Die Architekturgalerie präsentiert die frühe Nachkriegszeit in München mit farbigen Fotografien – begleitet ist ein beeindruckender Bildband erschienen.

München - Mitten auf dem Stachus stand ein Schupo, in der Kaufinger Straße konkurrierten Straßenbahn, Autos und Fußgänger um die bessere Mobilität. Ruinen prägten das Stadtbild ebenso wie Baustellen und Kräne – und die Sechzger wurden an der Grünwalder Straße Deutscher Meister. Lang ist’s her.

Der Nachkriegszeit zwischen 1948 und 1965 widmet die Architekturgalerie derzeit eine faszinierende Ausstellung mit dem Titel "München farbig – vom Trümmerfeld zum U-Bahnbau". Die Schau zeigt eine Auswahl aus 290 Farbfotos, die der Münchner Fotosammler und -händler Sebastian Winkler über viele Jahre hinweg zusammengetragen hat. Der Verleger Franz Schiermeier hat sie nun im gleichnamigen Buch zu einem ungeahnt bunten Porträt einer Stadt im Aufbruch gebündelt.

Erste Aufnahmen von München in Farbe

Es stellt unser tradiertes Bild mit einer düsteren, Trauer und Bomben-Schutt tragenden Bevölkerung ziemlich auf die Probe. Denn bislang kannte man die Ära nur schwarzweiß. Farbaufnahmen gab es kaum, von grobkörnigen und manchmal nachträglich kolorierten Fotopostkarten mal abgesehen. Nun präsentiert sich die Zeit vorwiegend in Grundfarben übertreibendem Kodachrome und – zu geringeren Teilen – in blaustichigem Agfacolor. Die meisten, von Winkler meist online ersteigerten Aufnahmen sind Diapositive und wurden von anonymen US-Amerikanern angefertigt.

München war damals noch lange vom Krieg gezeichnet

Die Fotoamateure waren als Besatzungssoldaten oder Touristen in die Stadt gekommen, die bis weit über die fünfziger Jahre hinaus vom Krieg gezeichnet war. Die schwer zerstörte Glyptothek wurde etwa erst 1972 wieder eröffnet. Der immer umstrittene "Schwarze Riese“ an der Münchner Freiheit, das Hertie-Hochhaus, stand damals bereits – und ist inzwischen auch schon wieder weg. Die Schau bietet noch weitere Entdeckungen aus dieser Zeit, in der die Weichen für einen autogerechten Altstadtring, für eine moderne Stadt, aber auch für den Wiederaufbau nach historischen Vorlagen innerhalb der Altstadt gestellt wurden. Neu lernt man etwa das ehemalige Verkehrsministerium in der Arnulfstraße kennen. Seine 72 Meter hohe Kuppel prägte als luftig transparentes Gerippe mit morbidem Charme die Stadtsilhouette bis 1959. Heute steht dort das mit 68 Metern nur wenig niedrigere BR-Hochhaus. Der die Arnulfstraße überspannende Torbogen des neubarocken Tuffsteinbaus wurde sogar erst 1966 abgerissen.

Ortsfremde Fotografen hatten einen frischen Blick auf München

Zu verdanken sind diese Bilder dem frischen Blick der ortsfremden Fotografen. Die gewannen den teils bizarren Ruinen im Gegensatz zur Münchner Bevölkerung, die damit Tod und Verlust verband, einen fotografischen Reiz ab, setzten sie spektakulär ins Bild. Das lässt sich am Hauptbahnhof, Rindermarkt und an anderen Stellen in der Stadt beobachten. Viele eingeschossige Behelfsbauten, die heute verschwunden sind, verblüffen ebenso wie Autos, Kleidung, die lange fast unveränderte Form der Straßenbahn – oder ein Blick aufs Oktoberfest. Damals parkte der Besucher sein Auto am Eingang zur Himalayabahn. Und fuhr nach einigen Maß Bier durchs Westend wieder heim.


Architekturgalerie, Türkenstraße 30, bis 16. 9., Mo–Fr 9 bis 19 Uhr, Sa bis 18 Uhr. Buch: Sebastian Winkler/Franz Schiermeier: „München farbig 1948–1965“ (Franz Schiermeier Verlag, 300 S., 290 Abb., 34 Euro