Belgien Ardennen: Ein Quäntchen Angst

Spa - Formel-1-Piloten lieben und ehren sie. Es ist eine der legendärsten und anspruchsvollsten Rennstrecken der Welt: Spa-Francorchamps. Unglaublich schnelle Kurven. Sieben Kilometer Höhen und Tiefen in der grünen Hügellandschaft der belgischen Ardennen. Allein der Gedanke daran lässt den Puls hochschnellen. Dort einmal mitfahren! Ökologisches Gewissen hin oder her. So wie Michael Schumacher, der in Spa bei etlichen Grand Prix siegte. Es müssen ja nicht gleich wie bei ihm 308 Kilometer und 44 Runden sein. Zwei würden auch schon reichen.

 

Das geht tatsächlich: als Copilot neben einem Rennfahrer in einem Supersportwagen. Also nichts wie buchen, wenn man schon mal ein paar Tage hier ist im grünen Herzen Belgiens, in der Provinz Lüttich. Aber erst einmal lohnt es sich, in Lüttich schön langsam zu beginnen: Mit einem Spaziergang durch diese Stadt, kaum mehr eine Autostunde entfernt von Köln. Und auf den zweiten Blick verflüchtigt sich das Bild einer unansehnlichen Industriemetropole im Kopf. Stinkende Industrieanlagen, Stahl, Kohle, Smog, grau in grau: das war einmal. Da sind zwar immer noch arg heruntergekommene Gassen, aber dazwischen viele kleine Design-Läden. Da stehen immer noch schmuddelige Häuser mit halb eingefallenen Schieferdächern neben gemütlich-schummrigen Kneipen, aus denen es nach Waffeln duftet. Aber da prunken auch eben eröffnete Einkaufsgalerien und der hypermoderne Bahnhof des spanischen Stararchitekten Calatrava: fließende Linien aus Glas, Stahl, Beton, der neue Stolz der Stadt.

Die Strecke lässt sich für bis zu 30.000 Euro am Tag mieten

Am schönsten ist es, eine der enorm steilen Steintreppen mit Hunderten von Stufen hinaufzuklettern, die zur mittelalterlichen Zitadelle führen. Ihr zu Füßen, an den Hängen, tun sich herrliche kleine Wege im Grünen auf. Heimliche Blicke werfen die Spaziergänger in die Gärten der Lütticher, genießen das Panorama der Stadt, die Maas und die Ausläufer der Ardennen. Dort, hinter den Hügeln, liegt Spa. Und sofort fängt der Puls an, schneller zu schlagen. Also vielleicht doch am nächsten Tag ein paar Stunden in den Ardennen wandern, bevor alles losrast?

Der Naturpark Hohes Venn, von Lüttich aus in einer Autostunde zu erreichen, eignet sich prima dafür. Das raue Hochplateau ist eines der letzten Hochmoore Europas, auf fast 700 Metern Höhe. Eine offene, weite, eigentümlich melancholische Landschaft mit niedrigem Bewuchs. An vielen Stellen federt unter den Füßen der Torfboden. An anderen führen erhöhte Holzsteige trockenen Fußes durchs Moor. Plötzlich ist ein dumpfes Röhren zu hören. Nein, keine Moorleiche, kein Hirsch. Es ist die Rennstrecke von Spa. Dort treffen sich die Rennfahrer in spe mit klopfendem Herzen. Noch liegt die Asphalt-Strecke ruhig da, was sehr selten ist. Gleich wird sie wieder röhren. Denn alle Fahrer wollen nur das eine: Gas geben. Wenn kein Rennen ist, lässt sich die ganze Strecke mieten. Wer mehr Krach macht, muss mehr zahlen, bis zu 30 000 Euro am Tag. Das leisten sich die Fahrer des Züricher Motorsportclubs gerne, die hier ein privates Übungsrennen veranstalten.

"Ich muss nur richtig reinkommen"

Da sind die 105 Euro, die die Copiloten eines Profi-Rennfahrers zu berappen haben, ja geradezu billig. Nun die Haube zum Schutz der Haare aufsetzen und den Helm drüber, jetzt gibt es kein Zurück mehr. Da rollt er heran in einem sehr sportlichen Renault Megane mit 265 PS. José Close, ein freundlicher kleiner Mann über 60, hält die Tür auf und bittet seine Beifahrerin herein. Eigentlich sei er ja Krankengymnast. Ach ja? Aber er habe auch eine Rennfahrerlizenz, war schon Testfahrer auf dem Nürburgring und fahre regelmäßig bei 24-Stunden Rennen mit, fügt er grinsend hinzu. Im Übrigen solle sie sich gut festhalten: Er bremse vor den Kurven nicht. Er arbeite allein mit der Schaltung.

„Ich muss nur richtig reinkommen.“ Das Quäntchen Angst wird immer größer. Aber dann ist alles wie ein großer Rausch. Adrenalin strömt durch die Adern, die Copilotin wird wie in einer Achterbahn in den Sitz gedrückt, wenn Close auf eine Kurve zurast, ihr Kopf nickt wie ein Wackelmännchen, wenn er bei Vollgas runterschaltet, sie stemmt sich mit den Füßen im Fußraum ab, wenn die Reifen abdriften. Von der Strecke kriegt sie nicht viel mit. So schnell ist es vorbei. Schnell? Michael Schumacher fuhr hier über 300 Kilometer pro Stunde und brauchte eine Minute und 40 Sekunden für eine Runde. Close mit seiner Copilotin drei. Egal. Am Ende stehen alle auf dem Siegertreppchen, die Ardennen im Rücken. Dort, wo Schumacher stand. Unvergessen.

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading