Biathletin im AZ-Interview Preuß: "Ich bin zu nett auf der Strecke"

Biathletin Franziska Preuß. Foto: Christoph Landsgesell

Biathlon-Weltmeisterin Franziska Preuß spricht exklusiv in der AZ über die neue Saison, wie sie in den Bergen abschaltet, wie Fritz Frischer ihr Leben verändert hat – und wovor sie "Sc***ss" hat.

 

Die AZ hat mit Biathlon-Weltmeisterin Franziska Preuß gesprochen. Die 22-Jährige gehört zu Deutschlands besten Biathletinnen, bei der WM 2015 in Kontiolahti holte sie Gold in der Staffel und Silber im Massenstart, bei der Weltmeisterschaft 2016 Silber in der Mixed-Staffel und Bronze mit der Staffel.

AZ: Frau Preuß, am Wochenende beginnt die neue Weltcup-Saison im Biathlon. Welche Ziele haben Sie sich gesetzt?
Franziska Preuß: Ich setze mir keine konkreten Platzierungen mehr zum Ziel, weil das die letzten Jahre immer nach hinten losgegangen ist. Ich versuche, locker im Kopf zu bleiben und mir dann kurzfristige Ziele zu setzen – je nachdem, was der Körper gerade hergibt. Jedenfalls bin ich gut durch den Sommer gekommen, die Trainingssaison ist planmäßig verlaufen.

Der erste Weltcupsieg in einem Einzelwettbewerb ist heuer fällig, oder?
Das wär natürlich cool, aber dafür muss in einem Rennen alles zusammenpassen.

Wie haben Sie den Sommer verbracht? Gehen Sie auch so gern zum Bergsteigen wie Ihre Teamkolleginnen Laura Dahlmeier und Miriam Gössner?
Ich gehe gerne in die Berge. Wenn dort oben die Sonne scheint und man eine super Aussicht hat, tut das dem Kopf unglaublich gut. Aber so extrem klettern, wie es die Laura macht, das ist gar nicht meins. (lacht)

Sie sind erst spät zum Biathlon gekommen, Ihre Eltern haben Ihnen einen Gutschein fürs Camp von Fritz Fischer geschenkt. Da waren Sie fünfzehn.
Ja, ich kann mich noch sehr gut erinnern. Es war Ende März und eigentlich hatte keiner mehr richtig Bock auf Schnee, deshalb waren da auch nicht mehr viele Teilnehmer. Sonst wäre ich wahrscheinlich gar nicht aufgefallen. Der Fritz hat dann gesagt, er meldet sich im Mai bei mir. Ich hab mir noch gedacht, bis dahin wird er sich bestimmt nicht mehr an mich erinnern, aber er hat dann tatsächlich auf den Anrufbeantworter gesprochen und gefragt, ob ich zum Stützpunkttraining nach Ruhpolding kommen möchte. Ich bin megafroh, dass es so geklappt hat. Seitdem hat sich mein Leben ziemlich verändert.

Welche Bedeutung hat Fritz Fischer heute für Sie?
Wir treffen uns regelmäßig, ob zum Kaffeetrinken, zum Abendessen oder zum Brotzeitmachen. Es ist immer lustig mit ihm, und wir können uns über alles unterhalten, nicht nur über Biathlon. Gerade letztes Jahr nach meiner Verletzung hat er mich total aufgemuntert. Er spielt eine wichtige Rolle in meinem Leben.

Bei Olympia 2014 waren Sie der große Pechvogel in der Staffel, Sie sind kurz nach dem Start gestürzt, haben dabei den Stock verloren, das Team wurde Elfter. Auch das Einzelrennen haben Sie unter Tränen abgebrochen. Im nächsten Jahr sind Sie umso besser zurückgekommen. Haben Sie die Erfahrungen von Sotschi stärker gemacht?
Die Zeit in Sotschi war echt hart, aber in diesen drei Wochen habe ich so viel gelernt, wie ich wahrscheinlich nie wieder lernen werde. Ich bin mir nach den drei Wochen um fünf Jahre älter vorgekommen. Danach habe ich mir gedacht: Was soll mir jetzt noch passieren, was ich nicht durchstehe?

Wer baut Sie denn in diesen schweren Momenten auf?
Die Eltern natürlich, Familie, Freunde. Wenn ich heimfahre, bin ich nicht mehr die Biathletin, sondern nur noch die Franzi, das tut mir echt gut. Und meine Mutter weiß auch, wann ich einfach meine Ruhe brauche.

Wie können Sie sonst von den Rennen abschalten?
Ach, bei den ganz alltäglichen Dingen. Ich bin da ein typisches Mädl. Ich schaue einen Online-Shop durch und freue mich über ein neues Oberteil, ich backe einen Kuchen, oder ich lasse mich abends einfach mal vom Fernseher berieseln. Und mein Neffe, der lenkt mich natürlich immer super ab.

Ende vergangener Saison haben Sie gesagt, „ich will nicht mehr so brav sein“. Was meinten Sie damit genau?
Ich bin oft zu nett auf der Strecke. Wenn mir eine Gegnerin zu nahe kommt, dann stecke ich gleich zurück. Da habe ich ein bisschen Schiss. Gerade am Start fehlen mir die Ellenbogen. Ich will mich da jetzt echt mehr durchsetzen, weil eigentlich hätte ich es drauf.

 

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