Abensberg (dpa/lby) - Sechs Wochen vor der bayerischen Landtagswahl und angesichts der Demonstrationen von Chemnitz haben sich alle anderen Parteien scharf von der AfD abgesetzt. Ministerpräsident Markus Söder (CSU), SPD-Chefin Andrea Nahles, der frühere Grünen-Chef Cem Özdemir und andere Spitzenpolitiker griffen die rechtspopulistische Partei auf dem Gillamoos-Volksfest im niederbayerischen Abensberg teilweise scharf an - sie traten dort am Montag zeitgleich in verschiedenen Bierzelten auf. Die AfD dagegen, die selbst keinen Platz in einem Zelt bekommen hatte, wies Kritik an den rechtsgerichteten Demonstranten in Chemnitz entschieden zurück.

"AfD, NPD, Hooligans - Seit‘ an Seit‘ sind sie marschiert", kritisierte Söder mit Blick auf deren Kundgebung am Wochenende. "Diese Partei will nicht nur protestieren", sagte er. "Es gibt eine versteckte, geheime Agenda." Als "heimlichen Führer der AfD" bezeichnete Söder den Thüringer Rechtsaußen Björn Höcke - "er beginnt diese Partei systematisch umzuentwickeln". Man wolle aber "keine solche Marschiererei von rechten Gruppen" in Deutschland, betonte er.

Nahles kritisierte in ihrer Rede, Rechte nutzten den Mord an einem jungen Mann als Vorwand, um Menschen durch die Straßen zu hetzen. "Wir überlassen dem Nazi-Mob nicht unsere Straßen. Und wir überlassen denen vor allem nicht unsere Demokratie", sagte sie. Die AfD habe ihre bürgerliche Maske endgültig fallengelassen, sei weder bürgerlich noch patriotisch. "Das ist eine Partei, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden muss." Die SPD-Spitzenkandidatin für die Landtagswahl, Natascha Kohnen, sagte: "Wir werden es nicht zulassen, dass in Deutschland ein rechter Mob die Herrschaft an sich reißt."

Özdemir rief alle demokratischen Parteien zur Geschlossenheit gegen Rechts auf. "Der Gegner sitzt nicht in anderen demokratischen Parteien", der sei weiter rechts zu finden, bei Rechtsextremen und den Rechtspopulisten von der AfD. Er forderte: "Null Toleranz gegen Rechtsradikale. Nie wieder in Deutschland." Sein Besuch in Chemnitz habe ihn nachhaltig beeindruckt. "Ich habe die Höckes und die anderen gesehen." Die missbrauchten ein Verbrechen einfach für ihren Zweck.

In Chemnitz gibt es seit Tagen Demonstrationen von Rechtsgerichteten, Neonazis und Gegnern der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung sowie Gegenproteste. Auslöser war der Tod eines 35 Jahre alten Deutschen, der vor gut einer Woche in der Stadt Opfer einer Messerattacke geworden war. Zwei seiner Begleiter wurden verletzt. Als Tatverdächtige sitzen ein Iraker und ein Syrer in Untersuchungshaft.

Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger bezeichnete die AfD als "Schaumschläger". Gleichzeitig machte er die Flüchtlings- und Asylpolitik der großen Koalition für politische Unruhe in Deutschland mitverantwortlich. "Das bringt die Leute in letzter Zeit zu Recht auf die Palme und vielfach auf die Straße", sagte er. Unter anderem kritisierte er, dass Zehntausend Zuwanderer nicht registriert seien. "Wenn wir das ändern, ich sage lieber spät als nie, dann würde es keine Ausschreitungen wie in Chemnitz geben", argumentierte Aiwanger.

FDP-Landtags-Spitzenkandidat Martin Hagen forderte, Intoleranz - egal aus welcher Richtung - zu bekämpfen. "Mir kommt das Kotzen, wenn ich sehe, wie in Chemnitz ein brauner Mob demonstriert und Leute bedroht und attackiert, weil sie irgendwie anders aussehen. Mir kommt genauso das Kotzen, wenn ich lese, dass an deutschen Schulen das Wort Jude als Schimpfwort gebraucht wird", betonte der FDP-Politiker.

AfD-Chef Jörg Meuthen klagte bei seinem Auftritt dagegen: "Ein ganzes Bundesland und seine Menschen werden hier pauschal verunglimpft, weil sich dort ein vernehmlicher und nur zu nachvollziehbarer Unmut über die hereinbrechenden Umstände regt." Dass die Menschen auf die Straße gingen und laut vernehmlich, aber friedlich ihren Unmut kundtun, könne er bestens nachvollziehen. "Ich bin sogar stolz auf viele dieser Menschen in Sachsen, weil sie der lebende Beweis dafür sind, dass es doch noch Bürger dafür gibt, die so etwas wie Mut, Stolz und den Antrieb haben, sich und das eigene Land zu verteidigen."

Meuthen betonte, auch die AfD lehne "die von einigen, tatsächlich sehr wenigen Demonstranten ausgehende Gewalt gegen unschuldige Menschen mit vermutetem Migrationshintergrund komplett ab." Ebenso widerlich seien rassistische Beschimpfungen und der Hitler-Gruß. "Ich wüsste ganz gerne mal, wie viele von denen, die das tun, eingeschleuste Provokateure sind", fügte der AfD-Vorsitzende hinzu.