Berlinale - das Fazit Am Samstag steppt der Bär

Richard Linklater begeisterte mit seiner Kindheitsstudie, an der er 12 Jahre drehte: Ellar Coltrane und Lorelei Linklater bei der "Boyhood"-Premiere. Foto: dpa

Kinder, verprügelte Frauen, komische Stars und viel Spannung, die aber „außer Konkurrenz“ läuft und eine starbesetzte Hollywood-Nummer, die wenig gloreich ist. So war die Berlinale...

Berlin - Erniedrigt, ausgebeutet, dämonisiert. Stellt man sich so die Frau im 21. Jahrhundert vor? Geht es nach dem Berlinale-Jahrgang 2014, bleibt von Emanzipation und Gleichstellung nicht viel übrig. Frauen sind in den Wettbewerbsbeiträgen häufig Lustobjekte, die dem Mann beim brutalen Liebesakt fast nie in die Augen sehen dürfen („Stratos“, „Aloft“) oder sie scheitern in ihrer Rolle als Mutter, in dem sie ihre Kinder vernachlässigen („Jack“) oder unterdrücken („Kreuzweg“).

Dem gegenüber stehen Männer, die – wenn überhaupt präsent – ihre Frustrationen und Schwächen oft mit Schlägen am vermeintlich schwächeren Geschlecht auslassen („Boyhood“, „Kraftidioten“). Wer aber am meisten unter den aus den Fugen geratenen Geschlechterrollen und Familienverhältnissen leidet, das zeigen die Filme eines eher mäßigen Wettbewerbs deutlich: die Kinder. Sie sind nicht nur Beobachter familiärer Katastrophen, sondern häufig Leidtragende und bleiben am Ende oft auf sich alleine gestellt.

Es verwundert daher nicht, dass es besonders junge (Laien-)Darsteller waren, die sich preiswürdig in den Vordergrund spielen konnten. So der 11-jährige Ivo Pietzcker als früh Verantwortung übernehmender Junge, der sich im berührenden deutschen Wettbewerbsbeitrag „Jack“ auf die Suche nach seiner Mama macht. Ganz stark auch Lea van Acken, die als Maria von ihrer streng gläubigen (Über-)Mutter keine Gnade erfährt und daran in Dietrich Brüggemanns „Kreuzweg“ zerbricht.

Den Kopf zerbrechen konnte man sich auch darüber, wie es Filme wie „Aimer, boire et chanter“, „History of Fear“ oder „Praio do Futuro“ überhaupt in den Wettbewerb schafften. Denn dröges, abgefilmtes Theater (auch wenn es von Altmeister Alain Resnais ist), belanglose Beziehungskisten oder diffuse Stimmungsbilder von Angstzuständen braucht kein Mensch, wenn sie weder filmisch noch emotional den Zuschauer in eine andere Welt entführen wollen und können.

So sind es besonders die mit Vorschusslorbeeren überhäuften Werke, die in Berlin für Furore sorgten. In Wes Andersons verspieltem Eröffnungsfilm „The Grand Budapest Hotel“ werden nicht nur Cineasten, sondern auch Normalo-Kinogänger eine hervorragende Unterhaltungs-Unterkunft finden, weil die Fabulierkunst des Regisseurs in einer warmherzigen Freundschafts-Geschichte ihre stimmige Entsprechung findet.

Ein Bär für die beste künstlerische Gestaltung oder die Regie wäre deshalb keine Überraschung. Den hätte neben Ning Hao für seine pfiffige chinesische Coen-Brothers-Hommage „No Man’s Land" allerdings auch Yann Demange für sein packendes Kinodebüt „71“ verdient, das in fiebriger Handkamera-Ästhetik veranschaulicht, was passiert, wenn ein junger britischer Soldat sich während des Nordirlands-Konflikts in Belfast verirrt.

Preiswürdig wäre auch Lars von Triers erwartungsgemäß freizügige, aber überraschend witzige Uncut-Version von „Nymphomanic Volume I“ gewesen. Doch die bereits am 20. Februar bei uns startende Sextour mit philosophischen Schlenkern lief außer Konkurrenz. Von Trier, die selbst ernannte Persona non grata der Berlinale, überließ diesmal seinem Star Shia LaBeouf den Mini-Skandal, als der mit einem Zitat von Kultkicker Eric Cantona fluchtartig die Pressekonferenz verließ und über dem Roten Teppich mit einer Tüte auf dem Kopf flanierte.

Verstecken müsste sich eigentlich George Clooney für seine „Monuments Men“. Die starbesetzte Hollywood-Heldennummer um sieben Spezialisten, die sich als Retter der Kunst vor den Nazis verstanden, kam dank eines oberflächlichen Drehbuchs und grauenhaft fröhlicher Dauer-Marschmusik alles andere als glorreich an. Clooneys ansteckender Charme tat der Berlinale, die immer auch etwas angestrengt ihren Kunstanspruch betont, jedoch gut.

Und wenigstens sorgte sein US-Kollege Richard Linklater mit dem fabelhaften Heranwachsenden-Porträt „Boyhood“ auch für ein bisschen Konsens unter den Kritikern, die so entgegengesetzt wie selten zuvor urteilten. Jetzt ist es am Jury-Leiter James Schamus, um bei der Bären-Vergabe nicht nur für die ansprechenden deutschen Beiträge (darunter auch Dominik Grafs „Geliebte Schwestern“), sondern besonders für seinen Landsmann Linklater ein goldenes Wort einzulegen – bei den Jurykollegen wie Christoph Waltz.

 

0 Kommentare