Bayerisches Staatsschauspiel im Residenztheater Ab durch das Backrohr

Bibiana Beglau und Aurel Manthei reisen ans Ende der Nacht. Foto: Matthias Horn

Berufsprovokateur Frank Castorf inszeniert am Residenztheater Célines Roman „Reise ans Ende der Nacht“

Frank Castorf hat ein Herz für Tiere. Bei seinem letzten Wirken am Resi vor zwei Jahren ließ er Brigitte Hobmeier auf einem Brauereipferd als Horváths Karoline über das Oktoberfest traben. Bei seiner neuen Inszenierung hat ein explodierender Selbstmordhase einen feurigen Auftritt und Bibiana Beglau treibt es mit einem Huhn. Schauspieler von geringerer Qualität als sie am Bayerischen Staatsschauspiel vorzufinden sind, bräuchten mindestens zwei Nasen Koks, um einen solchen Abend in einem Castorf-Behälter physisch wie psychisch durchstehen zu können.

Der Steinbruch, in dem Frank Castorf heuer rackert, ist der 1932 erschienene Roman „Reise ans Ende der Nacht“ von Louis-Ferdinand Céline. Der schriftstellernde Arzt gehört wegen Sympathie für Hitler zu den umstritteneren Gestalten der französischen Literatur. Das macht ihn zum idealen Stofflieferanten für einen Gewohnheitsprovokateur wie den Berliner Volksbühnen-Intendanten. Ziellos irrt er auf seiner Reise zur Dämmerung unserer Zivilisation durch das Frankreich des Ersten Weltkriegs, ein malariaverseuchtes Zentralafrika, die Industriehöllen und Großstadtmoloche der USA. Er durchstreift die unendlichen Weiten von Assoziationsfeldern wie Krieg, Kolonialismus, Rassismus, Psychoanalyse, Sex und sogar die bundesdeutsche Altersversorgung.

Schauplatz ist ein heruntergekommener, neokolonialer Stützpunkt von Diamantenhändlern im Kongo, der stark an Castorfs Abenteuer als Herr des diesjährigen „Rings“ in Bayreuth erinnert (Bühne: Aleksandar Denic). Dort haust, verfolgt von zwei live auf eine Leinwand sendende Kamerateams, ein sich hysterisch anbrüllender Mob, der viereinhalb Stunden lang vor sich stark lichtenden Sitzreihen Céline-Splitter ausstößt und auch einmal ein Heiner-Müller-Gedicht singt.

Bibiana Beglau, die sich atemberaubend die Rolle des Romanhelden Ferdinand Bardamu mit Franz Pätzold teilt, erklärt das: Es sei nur Literatur, „ganz und gar erdacht“ – als ob man es geahnt hätte! Dann hat sie den vermutlich stärksten Abgang der Spielzeit: Sie klettert in einen Küchenherd und verschwindet im Backrohr.

Residenztheater, So, 10., 30. November, 14., 19., 30. Dezember, 19 Uhr (am 14. Dezember 18 Uhr), Telefon 21 85 19

 

1 Kommentar