Bettler in München Das Geschäft mit dem Mitleid am Viktualienmarkt

Verstümmelt: Oft werben Bettler mit schweren körperlichen Beeinträchtigungen um das Mitleid der Münchner – wie hier an der Metzgerzeile. Foto: Ralph Hub

Organisierte Gruppen von Bettlern sammeln sich zunehmend um den Viktualienmarkt. Die AZ erklärt, wie sie arbeiten – und, warum die Stadt sich machtlos gibt

In der Früh, kurz nachdem die ersten Standlbesitzer am Viktualienmarkt aufgesperrt haben, rücken die Bettler an. 14 Männer und Frauen, einer mit schlimmen Verstümmelungen, halten den Passanten Becher hin und schnorren ein paar Münzen.

Die Bettler-Mafia belagert derzeit den Viktualienmarkt. Jeder Einzelne hat seine spezielle Position und seine eigene Masche. Schräg gegenüber des Alten Rathauses etwa hat sich ein Kriegsversehrter am Fuße eines Verkehrsschildes niedergelassen. Sein linker Arm ist knapp unterhalb der Schulter amputiert, das linke Bein ebenso. Damit auch alle die Alu-Prothese sehen können, hat er das Hosenbein hochgekrempelt, sein Armstumpf hängt aus dem Pullover.

Polizeiautos machen die Bettler überhaupt nicht nervös

Eine Frau schiebt ihren Kinderwagen. Im Vorbeigehen lässt sie Münzen in seinen orangenen Kaffeebecher purzeln. Der Mann greift einen Teil ab, es soll nicht zu viel Geld im Becher liegen. Das bremst die Geberlaune der Leute.

Schräg gegenüber an der Heilig-Geist-Kirche hockt eine junge Frau und spielt ein trauriges Lied auf ihrem Akkordeon, ums Eck ein weiterer Akkordeonspieler. Keine zehn Meter entfernt kauert ein Mann, eingepackt in einen Parka vor der Heilig-Geist-Kirche. Sein Begleiter ist ein Hund. Die Augen blicken traurig. Die Decke, in die das Tier eingewickelt ist, verstärkt das Bild des Elends. „Im Grunde sind das arme Teufel“, sagt ein Ladenbetreiber, der froh ist, dass sie nicht vor seiner Tür sitzen.

Ein Polizeiauto fährt vorbei. Die Bettler beunruhigt das nicht, auch wenn das Altstadtrevier nur einen Katzensprung entfernt ist. Die beiden Polizisten stoppen nicht, kontrollieren nicht. „Wir fühlen uns mit dem Problem ziemlich alleine gelassen“, kritisieren Geschäftsleute und Standlbesitzer.

Betteln ist in München nicht generell untersagt, abgesehen von der Fußgängerzone. „Innerhalb des Altstadtrings und im Bahnhofsviertel sind aggressives Betteln und organisierte Bettelei verboten“, sagt KVR-Sprecher Johannes Mayer. Doch das ist nicht immer nachzuweisen. Wenn die Polizei einen aus der Bettler-Mafia mitnimmt, ist er oft schneller wieder zurück, als der Papierkrieg auf der Wache erledigt ist, sagt ein Beamter.

Insgesamt 14 Bettler sind es an diesem Vormittag. Das könnte man durchaus organisiert nennen. Kontrolliert wird trotzdem nicht.

Belagerungszustand am Viktualienmarkt. Die Bettler-Mafia aus Rumänien hat alles im Griff. „Wo die auftauchen, fällt für uns nix mehr ab“, erzählt Helmut. Der 48-jährige Münchner lebt seit Jahren auf der Straße.

Ein paar Meter von seinem alten Stammplatz an der Heilig-Geist-Kirche entfernt, hockt jetzt eine Frau vor der Pforte. Auch sie hat sich eine Decke über den Kopf gezogen. In der rechten Hand hält sie den in der Szene üblichen Kaffeebecher. Eine Münchnerin muss sich an ihr vorbeidrängeln. Ganz dicht hält die Bettlerin den Becher an die Passantin. „Muss das sein?“, brummt die Frau unwillig.

Noch mehr Menschen wollen betteln. Aber alle Plätze sind belegt

Runter die Viktualienmarktstraße sitzen drei Bettler. Ein älterer Mann macht Brotzeit und unterhält sich mit einem Kollegen. In einer Plastikschale hat er ein Jesus-Bild. Ein weiterer Mann sitzt am Boden mit einem Pappschild vor der Brust. Knapp hinter der Kustermann-Passage hockt eine junge Frau vor einem der Schaufenster. Als sie merkt, dass sie beobachtet wird, rafft sie ihre Sachen zusammen und verschwindet blitzschnell. Eine Stunde später ist sie zurück – ein paar Meter weiter, weil auf den Platz die Sonne scheint.

Organisierte Abzock-Masche: Die Bettler-Banden sind zurück in München

Am Alten Rathaus, gleich neben der Julia-Statue aus Bronze, besprechen sich drei Bettler, eine Frau und zwei Männer, aufgepackt mit Isomatte, Schlafsack und Taschen. Alle guten Plätze sind vergeben. Als sie merken, dass sie fotografiert werden, hebt einer die Hand, fast so, als wolle er den Stinkefinger zeigen. Missmutig zieht das Trio in Richtung Tal ab.

Morgen kommen sie vermutlich etwas früher. Denn: Ihre alten Stammplätze im Bahnhofsviertel werfen nichts mehr ab.

 

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