Bayern Hat der Porno-Rapper alles bloß kopiert?

Innenminister Joachim Herrmann dürfte alles andere als entzückt sein über die Reime von Sohn Jakob (rechts). Foto: dpa/Screenshot

Ministersohn Jakob alias „Jackpot“: Seine Songs ähneln denen von Sido und die Texte finden sich eins zu eins in US-Filmhits. Rap-Kenner sagen: „Diese Aggro-Szene ist längst vorbei“.

Deutscher Rap steht mir bis hier, was ist los mit euch? Ein ganzes Jahr voller Releases hat mich bloß enttäuscht." Diese schonungslose Abrechnung mit der aktuellen Gangster-Rap-Szene stammt von keinem geringen als Sido. Aber Moment, hat der Berliner, der jetzt ganz stolz Vollbart statt Maske trägt, nicht jemanden vergessen? Einen 18-Jährigen Bavaro-Sprechgesangs-Revoluzzer mit einem geheimnisvollen Label, das sich „Revolution Records“ nennt? Und der stolz verkündet „2010 alles gefickt zu haben"?

Vielleicht hat Sido einfach nicht genügend über seinen Berliner Block hinaus geschaut, sonst wäre ihm sicherlich diese harte Erlanger Rapszene um Frontmann Jackpot aufgefallen. Denn auf seinem brandaktuellen Mixtape „Wie im Film", das nur Eingeweihte (also die, die seine Label-Homepage kennen) downloaden dürfen, knallt der Joachim Herrmann-Sohn eine philosophische Punchline nach der anderen heraus: Bescheidene Vergleiche („Ich bin Deutschlands Johnny Depp"), fromme Bekenntnisse („Mein Leben ist perfekt, ich hab 1000 Frauen im Bett und mein Schwanz ist ein Brett“), ein soziales Gewissen („Ich ficke Bräute aus der Unterschicht") und Ehrfurcht vor der Familie („Scheiß mal auf die Eltern, was ich brauch ist Geld, Mann!"). All diese komplexen Themen verarbeitet Jackpot in seinen Texten so subtil und sensibel, wie es ihm eben möglich ist.

Dass er dabei Gangster-Rap-„Größen“ wie Kollegah oder Bushido („Style und das Geld") in Stil, Wortwahl und Beats fast vollständig kopiert und im Gegensatz zu Sido absolut ironiefrei daherkommt – geschenkt. Weitaus problematischer und möglicherweise auch kostspieliger könnte es sein, dass der Lausebengel in seinem Album einfach Originalzeilen aus dem Horrorfilmklassiker „A Nightmare On Elm Street" und dem US-Clubhit „Airplanes" übernimmt - hoffentlich hat er dafür Gebühren gezahlt.

Denn im GangsterRap gibt es derzeit nicht wirklich viel zu verdienen: „Diese ganze Aggro-Szene ist seit drei, vier Jahren vorbei. Das will keiner mehr hören. Auch die Konzerte dieser Künstler sind leer, die Platten gehen nicht mehr“, sagt DJ Sepalot der AZ. Und der Blumentopf muss es wissen, denn die Münchner HipHopper haben in ihrer 20-jährigen Bandgeschichte schon viele Rapper reimen und verstummen gesehen. Immerhin kann man für wenig Geld mit der Digitalkamera seine eigenen Rap-Videos drehen und auf Portalen wie Youtube hochstellen, auch wenn sich Sepalot sicher ist, „dass im Internet nicht die Sachen groß werden, die wahnsinnig gut sind, sondern die, die einfach skurril sind."

Nun ja, skurril ist der nicht gerade christlich-sozial eingestellte Jakob Herrmann alias Jackpot schon. Vielleicht nicht ganz so wie das Wiener Onlinephänomen Moneyboy („Dreh den Swag auf“). Bei rund einer Millionen Clicks würde ein Plattenvertrag drohen. Jackpot steht bei knapp über 1600. Es wird Zeit, ein paar Parteikollegen seines Vaters zum Mitmachen aufzufordern.

Florian Koch

Die Stimmen aus dem Landtag

Die Klicks für den Erlanger Rapper „Jackpot“ dürften am Donnerstag in die Höhe geschnellt sein: Auf der Klausur der Landtags-FDP im Kloster Benediktbeuern lief das Video von Jakob Herrmann, Sohn des bayerischen Innenministers, auf allen Kanälen.

FDP-Schmusesänger und Landtagsabgeordneter Tobias Thalhammer („Knuddelschnubbel“) zur AZ: „Wenn er mal vernünftige deutsche Texte singen will, biete ich ihm an, dass er vonmeinen Liedern eine Hip-Hop- Version macht.“

Bayerns Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP): „Rap ist ein Teil von Kunst, mit herausragenden deutschsprachigen Interpreten. Falco hat mit intelligenten Texten Mozart in die Moderne umgesetzt. Von Texten à la Bushido aber distanziere ich mich. Sie dürfen nicht Vorbild für unsere Jugend sein.“

Ex-CSU-Minister und Präsident des bayerischen Musikrats Thomas Goppel: „Als ich 18 Jahre alt war, war mein Vater auch nicht mit jedem Text vonmir einverstanden. Rap ist durchaus eine akzeptable Alternative zu jedem Musikangebot. Um aufzuputschen, ist er das Richtige.“

Grünen-Fraktionschefin Margarete Bause: „Herrmanns Law-and-Order Politik scheint nicht mal in der eigenen Familie anzukommen. Das sollte ihm Anlass zu mehr Demut geben.“

 

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