Berlinale Das Leben sollte pulsieren

Der britische Schauspieler Rupert Grint (L-R), der schwedische Regisseur Fredrik Bond und Til Schweiger bei einem Fototermin für "The Necessary Death Of Charlie Countryman". Foto: dpa

Im Berlinale-Wettbewerb enttäuscht der einzige deutsche Beitrag „Gold“, Til Schweiger mischt in einem Gangsterdrama mit – und Sebastián Lelios „Gloria“ entpuppt sich als erster Bärenfavorit

 

Mit dem „Sommermärchen“ gehörte sie dauerhaft zur Fußball-Realität: Die Deutschlandfahne als Autowimpel. Und auch 1898 begleitete sie – auf einem Planwagen gespannt – ein deutsches Großereignis: Den 2500 Kilometer langen Treck einer Amerika-Auswanderer-Gruppe. So will es Thomas Arslans Berlinale-Wettbewerbsbeitrag „Gold“. Nur leuchtet die Flagge hier auch in den Farben schwarz-rot-gold. Die Tricolore des deutschen Reiches wehte zu dieser Zeit offiziell aber wieder preußisch schwarz-weiß-rot.

Die Irritation mag nur ein Detail am Rande sein, spiegelt aber die Grundproblematik des enttäuschenden Films wieder: Arslan, der bekannt ist für seine strengen Berliner-Schule-Arbeiten, will in seinem „mit Westernelementen“ aufgepeppten und an „Meek's Cutoff“ erinnernden Drama Authentizität vorgaukeln und minutiös die Reise von sieben deutschen Goldsuchern nachzeichnen. Eine spannende Geschichte könnte sich daraus ergeben, die um eine fatale Gruppendynamik und falsche Erwartungshaltungen kreist.

Aber nichts da. Arslan verlagert die Berliner-Schule-Tristesse einfach in die wunderbar abwechslungsreiche Landschaft Kanadas. Während er die möglichen Katastrophen – von reißenden Flüssen, gefährlichen Indianergebieten über tragische Unfälle – brav bis unfreiwillig komisch abhandelt, gelingen ihm keine Figuren, mit denen sich der Zuschauer identifizieren kann. Und auch Nina Hoss, die nahezu ohne Mimik wie so oft eine kühle, unnahbare Geheimniskrämerin spielt, hat man – etwa in „Barbara“ – schon viel überzeugender gesehen. Es bleibt verwunderlich, warum ausgerechnet dieser spröde Anti-Unterhaltungsfilm, bei dem nicht nur die Goldnuggets künstlich aussehen, es als einziger deutscher Beitrag geschafft hat, in den Berlinale-Wettbewerb zu kommen.

Da gehört allerdings auch „The Necessary Death of Charlie Countyman“ nicht hin. Hier suchen die Figuren zwar nach Liebe und nicht nach Gold, das Ergebnis ist aber dasselbe. Shia LaBeouf mimt einen naiven Streuner, den es nach dem Tod seiner Mutter nach Bukarest verschlägt. Dort soll laut ihrem Rat aus dem Jenseits der Schlüssel zu seinem (Liebes)Glück stecken. Eine Flugzeugleiche später glaubt Charlie die Traumfrau in der Cellistin Gabi (Evan Rachel Wood) gefunden zu haben. Die hängt aber noch an ihrem Ex, dem Gangster Nigel (Mads Mikkelsen). Bald spielt die Story keine Rolle mehr, denn Werbeclip-Regisseur Fredrik Bond weidet sich lieber an Ostblock-Klischees. Heraus kommt ein manierierter, nichtssagender Film-Trip, in dem auch Til Schweiger als Clubbesitzer Darko nur eine 08/15-Brutalo-Gangster-Karikatur spielen darf.

Einen weitaus erfüllenderen Sehnsuchtsfilm gelang dem Chilenen Sebastián Lelio mit „Gloria“. Das einfühlsame, gleichsam komische und bewegende Porträt einer Endfünfzigerin (großartig wie eine Almodovar-Muse: Paulina Garcia), die nicht zu Hause vor sich hindämmern, sondern das pulsierende Leben umarmen will, riss Publikum und Kritik zu Ovationen hin. Gloria nimmt einen mit auf eine niemals peinliche Reise zu sich selbst, die sie auf einen ebenfalls geschiedenen Mann treffen lässt, der in ihr den Glauben weckt, alles hinter sich lassen zu können.

Wie die beiden turteln wie pubertierende Teenies und dabei so verrückte Dinge tun wie Paintball schießen, ist nicht nur amüsant zu beobachten, sondern birgt auch eine große Sehnsucht nach Geborgenheit in sich. Als der unsichere Liebhaber aber von einer Familienfeier verschwindet, droht auch Glorias Glück zu zerplatzen. Die Bärenträume für Film und Hauptdarstellerin könnten sich am nächsten Samstag aber durchaus erfüllen.

 

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