Bayerisches Staatsorchester Kirill Petrenko und Julia Fischer mit Elgar und Sibelius im Nationaltheater

Julia Fischer, Kirill Petrenko und das Bayerische Staatsorchester im Nationaltheater. Foto: Wilfried Hösl

Leidenschaftlich und vornehm: Julia Fischer und Kirill Petrenko im ersten Akademiekonzert des Staatsorchesters

 

Jeder Komponist hat einen Liebling, wenn es um Vortragsbezeichnungen geht, und bei Edward Elgar ist das zweifellos „nobilmente“. Eine Haltung der edlen Zurückhaltung, der stillen Größe drückt sich hier aus, und wenn man die Musik Elgars, des ersten bedeutenden englischen Komponisten seit dem Frühbarock, in einem Adjektiv charakterisieren müsste, würde man sie eben nobel nennen. Kein Zufall ist es also, dass die erste Kantilene der Sologeige in Elgars Violinkonzert – „nobilmente“ vorzutragen ist.

Nun hat man Julia Fischer ja schon in allen möglichen musikalischen Lebenslagen erlebt, die Aura vornehmer Bescheidenheit ist aber sicherlich nicht die erste, die einem in den Sinn kommt. Tatsächlich nimmt sie auch nicht so sehr diese Haltung selbst ein, sondern gestaltet ihren Ton mit rein violinistischen Mitteln so, dass er dieses spezifisch nach-viktorianische Idiom weniger real verkörpert als vielmehr ästhetisch übersetzt vorstellt. Das ist ja auch viel reizvoller. Gerade die breiten Linien in der Tiefe formuliert Julia Fischer im Nationaltheater mit milder Kraft aus.

Explosive Ungeduld

Freilich ist ihr auch bewusst, dass bloßer Edelmut auf Dauer auch in blutleere Blässe ausarten kann, und angesichts eines zeitlich ausgreifenden Konzertes erweitert Julia Fischer daher ihre Bandbreite unaufdringlich mit rhythmisch anspringenden Figuren, fest gekanteten Doppelgriffe, und, last, but not least, immer wieder leidenschaftliche Steigerungen. Dass selbst diese aber letztlich passioniert-vornehm bleiben, beweist, wie emotional, aber eben auch hellsichtig sich Julia Fischer in diese Musik einfinden kann.

Waren in der Begleitung zu Elgars Konzert die Holzbläser des Bayerischen Staatsorchesters noch ein wenig unverdient in Hintertreffen geraten, präsentiert Kirill Petrenko in Jean Sibelius’ Symphonie Nr. 5 sein Ensemble als ein formidabel kammermusikalisches. Mit einer Mischung aus leiser Geduld und untergründig sich ankündigender Explosivität verfolgt er die raunenden Entwicklungen des Kopfsatzes, beläßt er die gutmütig schmunzelnde Ruhe des „Andante mosso“ bei sich, setzt aber schließlich für das Finale mit seinen hypnotischen Horn-Ostinati seine gesamte dynamische Macht ein.

So minuitiös wie mitreißend haben noch wenige Dirigenten den Prozess von „nobilmente“ zu „estatico“ hinbekommen.

 

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