Berlinale AZ-Kritik: The Kidnapping of Michel Houellebecq

Michel Houellebecq spielt sich in "The Kidnapping of Michel Houellebecq" wunderbar selbst: unterspannt, scharfzüngig und irgendwie sympathisch. Foto: Berlinale

In der witzigen, pseudo-dokumentarischen Komödie "The Kidnapping of Michel Houllebecq" spielt das Enfant terrible der französischen Literatur sich selbst.

 

Dass irgendwas nicht stimmt, ahnt Frankreichs scheuer Meisterschriftsteller Michel Houellebecq durchaus. Aber er ist nicht unbedingt ein schlagfertiger Held. In den Fahrstuhl hoch zu seinem Apartment drängen sich drei muskelbepackte Männer, die eine grüne, fast sargförmige Kiste bei sich haben, eine Kiste mit Luftlöchern…

Houellebecq wird von den Männern entführt, landet in einem Häuschen eines älteren Paars (den Eltern eines der Entführer) in der französischen Pampa.  Vor dem Kidnapping hat Regisseur Guillaume Nicloux ein wenig in den Alltag der Jungs und des berühmten Schriftstellers geblickt: Muckibude versus Pariser Intellektuellen-Biopop, zwei Milieus, die unterschiedlicher nicht sein könnten, aber immerhin wird überall geübt: hier trainieren die einen ihren Körper, dort lässt einer seine Gehirnmuskeln spielen.

Houellebecq spielt sich in „The Kidnapping of Michel Houellebecq“ jenseits aller Schauspielmanierismen einfach selbst, was er sehr gut beherrscht, der Körper schlaksig und unterspannt, der immer-kritische Geist rege. Von Anfang an zeigt Houellebecq sich dabei in seiner eigenwilligen Pracht: Es geht in den Gesprächen mit Freunden und Bekannten meist um den Stand und die Vergangenheit der Kultur - Mozart hält Houellebecq zum Beispiel für arg überschätzt, Beethoven ist das wahre Genie. Recht ist wenig, schlecht ist viel.

Auch einem der Kraftprotze gibt Houellebecq im Laufe seiner Gefangenschaft ein paar Lektionen im kreativen Schreiben. Die Langeweile nennt Houellebecq als Voraussetzung, damit die Ideen fließen, und er langweilt sich selbst sehr schnell, bringt seine erregbaren, aber nicht brutalen Entführer ins Rotieren, will Bücher lesen, rauchen, Rotwein trinken und lässt sich nur schwer von seinen schlechten Gewohnheiten abbringen. Die harten Jungs werden zu Gesundheitswächtern und kumpelhaften Gesprächspartnern, die ihre Geisel wiederum in die Welt des Bodybuildings und Wrestlings einführen.

Der Film gibt sich schön ironisch dokumentarisch - es wurde wohl am Set zu vorgegebenen Situationen improvisiert, was zu authentisch wirkenden Reaktionen führt: Der Fülligste der Entführer trägt Houellebecq ein eigenes, im Jugendalter verfasstes Gedicht über die Jagd vor. Houellebecq prustet los. Und bietet selbst der freundlichen Hausherrin an, dass er ihr ein Gedicht schreiben würde, wenn sie dafür sorgt, dass eine Prostituierte namens Fatima öfters mal vorbeischaut. Von wegen Anti-Islamist, von wegen Misanthrop: Houellebecq kommt in seiner Sperrigkeit sympathisch rüber und bringt seine Entführer seelenruhig zur Weißglut. Ein köstlicher Film über eine unaufgeregte Entführung, zwischen Verneigung vor dem Genie und, von Houellebecq unterstützter, entspannter Verarsche.

 

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