Bayern Nach dem Mord in Jengen: Wo ist die kleine Laila (5)?

Ein Foto aus glücklicheren Tagen: Die kleine Laila vor einem Blumenfeld. Foto: privat

JENGEN - Erst verlor Laila ihre Mama - und dann ihre Heimat: Der Vater des Mädchens aus dem Ostallgäu soll seine Ehefrau getötet und seine Tochter nach Ägypten entführt haben. Seitdem gibt es kein Lebenszeichen mehr von ihr.

 

Laila weiß es wohl nicht. Dass sie gar nicht im Urlaub ist – dass sie vielleicht nie nach Hause kommt. Wahrscheinlich sitzt die Fünfjährige in einem Dorf in Ägypten und vermisst ihre Mutter, die nicht da ist. Sie hat nur ihren Papa – den Mann, der mit hoher Wahrscheinlichkeit ihre Mama getötet hat.

Die Polizei sucht Ahmed H. (35) per internationalem Haftbefehl. Wegen Mordes. Der Ägypter soll seine Frau Andrea W. (36) umgebracht haben. Am Samstag, 17. Oktober, fand sie die Leiche von Andrea W. im Garten ihres Hauses im kleinen Dorf Jengen bei Buchloe (Ostallgäu). Sie lag in der alten Sickergrube hinterm rosa gestrichenen Haus im Tulpenweg, unter einem Haufen Betonplatten. Die Polizei notiert: „Gewalteinwirkung gegen den Hals.“ Die Ermittler sind sicher: Ahmed H. hat nicht nur ein Leben ausgelöscht. Er hat auch die gemeinsame Tochter Laila (5) mit nach Ägypten verschleppt.

An ihrem Geburtstag verschwindet die Mutter plötzlich

Der große, breite Mann mit der fast schwarzen Haut war etwa sechs Jahre mit Andrea W. verheiratet, mit ihr zeugte er Laila. 2007 kamen die beiden nach Jengen und renovierten das rosa gestrichene Einfamilienhaus. Er arbeitete im Burger King in Landsberg am Lech, sie gab stundenweise Englischkurse für Kinder in der Gegend. Wenn Andrea arbeitete, war Laila im Kindergarten im drei Kilometer entfernten Weinhausen. Die Familie kam gut mit ihren Nachbarn aus, besucht die Feste im Dorf – bis zum 8. September, Andreas 37. Geburtstag.

An diesem Tag holt Ahmed Laila gegen 10.30 Uhr im Kindergarten ab, setzt sie in seinen schwarzen Hyundai und fährt nach Buchloe. Dort stellt er sein Auto auf dem Kundenparkplatz der Firma Stammel gegenüber vom Bahnhof ab und steigt mit seiner Tochter in den Zug nach München und weiter zum Flughafen. Das Auto lässt er einfach stehen, es wird erst zweieinhalb Wochen später abgeschleppt. Von München aus fliegt Ahmed H. mit Laila nach Ägypten.

Andrea W. ist zu dieser Zeit ziemlich sicher tot. Ihre Mutter aber glaubt, dass ihre einzige Tochter Ahmeds Verwandte im Städtchen Kom Ombo am Oberen Nil besucht. So denken auch die Nachbarsleute D.: „Laila hat am 7. September zu meiner Frau gesagt, dass sie am nächsten Tag einen Ausflug nach München machen“, sagt Thomas D. Andrea W. hatte sie sogar abgemeldet. Dann kam Laila doch – mit dem Bus, wie immer.

Starb Andrea W., weil sie die Scheidung wollte?

Mitte September ruft Ahmed die Mutter an. Alles sei in Ordnung, sie hätten nur einen Autounfall gehabt. Er brauche etwas Geld. Sonst ahnt niemand was – bis auf Sabine K. (Name geändert). Andrea reagiert nicht auf ihre Anrufe und SMS – dabei sind sie alte Freundinnen. Ende November 2008 vertraute sich Andrea ihr an: Ahmed verzocke sein Geld im Spielsalon – wenn er nicht aufhöre, würde sie ihn verlassen. Dass die Eheleute sich oft wegen des Geldes streiten, wissen auch die Nachbarn – ein mögliches Motiv?

Am 22. September hat Sabine K. ein ganz mieses Gefühl. Ein Kollege von Andrea hat ihr gesagt, dass sie seit Tagen nicht mehr in der Arbeit war. Urlaub habe sie nicht angemeldet. Sabine K. fährt nach Jengen, klingelt, lugt durch die Fenster: Auf dem Wohnzimmertisch steht Essen, auf dem Boden liegen überall Papiere. So verlässt keiner vor dem Urlaub das Haus, denkt sie – vor allem nicht die ordentliche Andrea. Am 16. Oktober meldet sich Ahmed zum letzten Mal: Andrea ist entführt worden, er braucht dringend viel Geld. Die Polizei ist alarmiert. Und misstrauisch. Einen Tag nach dem Anruf durchsuchen Beamte das Haus – und finden Andreas Leiche.

Ahmed H. werden sie wohl nie fassen – zwischen Deutschland und Ägypten gibt es kein Auslieferungsabkommen, ein Polizeisprecher sagt auf Anfrage der AZ: „Es gibt nichts Neues.“ Sabine K. will trotzdem weiter um Laila kämpfen: „Sie muss zurück, sie gehört doch hierher!“ Das Amtsgericht Kaufbeuren hat Ahmed H. am 6. November das Sorgerecht entzogen, ein Anwalt ist jetzt Lailas Vormund. Sie weiß von all dem nichts – sie wartet nur weiter auf ihre Mama.

Thomas Gautier

 

0 Kommentare