Bei Bauarbeiten "Das Eichhörnchen-Massaker" von Ramersdorf

Geschockte Anwohner: Luna, Christine und Marcelo Herrera Krebber, Schwiegersohn Anton und Tochter Garance Kendlinger. Die Familie konnte zwei Jungtiere retten. Foto: Sigi Müller

Im Innenhof einer Gewofag-Wohnanlage in Ramersdorf-Perlach sind drei Bäume gefällt worden, obwohl Eichhörnchen in den Ästen nisteten. Die Anwohner erheben schwere Vorwürfe gegen die Baufirma

 

Ramersdorf - Die Mieter der Gewofag-Anlage in der Melusinenstraße sind geschockt. Von einem „Eichhörnchen-Massaker“ ist die Rede, von der mutwilligen Tötung streng geschützter Tiere.

Was ist geschehen?

Am Freitag wurden im Innenhof drei Pappeln gefällt – obwohl in den Ästen der Bäume Eichhörnchen nisteten. Zwei Jungtiere konnten die Anwohner retten, eins ist schwer verletzt. Von den übrigen fehlt seitdem jede Spur. Der Verein „Eichhörnchen Schutz“ hat wegen des Vorfalls Anzeige bei der Unteren Naturschutzbehörde erstattet.

Als die Arbeiter Freitagfrüh mit dem Beschneiden der Bäume beginnen, wundert sich zunächst niemand. „Die Äste werden regelmäßig gekürzt“, erzählt Christine Herrera Krebber (48), die seit 20 Jahren in der Melusinenstraße wohnt. Aber die sechsfache Mutter ist entsetzt, als sie mittags erneut in den Hof schaut: Von den über 100 Jahre alten Bäumen sind nur die Stämme und ein paar wuchtige Äste geblieben, ein Eichhörnchen turnt panisch darin herum.

„Wir wissen seit langem, dass es in den Bäumen Eichhörnchennester gibt. Die Tiere kommen jedes Jahr wieder“, erzählt die Marketing-Fachfrau. Erst vor kurzem hat eine Nachbarin beobachtet, wie ein Muttertier vier oder fünf Babys von einem Kobel in einen anderen trug.

Christine Herrera Krebbers Mann Marcelo (49) stürzt in den Hof und will die Arbeiter stoppen. „Ich habe sie deutlich darauf hingewiesen, dass in den Bäumen Tiere leben. Aber sie haben einfach weitergemacht.“

Was die Mieter zusätzlich ärgert: Niemand hat sie über die Fällungen informiert. Das Gelände ist nicht einmal abgesperrt. Als eine Frau mit Kinderwagen um die Ecke biegt, wird sie beinahe von einem herabfallenden Ast getroffen.

Der elfjährige Sohn der Herreras, der die Vorgänge mit dem Handy filmt, gerät fast unter eine der schweren Maschinen. Dann schreit plötzlich eine Nachbarin laut auf: „Die Eichhörnchen! Die Eichhörnchen!“ Ein Gebilde aus Blättern und Ästen stürzt zu Boden, der Kobel! Wieder rast Marcelo Herrera Krebber die Treppe hinunter, diesmal folgt ihm Tochter Garance (25).

Obwohl die Arbeiter sie nicht zu den Eichhörnchen lassen wollen, gelingt es der Altenpflegerin, den Kobel aufzuheben. Darin: zwei winzige Junge, wenige Tage alt. Eins ist verletzt, es blutet aus dem Maul.

Als Vater und Tochter die übrigen Tierchen suchen wollen, fährt ein Bagger über die Stelle, an die der Kobel gestürzt ist. „Da sind doch gar keine Eichhörnchen“, habe einer der Baumfäller hämisch gerufen, erzählt Marcelo Herrera Krebber.

Der wütende IT-Berater ruft bei der Gewofag an. Vergeblich, die Verantwortlichen haben sich ins Wochenende verabschiedet. Er alarmiert den Verein „Eichhörnchen Schutz“.

Die Tierfreunde nehmen die beiden Winzlinge auf und raten, die Polizei einzuschalten. Kurze Zeit später rollt ein Streifenwagen aufs Grundstück. „Die Beamtin war leider wenig hilfreich“, sagt Marcelo Herrera Krebber. „Sie hat uns aufgefordert, die Leute weiter arbeiten zu lassen.“

Hilflos müssen die Mieter mitansehen, wie ihre geliebten Bäume verschwinden – und wie die Eichhörnchen Mutter überall nach ihren Jungen sucht. Am Samstag ist sie so entkräftet, dass sie vom Dach der Anlage fällt. „Seitdem haben wir sie nicht mehr gesehen“, sagt Christine Herrera Krebber.

„Hanni“ und „Nanni“, wie ihre Retter die überlebenden Jungtiere genannt haben, werden nun von Hand aufgezogen. Alle vier Stunden bekommen sie eine spezielle Milch mit der Pipette eingeflößt. „Das eine Eichhörnchen-Mädchen hat vermutlich innere Verletzungen“, sagt Lothar Nogai vom Verein „Eichhörnchen Schutz“. „Aber so lange es trinkt, sind wir zuversichtlich, dass es durchkommt.“

Bei der Gewofag sorgt der Vorfall für Betroffenheit. Man habe bei der Fällung mit einem Landschaftsarchitekten zusammengearbeitet, der eine weitere Firma beauftragt habe. Momentan würden die Vorgänge geprüft, sagt Sprecherin Sabine Sommer.

Und: „Wir bedauern sehr, dass eine von der Gewofag beauftragte Firma sich so verhalten hat. Wir entschuldigen uns bei unseren Mietern und allen Anwohnern für die Vorgehensweise der Firma und dafür, dass Tiere zu Schaden kamen.“

Die Fällungen waren zwar genehmigt. Doch die Arbeiter hätten zusätzlich eine Sondererlaubnis einholen müssen, als sie von dem Eichhörnchennest erfuhren.

Denn laut Bundesnaturschutzgesetz sind die Tiere streng geschützt und dürfen weder getötet noch bei der Aufzucht ihres Nachwuchses gestört werden. Auch wer einen Kobel zerstört, macht sich nach § 44 strafbar.

„Wir hätten die Tiere abgeholt, wenn man uns eingeschaltet hätte“, sagt Lothar Nogai vom „Eichhörnchen Schutz“.

Die Gewofag hat dem Verein eine 1000-Euro-Spende zugesagt. Viel Geld – und doch nur ein schwacher Trost für die erschütterten Tierfreunde.

Notfall- und Infotelefon des Vereins "Eichhörnchen Schutz": 0176 55 37 68 64

 

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