Bestandaufnahme vor Ort Das Münchner Neonazi-Netzwerk

Militantes Auftreten: Mitglieder der "Jagdstaffel D.S.T" treffen sich im Mai 2010 in Fürstenried. Foto: Robert Andreasch

Waffen und NS-Verherrlichung – Einblicke in die braune Szene Münchens: In der bayerischen Hauptstadt und vielen Regionen haben rechte Aktivisten die NPD bereits an Bedeutung überholt.

MÜNCHEN Am 13. August dieses Jahres steht Martin Wiese am Ortsrand der unterfränkischen Gemeinde Roden-Ansbach auf der Ladefläche eines LKWs. Vor ihm stehen hunderte Besucher des „Frankentags“, einem nach dem nationalsozialistischen Vorbild benannten Rechtsrockspektakel. Martin Wiese ist als Redner für den Berliner Neonazi Eckart Bräuninger eingesprungen, als ehemaliger Söldner ein militanter Aktivist wie Wiese. Anwesenden Journalisten droht Wiese mit der Ermordung wegen „Hochverrats am deutschen Volk“.

Auf seinem T-Shirt trägt der gebürtige Anklamer einen ganz besonderen Rückendruck: „Seine Idee – Unser Weg“ steht da – und darunter eine kleine Kritzelei: die Unterschrift Adolf Hitlers. Wiese bekennt sich so eindeutig zum Nationalsozialismus, zur Schoah und zum Vernichtungskrieg.

Wiese ist im August 2010 aus der Justizvollzugsanstalt Bayreuth entlassen worden. Sieben Jahre hat er abgesessen, seit er im September 2003 wegen der Bildung der rechtsterroristischen „Schutzgruppe“ innerhalb der „Kameradschaft Süd“ und zahlreicher Waffendelikte in seiner Wohnung in der Landsberger Straße festgenommen wurde. Als „Führungsauflage“ wurde bei seiner Entlassung ein „Kontaktverbot“ verhängt. Fünf Jahre lang darf er seine ehemaligen Mittäter Thomas Schatt und Karl-Heinz Statzberger nicht treffen. Doch wie selbstverständlich sind Schatt und Statzberger beim „Frankentag“ anwesend. Weil das Trio auch bei anderen Veranstaltungen aufeinander traf, ermittelt in der Zwischenzeit die Staatsanwaltschaft Hof gegen Wiese (AZ berichtete).

Dieser inszeniert sich in Vorträgen in der bundesdeutschen Neonaziszene als angeblich „unschuldig“ Verurteilter. Seit April 2011 nimmt er wieder an neonazistischen Aktionen in der Öffentlichkeit teil. Der 35-Jährige, der in Garching bei der Spedition eines Gesinnungsgenossen Arbeit gefunden hat, übernahm nach seiner Entlassung schnell wieder eine führende Position in der Szene und wirkt hier offenbar als Integrationsfigur und Motivator.

Seine mittlerweile in „Kameradschaft München“ umbenannte ehemalige „Kameradschaft Süd“, gegen die nie ein Verbot erlassen wurde, bekam jedenfalls merklich neuen Schwung. Geleitet wird die braune Truppe zumindest nach außen hin jedoch nicht von Wiese, Pierre Pauly und Karl-Heinz Statzberger bestimmen vielmehr weiterhin das Geschehen. Die Beziehungen der „Kameradschaft München“ zur „Burschenschaft Danubia“ in Bogenhausen, bei der sich im Januar 2001 der Nazischläger Christoph Sch. auf der Flucht vor der Polizei verstecken konnte, wurden noch weiter ausgebaut.

Wiese übernahm die presserechtliche Verantwortung für die neue Neonaziclique „Kameradschaft München Nord“, die weniger Neonazis aus den nördlichen Stadtteilen, sondern die Reste der einst stadtweit aktiven „Freien Nationalisten München“ sowie langjährige, zuletzt unorganisierte Neonaziaktivisten neu verbindet. Zusammen mit der seit über vier Jahren existierenden „Kameradschaft München Süd-Ost“ (KMSO), der militanten „Bruderschaft Jagdstaffel D.S.T“ und dem „Aktionsbund Freising“ schlossen sich die wichtigsten Münchner Neonazigruppen, die sich fernab einer Partei organisieren wollen, dem bayernweiten Neonazinetzwerk „Freies Netz Süd“ (FNS) an.

Das FNS hat in München und einigen anderen Regionen bereits die bayerische NPD an Bedeutung überholt, zum Teil übernehmen nun FNS-Aktivisten ganze Bezirksverbände der neonazistischen Partei. Gemeinsam mit dem unlängst als stellvertretender NPD-Bundesvorsitzender wiedergewählten Stadtrat Karl Richter („Bürgerinitiative Ausländerstopp“) planen die militanten FNS-Gruppen Münchens bereits eine gemeinsame Kandidatur zur Stadtratswahl im Jahr 2014.

Mindestens einmal im Monat sind die Münchner Kameradschaften mit Reisebussen zu neonazistischen Aufmärschen unterwegs, in den letzten Wochen fuhren sie unter anderem ins tschechische Rotava und ins oberfränkische Wunsiedel.

Dazu finden regelmäßig interne Veranstaltungen statt, zu denen Interessierte auch in den letzten Tagen wieder konspirativ zu Gaststätten und Sportanlagen im Münchner Stadtgebiet geschleust wurden. In die Öffentlichkeit traten die Münchner Neonazis in der jüngsten Vergangenheit vor allem mit Flugblattaktionen: Rassistische Flyer verteilten sie im Oktober an mindestens sieben Schulen, bei einem sogenannten „Infostandaktionstag“ an neun Plätzen im Stadtgebiet sowie, vermummt und im Schutze der Dunkelheit, gegen ein angeblich in Berg am Laim geplantes Asylbewerberheim. Neonazis aus dem „Freien Netz Süd“ versuchten dazu die Besucher einer Veranstaltung gegen Antisemitismus im Gewerkschaftshaus durch eine Verteilaktion einzuschüchtern.

Potentielle Sympathisanten sollen auch im Internet geködert werden: Fast alle Neonaziaktivisten der Stadt sind in sozialen Netzwerken vertreten, in online-communities wie den Lokalisten oder bei Facebook inszenieren sich dutzende Münchnerinnen und Münchner mit neonazistischen Parolen und Symbolen. Immer wieder posieren Neonazis in ihren Profilbildern dabei mit großkalibrigen Waffen. Auf der gruppeneigenen Homepage drohen die vermummten Mitglieder der „Jagdstaffel D.S.T.“ ihren politischen Gegnern, bewaffnet mit Axtstielen, Macheten und Teleskopschlagstöcken. Im letzten Jahr fuhren sie mit ausgewählten Mitgliedern anderer Münchner Kameradschaften zu einem paramilitärischen Paintball-Schießen ins südliche Tschechien.

Es bleibt jedoch nicht bei Drohungen und Übungen: Im vergangenen Herbst hatten Neonazis der „Kameradschaft München“ versucht, eine antifaschistische Kundgebung in Miesbach zu attackieren. Als Nazigegner im September 2011 in Deggendorf demonstrierten, rannten Neonazis in Angriffsabsicht aus einem häufig von ihnen genutzten Gasthaus heraus auf die Demonstration zu. Unter den Neonazis, die von der überraschten Polizei gerade noch aufgehalten werden konnten, befanden sich auch der bekannte Münchner Aktivist Norman Bordin – und Martin Wiese.

Robert Andreasch ist freier Journalist mit Arbeitsschwerpunkt extreme Rechte und Autor des Münchner Infoportals www.aida-archiv.de.

 

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