Tabuthema Kindesmissbrauch Schock-Bericht: Vieles wird von Müttern totgeschwiegen

, aktualisiert am 14.06.2017 - 14:07 Uhr
Auf einer Pressekonferenz in Berlin wurde der erste Zwischenbericht der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs vorgestellt. Foto: Nicolas Armer/dpa

Tabuthema Kindesmissbrauch - eine unabhängige Kommission hat Betroffene von sexuellem Missbrauch angehört. Das Ergebnis ist selbst für Experten erschreckend.

 

Berlin -  Kindesmissbrauch passiert jeden Tag. In den besten Familien. Ein Großteil dessen was mitten in unserer Gesellschaft passiert, wird unter den Teppich gekehrt. Vor der bitteren Realität verschließen viele die Augen. Das geht aus einem ersten Zwischenbericht der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hervor.  Der Bericht gibt einen intensiven Eindruck in das unfassbare Leid der Missbrauchsopfer und zeigt die unheimlich großen Ausmaße sexuellen Missbrauchs in Deutschland auf.

Geschehenes wird totgeschwiegen

Betroffene von sexuellem Missbrauch fühlen sich allein, schämen sich für das was passiert ist. Oder noch schlimmer: Nicht selten sind sich die Minderjährigen gar nicht dessen bewusst was ihnen von Mama oder Papa angetan wurde. Darüber zu sprechen und sich jemanden anvertrauen kann dabei ungemein helfen - doch wem vertraut man sich an, wenn die eigenen Eltern zu Tätern werden? Es fehlt der richtige Ansprechpartner, also wird Geschehenes totgeschwiegen und runtergeschluckt.

Die Kommission hat für ihren Bericht bisher rund 200 Erwachsene mit Missbrauchserfahrungen angehört - darunter sprachen viele das erste Mal über ihre Erlebnisse. Das Ergebnis? Erschütternd. Ein totales Versagen des Umfelds missbrauchter Kinder wird sichtbar. In den vertraulichen Einzelgesprächen schütten die Opfer ihr Herz aus und berichten von ihren Schicksalen. Erzählen von einem Vater der sie missbrauchte und einer Mutter die von dem allem wusste. Erwachsene teilen mit, wie sie als Kinder zu oft keine oder erst spät Hilfe erfuhren. Denn Familienangehörige reagierten trotz ihres Wissens um die Übergriffe nicht. Insbesondere Mütter hätten Missbrauch geduldet und ihn dadurch unterstützt, heißt es in der Studie. Täterinnen waren sie dagegen selten. Doch der seelische Schaden, den viele Mütter geduldet haben, bleibt für immer.


Der Missbrauchsbeauftragte des Bundes, Johannes-Wilhelm Rörig. Foto: Michael Hanschke/dpa

"Weißt du überhaupt was der Papa mit mir macht?"

"Der Bericht gibt einen tiefen Einblick in das Versagen von Müttern", sagt Johannes-Wilhelm Rörig, unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, der Deutschen Presse-Agentur. "Es gab Fälle, in denen Kinder ihre Mütter gefragt haben: "Weißt du überhaupt, was der Papa mit mir macht?". Und die Mütter haben dann ihre Töchter als Hure oder Schlampe beschimpft." Die Untersuchung zeige auch, wie wenig Mütter sich bei finanziellen und emotionalen Abhängigkeiten vom Partner zu helfen wüssten.

Seit Mai 2016 wurden rund 200 Betroffene befragt, 170 schickten schriftliche Berichte. Insgesamt haben sich bislang rund 1000 Missbrauchsopfer bei der Kommission gemeldet, die Mehrheit wartet noch auf die Anhörung. Ein Schritt im Kampf gegen das Totschweigen von Kindermissbrauch und damit in die richtige Richtung ist der Bericht alle Mal.

 

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