Besuch in Brannenburg Lars Bender: "Ich bin jetzt da, wo ich hinwollte"

Jaaaa! Lars Bender jubelt über sein Tor zum 2:1-Siegtreffer gegen Dänemark. Grund für die AZ... Foto: firo/augenklick

Gegen Dänemark schoss der Ex-Löwe Lars Bender die Nationalmannschaft bei der EM ins Viertelfinale. Ein Besuch in seinem Heimatort Brannenburg, wo er und sein Bruder ihre Fußballkarrieren starteten.

Jemand müsste mal wieder den Rasen mähen. Das Gras steht hoch auf dem Fußballplatz in Brannenburg. Zwischen den Strafräumen wachsen Gänseblümchen wie Unkraut. Auf der rechten Spielfeldseite ist Lars Bender am Sonntagabend entlanggesprintet, nicht hier, auf dem Fußballplatz des TSV Brannenburg, sondern im EM-Stadion von Lemberg, Luftlinie 904 Kilometer. Achtzig Meter bis in den Strafraum der Dänen, aus der Mitte kommt der Ball, rein ins lange Eck. Der Siegtreffer zum 2:1 in der 80. Minute, der Deutschland ins Viertelfinale bringt. Es war Lars Benders erstes Länderspiel von Beginn. Eine Geschichte wie aus einem Märchen.

Angefangen hat es auf der Wiese in Brannenburg. Bäume rahmen den Platz ein, am Rand des Spielfelds modern Holzbänke, und wer das Tor verfehlt, sieht die Kugel auf das Bergpanorama zufliegen. Lars und sein Zwillingsbruder Sven, Jahrgang 1989, kickten sich hier in ihren Kinderjahren die Knie wund, als noch keiner ahnte, wie weit sie es einmal bringen sollten als Profifußballer: Sven zu Borussia Dortmund, 2011 und 2012 Deutscher Meister, Lars zu Bayer Leverkusen und zur EM.

Nach dem Siegtor sei „das Handy explodiert”, erzählte Lars Bender am Tag nach seinem Treffer auf der Pressekonferenz. Zuerst antwortete er auf die SMS seines Bruders Sven, den Bundestrainer Joachim Löw nicht nominiert hatte. Später am Abend leuchtete auch das Display von Petra Bender. Die aparte Mittvierzigerin ist die Ehefrau von Lars’ Vater Hartmut. Von der Mutter der Zwillinge, Sabine, trennte sich Hartmut bald nach der Geburt, Lars und Sven wuchsen bei der Mutter auf.

Petra Bender steht im Sekretariat der Brannenburger Grundschule, die die Bender-Zwillinge besuchten. Eigentlich hat sie Feierabend, doch heute kommt sie nicht so schnell nach Hause. Sie muss erst noch die Geschichte von der SMS erzählen. „Lars hat mir geschrieben: ,Ich denke, ich bin jetzt da, wo ich hinwollte.’ Wenn er an die Anfänge hier zurückdenkt, bedeutet ihm das alles unheimlich viel.” Petra Bender, lange dunkle Haare, blitzend weiße Zähne, ist unglaublich stolz, das merkt man. Wie war es für sie, als Lars traf? „Grandios, phänomenal, perfekt”, sagt sie. „Toll, was die Burschen geschafft haben.” Was sie so besonders macht? „Sie sind bodenständig und sehr reif für ihre 23 Jahre. Und sie wussten schon immer, was sie wollen”, sagt Petra Bender.

Und das war vor allem: Fußball spielen. Mit zehn Jahren wechselten die beiden aus Brannenburg zur Spielvereinigung Unterhaching, 2002 dann zum TSV 1860, Vater Hartmut, Zollbeamter, fuhr sie mit dem Auto zu jedem Training nach München. Später zogen die Unzertrennlichen gemeinsam in eine WG. Verantwortung übernahm Lars auch auf dem Platz. Mit 19 machte ihn der damalige Trainer Marco Kurz zum Kapitän, dem jüngsten aller Zeiten in der Geschichte der Löwen. 2009 trennten sich die Wege von Lars und Sven, die beide im defensiven Mittelfeld spielen: der eine zu Leverkusen, der andere nach Dortmund. Kein leichter Schritt.

Dass man gar nicht höre, dass er aus dem tiefsten Bayern kommt, wurde Lars kürzlich vorgeworfen. „I konn scho, wenns’d mogst, aber dann versteht mi koana”, antwortete er.

Vielleicht keiner beim DFB, aber jeder in Brannenburg. 5700 Einwohner, Rosenheim ist ganz nah, der Wendelstein zieht Tagesausflügler an. Mathias Lederer, Erster Bürgermeister, lehnt in seinem Bürostuhl. Er trägt einen Trachtenjanker, hinter ihm an der Wand hängt ein Kreuz. In der Hand hält er einen Fußball, unterschrieben von Lars und Sven, den berühmtesten Brannenburgern. 2011, nachdem Sven mit Dortmund Meister und der Leverkusener Lars Vize geworden waren, trugen sich beide in das Goldene Buch der Stadt ein. „Für uns als Gemeinde ist das ein Traum”, sagt er über das Tor, das Lars über Nacht zum Star gemacht hat in Deutschland. Hier soll alles so blieben. „Brannenburg ist für die beiden ein Rückzugsort”, sagt Lederer. „Wenn sie hierher kommen, können sie sich ganz unbehelligt bewegen”, sagt Mathias Lederer. Erholung vom Massenrummel Bundesliga. „Man lässt sie in Ruhe, das genießen die beiden sehr.”

Sie sitzen dann im Eiscafé Venezia, schauen sich Spiele des TSV Brannenburg an, wo Vater Hartmut als Trainer arbeitet, ab und zu trainieren sie mal mit. Kürzlich haben die Benders im Ort eine Wohnung für ihre Besuche ein der Heimat gekauft. In einem Mehrfamilienhaus, auch ihre Mutter lebt dort. Neben dem Eingang steckt eine Deutschlandflagge im Blumentopf. „L. + S. Bender” steht auf dem Klingelschild. Vom Balkon aus blickt man auf das Alpenpanorama. Ansonsten: kein Schickimicki. Würde auch gar nicht passen. „Zwei-, dreimal im Jahr sind die beiden Benders zu Besuch”, erzählt Mathias Lederer. Was Lars mit dem Tor geschafft hat, hat er noch nicht richtig registriert. „Es ging bei beiden ja so langsam.”

Die Benders sind keine hypertalentierten Zauberfüßler wie Mario Götze, gerade 20. Und dass Lars Bender wie Jérome Boateng, den er gegen Dänemark als Rechtsverteidiger vertrat, in den Schlagzeilen landet, weil er sich mit einem operierten TV-Sternchen im Hotel trifft: Das kann sich in Brannenburg keiner vorstellen. Die Benders sind ehrliche Arbeiter. Und das soll auch so bleiben. Gegen Dänemark lief Lars 11,34 Kilometer. Mehr als jeder seiner Kollegen. Mal schlecht spielen, das kann passieren, hat ihnen Vater Hartmut eingebläut. Laufen dagegen kann man immer. Gegen Griechenland wird Trainer Löw wohl wieder Boateng aufstellen. Und Lars Bender vielleicht einwechseln. Dann wird er laufen, laufen, laufen. Wie früher, auf dem Platz, wo die Gänseblümchen wuchern.

 
 

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