Biennale Venedig Abgründig erdige Ideologie

Vom Teeniestar zum neuen James Dean: Zac Efron. Foto: Biennale

„At Any Price“ und Ulrich Seidls „Paradies: Glaube“ überzeugen auf der Filmbiennale.

 

Es gibt mythische Landschaften wie Monument-Valley oder die Rockys. Aber der eigentliche Schlüssel zur Seele der USA liegt in den ewigen Ebenen des Mittleren Westens, wo Siedler in grausamer Pionier-Arbeit Indianer-Prärie in Farmland verwandelten. „We Built It – Wir haben es geschaffen“ heißt der neue Kampf-Spruch des konservativen Amerikas gegen Obamas sozial-liberale Politikversuche. Und dieser Spruch meint: Wir, mit unseren eigenen Händen, in harter Arbeit, mit Familie und Gottes Hilfe, seit Generationen! Und wer es nicht schafft, dem gnade Gott!

Vor dieser erdigen Ideologie hat in Venedig eine Filmbombe eingeschlagen. Und wieder ist es ein Einwanderer – der persischstämmige Rahmin Bahrani –, der die amerikanischen Überlebensleistungen als urwüchsige Kraft ehrt, aber doch brutal befragt. Dennis Quaid spielt den Farmer, einen Mann der Tat, der sich in Zeiten von Genmais und Agrarindustrie-Monopolen auch mit Schlitzohrigkeit zum größten Farmer der Gegend hoch- gebissen hat, dabei immer jovial grinsend, händeschüttelnd. Aber er hat in seiner erfolgs-patriarchalischen Art den Kontakt zu seinen Söhnen verloren, der Ältere ist auf Selbstfindungs-Extrembergsteiger-Trip, der jüngere (Zac Efron) ist ein Testosteron-Bulle, der lieber Autorennen fährt. Als das Farm-Imperium in eine existenzielle Krise gerät, muss sich der Sohn entscheiden. Und am Ende ist die Familie gestärkt, aber ein hoher Preis wurde gezahlt.

„At Any Prize“ ist ein klassischer Film mit fantastischen Schauspielern – Zac Efron ist der neue James Dean – und mythischen Konflikten (Vater/Sohn, Land und Moderne, Ehe und Treue, Pflicht und Neigung). Alle werden gelöst. Doch am Ende ist eine Leiche im Silo-Keller als Zeitbombe, die über den Abspann hinaus tickt.

Gar keine Lösung bietet dagegen Ulrich Seidl an – und schafft auch so Großes: Sein österreichischer Beitrag „Paradies: Glaube“ ist der zweite Teil seiner Kardinaltugend-Trilogie. Maria Hofstätter ist jetzt eine Frau, die ihr Leben Jesus opfert und eine radikale Haustür-Missionierung betreibt.

Seidl untersucht Abgründe, zeigt, wie Menschen deformiert werden, Täter und Opfer in einem sind, weil sie sich selbst nicht befreien können – von Prägung und Zwängen. Das macht seine Filme bei aller Schonungslosigkeit unvergesslich.

 

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