Berlinale: "Souvenir" Gefährliches Spiel mit der Fiktion

 Foto: filmtank

 Der Dokumentarfilm "Souvenir" mixt Realität und Erfundenes auf ungewöhnliche Weise - mit einer Überraschung bei der Premiere

In der Reihe "Forum" auf der Berlinale kann man Filme sehen, die sich den Konventionen entziehen, die Neues ausprobieren, ästhetisch und inhaltlich. In "Souvenir" hat man es tatsächlich mit einem äußergewöhnlichen Exemplar von Dokumentarfilm zu tun: Der junge Regisseur André Siegers hat die gesammelteln Videoaufnahmen eines anderen Menschen, Alfred Diebold, zu einem Film montiert, sehr private Aufnahmen, die von einem Erzähler aus dem Off, mit dem Diebold befreundet war, kommentiert werden - inklusive dem Wortlaut von Briefen, die Diebold an diesen Freund geschrieben hat.

Man muss von dem Protagonisten des Films erstmal in der Vergangenheitsform sprechen: Denn Diebold ist, so erklärt es der Erzähler, während einer Reise in der Antarktis spurlos verschwunden. Aufnahmen Diebolds von den Eisflächen, dem Schiff, auf dem er reiste, ergänzen diesen Beginn, der einen Ton der Verlorenheit setzt, der sich durch die ganzen 80 Minuten zieht. Gleichzeitig erweist sich Diebold als humorvoller, lebenslustiger, filmwütiger Lebemann. Als Repräsentant der Friedrich-Ebert-Stiftung war er viel in der Welt unterwegs, filmte sich immer wieder selbst, bei Reisen in Nepal oder Südafrika, in der libyschen Wüste, bei einem Interview mit Helmut Schmidt und auf einer Berlinale frühen Datums, von der er im Auftrag einer schwäbischen Zeitung berichtete.

Sehr privat wird der Film, wenn Diebold seine Freundin mit der Kamera einfängt. Irgendwann berichtet sie, dass ihr ein Tumor in der Leber diagnostiziert wurde. Was folgt, sind Aufnahmen einer Frau, die nicht mehr viel Lebenszeit hat und schließlich stirbt. Diebold filmt daraufhin die leere Wohnung, weinend. Spätestens hier ergibt sich die Frage, wieviel Privatheit ein Dokumentarfilm verträgt. Und wieviel Fiktion. Denn der Erzähler aus dem Off ist, so erfuhr man nach der Vorführung, eine Erfindung, genauso wie die Briefe. Echt ist Diebold, der 2009 für die SPD in den Wahlkampf ging, als baden-würtembergischer Kandidat fürs Europaparlament. Die Wahl hat die SPD damals schwer verloren, aber Diebold behält vor der Kamera seinen Humor. Und verschwindet, so der Kreisschluss, im Eis.

Hat Diebold sich selbst umgebracht? Den Gedanken legt der Film nahe. Als die Vorführung beendet ist und die Beteiligten nach vorne gerufen werden, ist jedoch einer dabei, den man nicht erwartet hätte: Alfred Diebold. Sein Verschwinden im Film ist ebenfalls und unvermutet Fiktion. Dass Diebold für Publikumsfragen nicht zur Verfügung stand, konnte man verstehen.

Immerhin: Der anwesende Produzent meinte, dass sich die Filmemacher von "Souvenir" und der passionierte Hobbyfilmer Diebold sich nicht gegenseitig "umgebracht" hätten. Was ein paar Querelen erahnen lässt. Diebold wollte, dass Siegers aus seinem Videomaterial einen Film zusammenstellt. Ob er aber diese Vermischung von Wahrheit und Dichtung, von seiner Lebensgeschichte mit fiktionalisierendem Kommentar wollte, darf man bezweifeln.

Dennoch: "Souvenir" ist ein schillernder Dokumentarfilm geworden, über einen Mann, der wie viele Erlebtes fast manisch aufnimmt. Dass diese gefilmte Existenz zur Fiktion wird, schon immer ein wenig unwirklich, weil die Präsenz der Kamera das gezeigte Leben verändert, ist ein Gedanke, den man aus Siegers diskussionswürdigem Film mitnehmen kann.

 

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