Bayerisches Staatsschauspiel Die Saga vom Aufstieg und Fall der „Lehman Brothers“ im Residenztheater

Szenen aus "Lehman Brothers. Aufstieg und Fall einer Dynastie" im Residenztheater. Foto: Andreas Pohlmann

Die Saga vom Aufstieg und Fall der „Lehman Brothers“ im Residenztheater

 

Unterhaltsam war’s ohne Frage, denkt sich der Autor dieser Zeilen. Dann steht er vor dem Theater und hört zwei Besuchern zu. Der eine, Mitarbeiter einer hiesigen Großbank, erklärt seiner Begleitung das moralische und ökonomische Problem des Derivatehandels. Und zwar so, dass man es kapiert. Und merkt, wie sehr das Residenztheater davor drei Stunden mit Theaterdonner bei „Lehman Brothers. Aufstieg und Fall einer Dynastie“ verplempert hat.

Die berühmt-berüchtigte Pleite der Investment-Bank von 2008 kommt in Stefano Massinis Stück nicht vor. Das scheint auch den Regisseur Marius von Mayenburg gewurmt zu haben. Ehe es losgeht, blödeln auf der Bühne fünf Schauspieler in Erwartung eines Autors herum. Ihm erklären sie, dass sein Text nichts tauge, weil die ganze Vorgeschichte fehle. Und die spielen sie ihm dann im Staccato vor.

Ein Geschäftsbericht auf Hochglanz

Der erste Lehmann-Bruder aus dem unterfränkischen Rimpar trifft 1844 in New York ein. Er eröffnet in Alabama ein Textilgeschäft. Die Brüder Emanuel und Mayer folgen. Später handeln sie mit Baumwolle. Nach dem Bürgerkrieg eröffnen sie eine Bank, die immer weiter expandiert.

Massinis Text ist ein episches Lang-Gedicht ohne feste Rollen. Kursiv gedruckte Passagen gelten nur als Empfehlung für Dialoge. Mayenburg verwandelt die Textfläche immerhin nicht in Jelinek-Geblödel. Er erzählt straff und chronologisch. Das hat Tempo. Und einen ganz großen Nachteil: Massinis Kapitalismuskritik kennt trotz des Börsenkrachs von 1928 kaum Krisen. Mit den sich erschießenden Brokern hat die Aufführung kein Mitleid. Sie liest sich wie ein auf Hochglanz gedruckter Geschäftsbericht.

Bis hart an die Grenze zum Antisemitismus reitet das Stück auf der jüdischen Herkunft und Religiosität der Lehmans herum. Das 20. Jahrhundert ist schon fast herum, alle sind assimiliert und ein Familienmitglied war bereits Gouverneur von New York. Und noch immer tischt einem Massini biblische Metaphern auf, als sei das Bankgeschäft die zweite Natur eines Juden.

Durchgehechelt

Wenn am Ende die Kasino-Kapitalisten und Trader die Firma von der (aussterbenden?) Familie übernehmen, verplätschert sein Stück ziemlich unbefriedigend ohne rechten Schluss. Michele Cuciuffo, Philip Dechamps, Gunther Eckes, Thomas Gräßle, Katrin Röver und Lukas Turtur sind gleichzeitig Erzähler und Darsteller. Die Regie hält sie mit der Peitsche auf Trab: Sie hecheln durch Szenen aus dem „Paten“, Hitler, Blondie und den von den Brothers finanzierten Streifen „King Kong“. Auch „Money“ von Pink Floyd darf nicht fehlen.

Die riesig projizierten Videos sind immer eine halbe Sekunde hinterher. Wenn nicht alles täuscht, hatte Frank Castorfs Berliner Volksbühne das Problem schon vor zehn Jahren technisch im Griff. Wenn Turtur als Franke oberbayrisch parliert, blitzt die unnachahmliche Sprechkultur des Theaters auf der anderen Seite der Maximilianstraße auf. Den Chronik-Stil dieser Aufführung hat man dort schon vor zehn oder fünfzehn Jahren bei Johann Simons widerborstiger gesehen. Schauspieler, die ihre Kollegen beim Proben mimen und einem den Haha-lustigen Klischee-Satz „Kinder, so kann ich nicht arbeiten“ nicht ersparen, sind heute selbst als Parodie unmöglich.

Und auch sonst fördert der Abend vor allem zutage, was schon x-mal prägnanter gesagt, gedacht und verfilmt wurde. „Lehman Brothers. Aufstieg und Fall einer Dynastie“ ist netter Boulevard. Für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Raubtier-Kapitalismus und den Banken springt diese Kapitalismus-Revue eindeutig zu kurz.

Wieder am 4. und 13. Juli, 19.30 Uhr, 24. Juli 18.30 Uhr im Residenztheater, Karten unter Telefon 21 85 19 20

 

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