Bayern Der Horror von Ettal

Das Kloster Ettal bei Oberammergau Foto: dpa

ETTAL - Schon 20 Missbrauchsopfer haben sich gemeldet. Vier Patres sollen sich über Jahre an den Kindern vergangen und sie geschlagen haben. Ständig gehen neue Hinweise ein

 

Der Sex-Skandal im altehrwürdigen Kloster Ettal wird von Tag zu Tag schlimmer. Immer mehr ehemalige Schüler berichten von sexuellem Missbrauch durch einige Patres und von schweren Misshandlungen. Bis zum Freitag haben sich 20 Opfer gemeldet. Bisher sind die Namen von vier Klosterbrüdern bekannt, die sich an Schülern vergriffen oder sie brutal verprügelt haben sollen. Ein Pater ist inzwischen verstorben, ein weiterer wurde strafversetzt.

„Ettal war für mich die Hölle“, schrieb eines der Opfer in einer E-Mail an Monsignore Siegfried Kneißl. Er und der Münchner Rechtsanwalt Burkhard Göpfert sammeln derzeit fieberhaft alle Informationen über die Zustände im Kloster Ettal. Es ist, als sei die Büchse der Pandora geöffnet worden: Pausenlos gehen Anrufe und E-Mails ein – von Betroffenen, Zeugen und Eltern. Sie erzählen schier Unglaubliches. Eine Mutter beklagte sich beispielsweise, dass Hinweise, die sie bereits vor Jahren gab, damals einfach „unter den Tisch fielen“. Es sei verwunderlich, dass ein gewisser Pater nicht schon damals zur Rechenschaft gezogen wurde. „Ich weiß nicht, wie sehr die Seele meines Sohnes durch das unsittliche Verhalten des Paters geschädigt worden ist“, schrieb die Mutter . Heute ist ihr Sohn Alkoholiker.

Die Taten sind nicht verjährt - jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft

Zwei andere Schüler meldeten sich 2005, als ein 20-jähriges Klassenjubiläum anstand. Sie wollten nach Ettal kommen – aber nur wenn ein bestimmter Pater der Feier fern bliebe. Sie berichteten detailliert, was mit zwei ihrer Schulkameraden passiert war. „Dabei gehe es um gravierenden sexuellen Missbrauch“, betont Ordinariatspressesprecher Bernhard Kellner. „Und nicht nur um Streicheln unterm T-Shirt“, wie Rechtsanwalt Burkhard Göpfert ergänzt. Die Taten sind nicht verjährt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Der betreffende Pater wurde nach Ostdeutschland versetzt, wo er trotz der Vorwürfe in der Jugendarbeit beschäftigt war. Ein weitere Priester ist inzwischen verstorben. In seinem Nachlass fand man eine Art Geständnis.

Derzeit sind noch zwei weitere Priester bekannt, die sich an ihren Schülern vergriffen haben sollen. Die bisher bekannt gewordenen Vorfälle stammen aus den 70er, 80er und 90er Jahren.

„Die Kinder wurden nicht genügend geschützt und traumatisierenden Erfahrungen ausgesetzt“, wirft Siegfried Kneißl der Ettaler Klosterleitung vor. Abt, Barnabas Bögle und sein Vize, Schulleiter und Prior Pater Maurus, mussten deshalb diese Woche ihren Hut nehmen. Weite Rücktritte im Kloster sind nicht auszuschließen, heißt es.

„Ich war sein Prügelknabe“, sagt ein ehemaliger Schüler

Zudem stellt sich jetzt heraus, dass Schüler auch massiv von den Klosterbrüdern geschlagen wurden. „Ich war sein Prügelknabe“, berichtet ein ehemaliger Schüler. Oft sei er mehrfach die Woche verdroschen worden und das wegen Kleinigkeiten. „Mit Grauen“, so ein anderes Opfer, „erinnere ich mich noch heute an die konstanten und furchtbaren Schläge.“

Die Ombudsmänner sprechen schonungslos von „systematischen und brutalen Misshandlungen“. Manche Kinder mussten zur Strafe stundenlang in Gängen stehen.

Schlimm sprang man auch mit denen um, die die Missstände publik machen wollten. „Sie wurden mundtot gemacht“, sagt Siegfried Kneißl. „Die Zustände in Ettal wurden 30 Jahre lang verdrängt und verschwiegen.“ Ralph Hub

 

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