Bayern Importiertes Brauchtum - Wiesn-Outfits made in Süd- und Osteuropa

MÜNCHEN - Auch vor Dirndl und Lederhose macht die Globalisierung nicht Halt: So bayerisch, wie es scheint, ist das Outfit vieler Wiesn-Besucher gar nicht. Tracht ist mittlerweile ein Massenprodukt – und wird dementsprechend hergestellt - in Tschechien, Polen, Rumänien oder der Türkei.

„Wir produzieren in Tschechien und Polen, die Stoffe für die Dirndl kommen aus Italien, China und der Türkei“, sagt Harald Rupp von der Firma Spieth und Wensky. Sie stellt Dirndl her, die dann zum Beispiel im Kaufhof in München hängen. Lederhosen liefern Spieth und Wensky auch. Doch auch hier muss die Vorstellung vom Hirschen aus dem Bayerischen Wald, der das Leder für das Beinkleid liefert, der globalisierten Realität weichen: Das Leder für die Hosen bezieht Rupp aus Italien und aus Indien.

Auch in anderen großen Münchner Kaufhäusern findet sich viel vermeintlich Bayerisches made in weiter Ferne. Der Familienbetrieb Klüber aus der Nähe von Aschaffenburg, der unter anderem Karstadt mit Lederhosen beliefert, produziert zwar nach eigenen Angaben 98 Prozent seiner Ware in der heimischen Werkstatt. Aber auch hier wird mittlerweile jedes Jahr die Produktion von ein, zwei Modellen ausgelagert: „Die Lederhosen im günstigeren Bereich lassen wir in der Türkei herstellen“, räumt Torsten Klüber ein.

„Aber nicht alle!“

Die Türkei ist auch für die Firma Schneider aus Salzburg eine willkommene Alternative zu den hohen Herstellungskosten in der Heimat: Einige Janker aus der Trachtenkollektion würden dort hergestellt, bestätigt Karstadt-Lieferantin Martina Auer. „Aber nicht alle!“, fügt sie hastig hinzu. Und auch die Firma Berwin & Wolff aus Ebersberg bei München, die Kaufhof mit Tracht beliefert, hat längst ausgelagert: „Wir produzieren ausschließlich in Ungarn und Rumänien“, sagt Mitarbeiterin Sabine Hofer.

Der Trachtenhändler Angermaier lässt nach Aussagen des Geschäftsführers Axel Munz seine Dirndl und Lederhosen hauptsächlich in Österreich und Kroatien produzieren. Das Leder für die Hosen kommt von Hirschen, Rehen und Ziegen aus aller Welt und wird dann dort gegerbt und verarbeitet. In Deutschland gebe es kaum noch Gerbereien, da hierzulande die hohen Umweltauflagen das Geschäft vermiesten, erklärt Munz: „Hier werden die Lederhosen höchstens noch bearbeitet, mit Stickereien versehen zum Beispiel.“

Lodenfrey-Lederhosen aus Rumänien

Sogar bei Lodenfrey, einem der renommiertesten traditionellen Münchner Bekleidungshäuser, wird Tracht im Ausland produziert: die "Münchner", "Chiemgauer" oder "Salzburger" Dirndl werden allesamt in Ungarn gefertigt, wie Anneliese Lang aus dem Büro der Abteilung für Männerbekleidung sagt. Die Lederhosen, die Lodenfrey im Angebot hat, kämen aus Rumänien.

Beim Bayerischen Trachtenverband findet man diese Praxis einfach nur „furchtbar“. Das sei „nicht in Ordnung“, schimpft der langjährige Verbandspressewart Hans Lehrer. Er selbst würde nie eine Lederhose aus Rumänien anziehen, denn das sei ja dann »nichts Bodenständiges«. Eine Tracht gehöre auch da gemacht, wo sie getragen werde. Denn, so Lehrer: "Brauchtum kann man nicht importieren".

"Alles muss möglichst billig sein"

Beim Trachteninformationszentrum in Benediktbeuern, wundert man sich jedoch nicht über die ausländische Herkunft der Dirndl und Lederhosen: "Das Wiesngewand ist zu einem Industriezweig geworden, alles muss möglichst billig sein", sagt Sprecher Alexander Wandinger.

Allerdings habe das nichts mit der traditionellen Tracht zu tun: "Eine Lederhose mit irgendeinem Hemd und Bergschuhen ist für mich einfach eine Partybekleidung", sagt Wandinger. Dass sich das "trachtige Gewand" immer größerer Beliebtheit erfreut, ist für ihn ganz einfach zu erklären: "Die Frauen können ihr Dekolleté zeigen und die Männer sehen männlich aus mit ihren Lederhosen.“

 

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