Berliner Ensemble Ein Heiler treibt Claus Peymann aus

Claus Peymann war von 1999 bis zu diesem Sommer der Chef des Berliner Ensembles. Foto: dpa

Der neue Intendant des Berliner Ensembles lässt das Theater am Schiffbauerdamm von einem Geomantiker aus Hannover entstören

BERLIN - Wenn man denkt, jetzt ist die Welt schon narrisch genug, dann passiert irgendwas in Berlin, das alle Erwartungen übertrifft. Nach einem Bericht der „Berliner Zeitung“ hat der neue Intendant Oliver Reese den Sitz des Berliner Ensembles, das Theater am Schiffbauerdamm, von einem Geomantiker aus Hannover mit der Wünschelrute „entstören“ lassen.

Ausgerechnet jemand aus Hannover. Das ist schon schlimm genug. Aber auch noch ein Esoteriker? Dr. Werner Hartung war dem Vernehmen nach bei der Einweihungsparty am vergangenen Wochenende im Einsatz. Dabei ging es aber nicht um die gefährliche Konzentration negativer Energie durch Reeses giftspritzenden Langzeit-Vorgänger Claus Peymann, sondern um den schlechten Einfluss von Wasseradern, die sich vor allem aufgrund der elektronischen Theatertechnik von rechtsdrehenden positiven Quellen ins linksdrehende verwandelt hätten, wie Hartung der „Berliner Zeitung“ erklärte.

Eine neuer Standard für Einweihungspartys

Müssen Staat und Stadt in München nun angesichts der neu zu besetzenden Intendanten- und Generalmusikdirektorenposten (Staatsschauspiel und Staatsoper) sowie Neu- und Umbauten (Haus der Kunst, Gasteig, Werksviertel) gar einen Geomantiker fest anstellen, damit uns Berlin nicht aussticht? Und fließt unter den Münchner Kammerspielen gar eine schädliche Wasserader, was angesichts der vielen Stadtbäche nicht ausgeschlossen werden kann? Vielleicht kann ein Wünschelrutenmann die Rettung bringen!

Ingo Sawilla, der vormals am Münchner Residenztheater tätige Sprecher des Berliner Ensembles, versichert der AZ, das Ganze sei ein Gag gewesen. Reese hinge nicht der Esoterik an und Hartung habe auf schamanistische Praktiken im engeren Sinn verzichtet. Der Geomantiker sei mit dem neuen Team von Büro zu Büro gezogen. Nach erfolgter Entstörung hätten Mitarbeiter von plötzlich gestoppten Kopf- und Rückenschmerzen berichtet. Aber auch das eher im Scherz.

Das Haus, in dem Bertolt Brecht einst das „Theater des wissenschaftlichen Zeitalters“ ausrief, wird also nun nicht zur Brutstätte des Irrationalismus.

Was die Einweihungspartykultur angeht, hat Reese allerdings für Berlin neue Maßstäbe gesetzt. Da wird Chris Dercon mindestens das Orgienmysterientheater von Hermann Nitsch oder den exhumierten Salvador Dalí engagieren müssen, um bei seinem Einstand an der Volksbühne die Konkurrenz zu toppen.

 

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