, "das darf man einfach nicht".

Lesen Sie dazu auch den AZ-Hintergrund: Demenz - Das Dilemma bei der Betreuung

 

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