Bayerisches Staatsschauspiel Carolin Conrad und Aurel Manthei über "Medea" im Residenztheater

Aurel Manthei und Carolin Conrad als Jason und Medea im Residenztheater. Foto: Sandra Then

Carolin Conrad und Aurel Manthei spielen Jason und Medea im Residenztheater und sind auch privat liiert

 

Manche Ehen stehen unter keinem guten Stern. Die Verbindung von Medea und Jason zum Beispiel nahm ein unschönes Ende, aber, Gott sei Dank, gehören die beiden ja ins Reich der Mythen. Zusammen mit den Argonauten raubten sie das Goldene Vlies, heirateten, flohen nach Korinth, wo Jason aus strategischen Gründen beschließt, die Tochter des Königs Kreon von Korinth zu heiraten und damit seine Gattin, die „Barbaren“-Tochter Medea, zu verraten. Die rächt sich, indem sie nicht nur Kreon und ihre Konkurrentin, sondern auch die beiden Söhne, die sie mit Jason hat, ermordet.

An den Theatern hat Euripides’ Medea-Mythos kein Verfallsdatum, er wird in allen möglichen Varianten immer wieder gespielt. Karin Henkel inszeniert jetzt „Medea“ am Residenztheater und hat für Medea und Jason eine spannende Besetzung gefunden: Carolin Conrad, neues Ensemblemitglied, und Aurel Manthei sind auch privat liiert, leben mit ihren drei Kindern in der Nähe von München. Im Gespräch wirken sie, jenseits der Rollen, die sie spielen, entspannt und (fast) immer harmonisch.

AZ: Frau Conrad, Herr Manthei, haben Sie jemals mit dem Gedanken gespielt, ihre Kinder um die Ecke zu bringen?

Beide lachen.

AUREL MANTHEI: Noch nie. Da würde ich erst das Theater um die Ecke bringen. Man muss ja Prioritäten setzen.

Eine monströsere Tat kann man sich kaum vorstellen. Wie bringt man sich in den emotionalen Zustand, das zu spielen?
CAROLIN CONRAD: Ich glaube nicht, dass ich in mir nach einer Motivation suchen muss, weshalb ich in der Theorie meine Kinder umbringen würde. Das wäre für mich auch gar nicht möglich. Es geht hier ja um eine Überhöhung, um Theater. In einer früheren Fassung des Mythos haben auch die Korinther Medeas Kinder gesteinigt; Euripides hat ihr dann den Mord zugeschrieben, wahrscheinlich genau aus diesem Grund, dass sie zu einer noch größeren mythischen Figur wird. Kurioserweise hat er ihr zwar etwas hinzugedichtet, aber damit erst ihre eigentliche Identität gegeben. Christa Wolf hat das beschrieben: Nimmt man ihr diese Tat, dann nimmt man ihre Identität. Dieser Kindsmord erscheint letztlich unausweichlich: Medea weiß, dass ihre Kinder für das, was sie getan hat, vermutlich büßen müssen und denkt sich, bevor es die anderen tun, mache ich es lieber gleich selbst.

Gibt es denn jetzt Kinder auf der Bühne?
AUREL MANTHEI: Ja, viele sogar. Es gibt die beiden Söhne, die doppelt besetzt sind, damit sie sich bei den Aufführungen abwechseln können. Dann gibt es einen Chor mit zwanzig Mädchen, die von Schauspielstudentinnen angeleitet werden. Unsere Tochter spielt in diesem Chor übrigens mit. Und es gibt eine kleine Medea, die als Traumbild auftaucht.

CAROLIN CONRAD: Aber das haben wir noch gar nicht richtig ausprobiert, Aurel. Da sind die Leute enttäuscht, wenn es doch nicht kommt.

MANTHEI: Okay. Aber es sind schon sehr viele Kinder dabei, es ist eine richtige Familienproduktion.

Wer passt denn auf Ihre Kinder auf, wenn Sie proben?
CONRAD: Die Oma. Trotz allen Organisationsstresses haben wir noch ein easy Leben, weil wir sagen können, du, können wir die Kinder zu dir rüberschicken, was dann eigentlich immer möglich ist.
MANTHEI: Die wohnt um die Ecke. Die Kinder lieben sie.

Können Sie einfach vom Privaten ins Berufliche umschalten, wenn Sie zur Probe kommen?
CONRAD: Das ist für uns kein Problem, wir kennen uns ja schon sehr lange. Aurel und ich waren bereits auf der gleichen Schauspielschule in Essen und wurden von Anfang an auf ähnliche Weise sozialisiert, was das Theater angeht.

MANTHEI: Wir haben danach viel zusammen gespielt: „Troilus und Cressida“ am Schauspiel Leipzig, Beatrice und Benedikt in „Was ihr wollt“ am Schauspielhaus Zürich.
CONRAD: Zuvor haben wir in Zürich zusammen in „Miss Sara Sampson“ gespielt. Das war auch unsere erste gemeinsame Zusammenarbeit mit Karin Henkel, die dann später „Was ihr wollt“ inszeniert hat.

Sie haben schon häufiger mit Karin Henkel zusammengearbeitet?
CONRAD: Ja, Karin kenne ich schon seit 17 Jahren. Das ist jetzt die elfte Produktion, die ich mit ihr mache. Sie war auch einer der Gründe, weshalb ich damals nach einem Jahr im Ensemble des Residenztheaters unter Martin Kusej zurück nach Zürich gegangen bin. Karin ist einfach eine großartige Regisseurin: wahnsinnig akribisch, immer gut vorbereitet, hochkonzentriert. Das ist zwar anstrengend, aber ich empfinde die Zusammenarbeit immer als inspirierend, weshalb ich die Chance nutzen wollte, weiter unter ihrer Regie zu spielen. Für Aurel war das dann nicht leicht, weil ich immer wieder nach Zürich gependelt bin und er hier in München bei den Kindern war und am Residenztheater weiter gespielt hat. Jetzt sind wir sehr froh, dass diese Pendelei ein Ende hat und wir zusammen in München leben und arbeiten.

Bei Shakespeare kabbeln sich Benedict und Beatrice, bei Euripides streiten sich Medea und Jason bis aufs Blut. Überlappen sich die gespielten Auseinandersetzungen nicht mit den privaten?
MANTHEI: Doch, schon. Wir geben uns jetzt richtig Zunder auf der Bühne. Da fühlt man sich schon manchmal erinnert an Streitigkeiten, die auch mal zu Hause entstehen können. Aber so heftig wie bei Medea und Jason ist das bei uns nicht.

CONRAD: Also, ich bin gar nicht jemand, der gerne oder viel streitet. Und ich finde es super, dass wir gemeinsam auf der Bühne stehen, weil es zwischen uns keine Berührungsängste gibt. Wenn ich mit neuen Kolleginnen und Kollegen spiele, braucht es erstmal Zeit, bis man sich angrabbeln kann. Mit Aurel gibt es eine angenehme Vertrautheit. Vor ein paar Tagen habe ich ihn bei der Probe geschubst, da hatte er ein halbes Schleudertrauma. Da dachte ich mir schon, Gott sei Dank ist das mein Mann.

MANTHEI: Mit mir kann man es ja machen.

Bei Medea und Jason liegt die Beziehung von Beginn des Stücks an in Trümmern.
CONRAD: Ja, darüber haben wir auch viel geredet, wie man trotzdem sichtbar machen kann, dass beide schon lange zusammen waren. Der Chor sagt auch: „Jetzt herrscht ganz der Hass, die Liebe ist gestorben.“ Letztlich können wir nur anhand des Ausmaßes der Verletzung und einer gewissen Erschöpfung zeigen, was für ein Kampf hinter ihnen liegt, wie groß die Liebe zwischen ihnen vielleicht gewesen ist oder zumindest, dass ihre Beziehung in der Vergangenheit eine andere Bedeutung hatte.

Jason verrät Medea und heiratet König Kreons Tochter, wobei er vorgibt, dass er damit Medea und ihre Kinder auch retten würde. Kann man dieser Figur überhaupt etwas Positives abgewinnen?
MANTHEI: Absolut. Ich glaube nicht, dass bei ihm alles Kalkül ist. Er weiß zwar, dass er einen Verrat begangen hat, aber legt sich das schon so zurecht und glaubt auch daran, dass er das alles tut, um seine Familie zu retten. Wenn Medea nur für einige Zeit aushalten und still sein könnte! Er versucht dann sehr, sich vor ihr zu erklären. Das sind richtige Argumentationsschlachten zwischen den beiden.

Sind Sie eigentlich schon während der Zeit an der Schauspielschule in Essen zusammengekommen?
MANTHEI: Nein, wir waren sowas wie „Hausfreunde“. Carolin war ja zwei Jahre über mir. Wir Kerle machen ja in der Regel das Abitur ein Jahr später, weil wir mindestens einmal kleben geblieben sind und dann kommt noch der Zivildienst, der ging bei mir damals noch 18 Monate.

CONRAD: Ich wohnte in Essen in einer WG, das war eine Riesenwohnung, wo alle immer abhingen. Aurel war da auch oft. Ich dachte mir immer: Wieso geht der denn überhaupt nicht mehr weg?

MANTHEI: Sie hat das damals nicht so richtig zur Kenntnis genommen.

CONRAD: Ich hatte dann mein erstes Engagement in Heidelberg und war dort zwei Jahre lang. Aurel war in Leipzig.

MANTHEI: Und ihr wurde es in Heidelberg langweilig, weshalb sie sich in Leipzig beworben hat. Ich habe dann dem Intendanten gesagt, die musst du unbedingt engagieren, sonst bekommst du Streit mit mir. Er hat sie dann natürlich ins Ensemble aufgenommen.

CONRAD: Ja, da staune ich aber. So läuft das?

MANTHEI: Nein. Du hast natürlich großartig vorgesprochen.

Premiere am Sonntag, 23. Februar, 18.30 Uhr

 

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