Am Ende Ökostrom: Christian Thielemann dirigiert Wagners „Lohengrin“ in einer Ausstattung von Neo Rauch und Rosa Loy

Manche Bayreuther Inszenierung, die anfangs irritierte oder gleichgültig ließ, wird nach fünf Jahren Kult. So erging es dem langweiligen Ratten-„Lohengrin“ von Hans Neuenfels. Ähnliches ist womöglich seinem vom Malerpaar Neo Rauch und Rosa Loy ausgestatteten Nachfolger zu befürchten, mit dem am Mittwoch die diesjährigen Bayreuther Festspiele eröffnet wurden.

Zentrum und Herz der Aufführung ist allerdings nicht die Malerei, sondern Christian Thielemann, der Musikdirektor der Festspiele. Die Dauerbeschäftigung mit Wagner macht ihn weder müde noch träge. Er nimmt die Musik neuerdings viel leichter. Thielemann entdeckt, wieviel Mendelssohn in „Lohengrin“ steckt. Die Doppelchöre dieser romantischen Oper erklingen schlank und durchhörbar. Thielemanns freie, aber trotzdem natürliche Tempi halten seine Interpretation lebendig und frisch.

Der vor Probenbeginn für Roberto Alagna eingewechselte Piotr Beczala erwies sich als der erwartete Glücksfall. Der 51-Jährige Tenor versöhnt mit viel Klangkultur und gestalterischen Feinheiten das Silbrig-Lyrische mit dem Heroischen. Aber der Schwanenritter wird für den Sänger immer eine Grenzpartie bleiben. Eine leichte Überanstrengung bleibt spürbar. Für den ganz großen Thrill fehlt es ihm an Kraft. Dennoch: Beczala ist – trotz Jonas Kaufmann und Klaus Florian Vogt – der derzeit beste Interpret der Rolle.

Die stets gegenwärtige, dunkel-melancholische Färbung des Soprans von Anja Harteros fügt sich ideal in die Inszenierung von Yuval Sharon, in der Elsa anfangs als Hexe verbrannt werden soll und auch später überwiegend Opfer bleibt. Die unverwüstliche Waltraud Meier gibt die Ortrud mit alter Kraft als tragische Primadonna, übertreibt es am Ende aber etwas mit der Exaltation. Tomasz Konieczny überzeichnet den Telramund mit seinem topfigen Baßbariton zur Karikatur. Egils Silins (Heerrufer) wäre womöglich die bessere Besetzung, Georg Zeppenfelds Bass singt – wie Beczala – immer am Anschlag. Seine Stimme ist für den König womöglich zu klein.

Kostüme für die "Hugenotten"

Neo Rauch hat eine düstere Gewitterlandschaft mit dramatischen Lichtbahnen auf den Rundhorizont malen lassen, der erst im letzten Akt ganz zu sehen ist. Davor könnte allerdings jede beliebige Oper von Wagner oder Verdi gegeben werden. Rosa Loys Kostüme schreien nach einem Recycling in Meyerbeers „Hugenotten“ – ein etwas denkfauler Schluss vom niederländischen Schauplatz Brabant auf Rembrandt, dessen Nachtwache zum Chor „In Früh’n versammelt uns der Ruf“ nachgestellt und von einem Maler festgehalten wird.

Rauch hat ein Faible für Elektrizität und die Schönheit von Isolatoren und Freileitungsmasten. Der erste Aufzug spielt im Umspannwerk. Bei Lohengrins Auftritt blitzt wie bei der Vorführung der Hochspannungsanlage im Deutschen Museum. Die Szene zwischen Telramund und Ortrud spielt in einem schlecht beleuchteten Küstenstück. Die Sänger werden immer wieder von einem nur schemenhaft sichtbaren Objekt verdeckt, das eine Wolke, aber auch ein riesenhafter Muffin sein könnte. Dem Vernehmen nach soll es sich um eine riesige Version der Fackel handeln, mit der Elsa zuvor hätte entzündet werden sollen – ein Symbol für Hass also, was durchaus passt, aber auch so platt wirkt wie die mehrfachen Fesselungen, wenn es um Bindung geht.
Alle Beteiligten wollen auf ein modernes Märchen hinaus. Der mit einem Blitz bewaffnete Lohengrin ähnelt Barbies Partner Ken. Oder einem Elektriker im Blaumann. Das Gottesgericht wird als Luftkampf im Stil von „Harry Potter“ oder dem Hexenritt einer Kindervorstellung von „Hänsel und Gretel“ entschieden. Alle diese Ideen bleiben, – wie oft in von Künstlern ausgestatteten Aufführungen – austauschbar, zumal sich der Regisseur auf Stehtheater älterer Schule beschränkt.

Gras statt Gral?

Die Hauptfiguren tragen Insektenflügel – wömöglich, weil Motten vom elektrischen Licht angezogen werden. Telramunds Mannen sind wohl Glühwürmchen. Und zwischendurch saß im zweiten Akt immer wieder mal eine Fliege auf der Projektorenlinse.
Was auch immer die strenge Farbdramaturgie aus Blau, Orange und Grün bedeuten mag: Es ist nicht wichtig. Elsas Bruder Gottfried, den Lohengrin am Ende erlöst, ist ein grüner Mann mit Hut. Ökostrom? Oder, weil er ein Pflänzchen hält, gar ein Marihuana-Botschafter mit der Nachricht Gras statt Gral?

Egal. Es gab vor Jahrzehnten in Bayreuth den vom Nagel-Künstler Günther Uecker ausgestatteten „Lohengrin“. Derlei muss nicht zwangsläufig schief gehen. Aber diesmal ist es wie beim Münchner Baselitz-„Parsifal“: Der Reklamewert des Künstlers ist beträchtlich, der Erkenntniswert bleibt aber im Unterschied zu den Opern-Quereinsteigern vom Schauspiel überschaubar. Dieser „Lohengrin“ ist nur edle Deko für’s Kunst-Wohnzimmer der gehobenen Stände. Nichts tut ästhetisch irgendwie weh, aber es schaut halbwegs modern aus. Wie das meiste, das heute auf Leinwände gepinselt wird.

3sat zeigt am Samstag um 20.15 Uhr eine Aufzeichnung der Premiere