FCB-Kapitän im großen AZ-Interview Philipp Lahm über Leukämie, Demut, Zukunftspläne und Hoeneß

Bayern-Kapitän Philipp Lahm (links) im Gespräch mit AZ-Redakteur Maximilian Koch. Foto: Andreas Acktun

Philipp Lahm spricht im AZ-Interview über seine Stiftung, das Thema Leukämie und seinen Plan nach dem Ende der Karriere. "Wenn Hoeneß und Rummenigge mich zum Gespräch bitten, komme ich immer", sagt der Kapitän des FC Bayern.

 

München - Philipp Lahm ist ein vielbeschäftiger Mann.

Drei große Projekte treibt der Kapitän des FC Bayern in seiner Stiftung voran, zwei in Südafrika, eines in Deutschland: das Sommercamp. Mehr als 200 Kinder – viele von ihnen aus sozialen Einrichtungen – waren auch in diesem Jahr wieder dabei.

In einer der drei Camp-Wochen hatten Lahm und die José Carreras-Leukämie-Stiftung 50 Leukämiepatienten und deren Geschwister bzw. beste Freunde eingeladen. Im Schullandheim Schloss Maxofen in Bruckmühl beschäftigten sich die Kinder mit den Themen Ernährung, Bewegung und Persönlichkeit.

Und natürlich kam auch der Spaß nicht zu kurz. Lahm schaute sogar persönlich vorbei, unterhielt sich mit seinen kleinen Fans und ließ sich mit ihnen fotografieren. "Bei Philipp Lahm kommt der gelebte Bezug zu den Kindern und Jugendlichen in seinem Camp hinzu, die ihn natürlich als großes Vorbild sehen", sagt Gabriele Körner, Geschäftsführende Vorsitzende der José Carreras Leukämie-Stiftung.

Sein Profivertrag beim deutschen Rekordmeister läuft noch bis Sommer 2018. Danach möchte der Champions-League-Sieger von 2013 seine aktive Karriere beenden. "Ich werde den Vertrag nicht verlängern", machte Lahm zuletzt noch einmal deutlich - und kündigte "interne Gespräche" über die Zukunft in "meinem Verein" an.

Aus der deutschen Nationalelf war der 32-Jährige nach dem Gewinn des WM-Titels 2014 zurückgetreten.

AZ: Herr Lahm, seit 2007 gibt es Ihre Stiftung, die Kinder in den Bereichen Sport und Bildung fördert. Was war Ihre Motivation dafür?
PHILIPP LAHM: Zum Teil bekommt man das von Zuhause mit, meine Familie war immer sehr engagiert im Fußballverein. 2007 war ich in Südafrika zu Besuch. Da wurde ich in dem bestätigt, was ich schon wusste: Dass ich sehr viel Glück hatte in meinem Leben, mit der Familie, dem Sport. Da merkt man, dass es anderen Kindern nicht so gut geht – und überlegt, was man machen kann.

Mit welchen Gefühlen kommen Sie hier ins Camp – und mit welchen fahren Sie wieder zurück nach Hause?
Ich komme mit einer großen Vorfreude her. Und heim fahre ich eigentlich immer mit der Bestätigung, dass es den Kindern gefallen hat, dass sie etwas gelernt haben, dass sie dankbar sind. Und natürlich auch mit Geschichten, die mich traurig machen, mich aber umso mehr darin stärken, den Kindern zu helfen.

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Die Kinder hier im Camp haben Leukämie. Spüren Sie bei einem solchen Besuch Glück und Dankbarkeit, dass Sie und Ihre Familie gesund sind?
Definitiv. Das ist mit der Hauptgrund, weshalb ich die Stiftung gegründet habe. Es wird einem immer wieder bewusst, wenn man die Geschichten der Kinder hört. Man ist jeden Tag froh, wenn man aufwacht und es einem gut geht, wenn es der Familie gut geht. Man lernt wieder, etwas mehr Demut zu haben.

Sie sprechen die Geschichten an, die Ihnen die Kinder erzählen. Gibt es Momente, die Sie besonders berührt haben?
Ein Mädel hat mir mal erzählt, dass sie nie Urlaub macht, weil sie alle Amtsgänge für ihre Mutter erledigt, die kein Deutsch spricht. Sie durfte dann hier im Camp mal eine Woche Kind sein. Wir hatten letztes Jahr einen Jungen im Rollstuhl, der läuft jetzt hier herum. Die Kinder, die sonst so viel mit ihrer Krankheit beschäftigt sind, können eine Woche etwas ganz anderes machen – und Spaß haben.

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Haben Sie in Ihrem persönlichen Umfeld Erfahrungen mit Leukämie gemacht?
Ja, in meinem Freundeskreis. Und leider ist es nicht gut ausgegangen.

Haben Sie sich typisieren lassen?
Ich habe darüber nachgedacht und mich bereits informiert und werde mich nach meiner aktiven Karriere entscheiden. Durch die Zusammenarbeit mit der José-Carreras-Stiftung konnte ich schon viel über die Krankheit lernen.

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Ernährung, Persönlichkeit und Bewegung sind die drei Säulen hier im Sommercamp: Wie sehr ist die dritte Säule schon bei Ihrem Sohn Julian ausgeprägt?
Oh, Julian ist sehr aktiv (lacht). Den brauche ich nicht noch herumscheuchen, er war von Anfang an viel unterwegs. Julian ist jetzt vier Jahre alt.

"Nein, da gibt es auch keinen genauen Zeitplan"

Begeistert er sich für Fußball?
Fußball kommt langsam, aber mir ist das relativ egal, welchen Sport er mag. Er soll einfach Spaß haben und für sich entdecken, was er gerne machen möchte. Wenn er etwas gefunden hat, das ihm Freude bereitet, wird er darin natürlich von meiner Frau und mir unterstützt. Aber Druck machen wir ihm nicht.

Das heißt, den polternden Spielervater Philipp Lahm an der Seitenlinie wird es nicht geben?
An der Seitenlinie stehen werde ich schon. (lacht) Aber es ist ja teilweise Wahnsinn, was da draußen bei den Eltern der Kinder passiert, da sollten Sie mal mit meiner Mutter sprechen, sie ist Jugendleiterin bei einem Verein. Deswegen: So will ich nie werden!

"Ich komme mit einer großen Vorfreude her": Philipp Lahm (oben rechts) besucht die Kids im Sommercamp.

Ist die Position bei Julian schon abzusehen?
Nein, noch gar nicht. Man sieht inzwischen, dass er ein gewisses Talent hat. Ich weiß aber nicht, ob er irgendwann mal Lust hat, in einen Verein zu gehen. Vielleicht sagt er auch: Ich will lieber mit dir auf den Bolzplatz gehen, Papa.

Der Papa könnte theoretisch auch sein Trainer werden...
Das könnte sein, das war bei meinem Vater und mir auch so. Ich weiß aber nicht, ob das die Ideallösung ist (lacht). Wenn, dann muss das ganz am Anfang sein, später ist das immer schwierig.

Ab 2018, nach Ihrem angepeilten Karriereende, dürften Sie ja wieder mehr Zeit haben, für einen möglichen Trainerjob, ihre Stiftung – und vielleicht auch den Sportdirektorposten beim FC Bayern.
Klar, zeitlich wäre das kein Problem. Ich finde ja auch jetzt als Profi die Zeit, meinen Job mit der Stiftung zu verbinden.

Haben Ihre konkreten Planungen für das, was nach 2018 passiert, eigentlich schon begonnen?
Nein, da gibt es auch keinen genauen Zeitplan. Ich werde jedenfalls keiner sein, der nach der Karriere die Füße hochlegt. Da wird meine Familie auch etwas dagegen haben.

"Es wird nicht gleich alles rund laufen"

Würden Sie ein Gespräch mit Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß ablehnen, falls die beiden auf Sie zukommen und über eine Position für Sie im Management des FC Bayern sprechen wollen?
Immer, wenn Uli Hoeneß oder Karl-Heinz Rummenigge mich zum Gespräch bitten, komme ich. Das war schon immer so und das wird auch so bleiben.

Genießt der Champions-League-Titel in dieser Saison Priorität nach den drei Halbfinal-Pleiten in Folge?
Ich habe immer gesagt, dass ich die Champions League unbedingt noch einmal gewinnen will. Das ist traumhaft, das ist wunderschön. Die Sehnsucht ist groß nach diesem Titel, meine Karriere dauert ja nicht mehr lang. Wir hatten in den vergangenen Jahren eine unglaubliche Serie, als wir immer ins Halbfinale gekommen sind. Das ist nicht selbstverständlich.

Die Belastungen der Europameisterschaft 2016, einige verletzte Spieler, ein neuer Trainer mit einer neuen Idee: Sehen Sie die Gefahr, dass es zum Saisonstart Probleme geben könnte?
Es wird nicht gleich alles rund laufen. Aber wir haben in den letzten Jahren immer gesagt, es wird schwer – nach dem Triple, der WM oder EM. Am Ende sind wir dann immer gut gestartet. Es wird wichtig sein, dass wir sofort die Punkte holen, dann ist Ruhe.

Was macht denn der neue Bayern-Trainer Carlo Ancelotti eigentlich anders als sein Vorgänger Pep Guardiola?
Man hat in der Vorbereitung schon gesehen, dass unser System und unsere Spielweise ein bisschen verändert wurden. Es wird sicher Phasen geben, in denen wir einen Tick defensiver agieren und nicht so pressen, wie wir das unter Pep getan haben.

 

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