Bayerisches Staatschauspiel Was Andreas Beck im Residenztheater plant

Andreas Beck, der designierte Intendant des Residenztheaters. Foto: dpa

Der designierte Resi-Intendant Andreas Beck stellte seine Pläne für seine erste Spielzeit vor

 

Die erste Pressekonferenz einer neuen Intendanz ist natürlich immer auch eine Inszenierung. Eine riesige weiße Tafel wurde im Marstall aufgestellt, ein riesiges Viereck, an dem alle Platz nehmen können: wichtige Vertreter anderer Kulturinstitutionen, die Presse, ein paar Kreative des neuen Hauses sowie der neue Intendant selbst, Andreas Beck, der mit diesem Arrangement gleich ein demokratisches Zeichen setzt. Denn der Chef sitzt nicht auf einem Podest oder irgendwie versus der Presse, sondern von Anfang an auf Augenhöhe mit allen, lädt ein, dass man sich auch neben ihn setzt.

Mit einer „Konzeptionsprobe“ vergleicht Beck, der ab September neuer Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels sein wird, dieses gemeinsame Sitzen am Tisch, womit er gleichsam alle an Bord holt. Die Planungen laufen ja noch, das erste Jahr wird naturgemäß ein Experiment sein, bei dem sich nicht nur ein neu zusammengewürfeltes Ensemble sowie das gesamte Theaterteam finden muss, sondern auch das Publikum mit diesem Team und seinem Intendanten warm werden soll. Und umgekehrt.

Der Intendant

Am Theater Basel, wo Beck seit der Spielzeit 2015/16 der Direktor war und innerhalb des Drei-Sparten-Haus auch die Leitung des Schauspiels übernahm, fand sich offenbar schnell ein richtiger Weg, um nicht nur innerhalb der Stadt Erfolg zu haben, sondern auch überregionale Strahlkraft zu entwickeln. 2018 wurde das Theater Basel in der Kritikerumfrage der Zeitschrift „Theater heute“ zum „Theater des Jahres“ gewählt, alljährlich wurde eine der Inszenierungen zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Beck vertraut auf die Kraft der (Theater-)Sprache und seines Ensembles, ist an der klassischen Literatur stark interessiert, dabei gleichzeitig offen für innovative Regiehandschriften und neue Stücke.

Geboren wurde er 1965 in Mülheim an der Ruhr, und ein wenig schwingt die Ruhrgebiets-Herkunft noch in seiner Diktion mit. Fürs Studium der Theaterwissenschaft verschlug es ihn einst nach München, danach kamen Regieassistenzen und ein paar Jahre als freier Regisseur, bis er von 1994 bis 1997 als Dramaturg am Bayerischen Staatsschauspiel arbeitete. Beck hat Erfahrungen am Haus gesammelt, auch wenn das über zwanzig Jahre her ist. Seither hat sich viel getan, allein durch die Amtszeit von Kušej, der eher ein nach außen hin distanzierter Intendant war und mitunter als Machtmensch galt.

Beck gibt sich humorvoll und menschlich, wirkt als Vorbote einer Spielzeit, die sich mit der Frage beschäftigen will, was der Mensch ist, welchen Wert und Preis er hat, wie er sich alleine und in der Gesellschaft konstituiert. Während seiner Anfangsrede wird der neue Intendant vom Vibrieren seines Handys unterbrochen: „kann nur meine Mutter sein“. Solche Scherze lassen ihn locker wirken, und nein, nicht einen radikalen Bruch will Beck veranstalten, sondern „sanft und sachte“ die Staffel seines Vorgängers übernehmen und weiter in die Zukunft tragen. Dass die Welt aus den Fugen sei, höre man immer wieder, so Beck. Er frage sich hingegen, ganz positiv, ob die Welt nicht gerade in Ordnung gerät?

Das Ensemble

Auch in Sachen Ensemble wollte Beck nicht einen harten Schnitt vollziehen. Einige etablierte Größen mit langer Resi-Vergangenheit hat er übernommen, wie Oliver Nägele, Sibylle Canonica, Juliane Köhler oder Sophie von Kessel, als auch Schauspieler aus der Ära Kušej wie Hanna Scheibe, Thomas Lettow, Pauline Fusban und Aurel Manthei. Als Gast wird Brigitte Hobmeier in Becks Team spielen – nach ihrem Weggang von den Kammerspielen und einer zwischendurch eingelegten Babypause ist das ein Theater-Comeback mit hohem Publikumsappeal. Aus seinem Basler Ensemble bringt Beck wiederum recht viele Schauspieler*innen mit und konnte auch ein paar völlige Neuzugänge gewinnen – Namen, die sich größtenteils erst noch im Gedächtnis festsetzen müssen. Eine Starriege wie einst Kušej hat Beck nicht zusammengestellt, sondern ein kulturell wie altersmäßig durchmischtes Team, in dem jedes Mitglied gleichberechtigt seinen Platz haben soll. Bei ihm gäbe es keine erste, zweite, dritte Reihe, so Beck.

Das Leitungsteam

Never change a winning team – Beck wird einige Weggefährten aus Basel mitbringen, sowohl, was die Regie als auch Dramaturgie angeht. Die designierte Chefdramaturgin ist Almut Wagner, die jedoch erst in der zweiten Saison fest in München sein wird, weil sie zuvor noch in Basel für eine Spielzeit da sein wird. Beck selbst hat noch den Spielplan für die nächste Saison in Basel mitgestaltet, als Ausgleich dafür, dass er ein Jahr früher aus seinem Vertrag durfte. Zwölf Monate lang hat er sich nun auf München vorbereitet und hat Regiekräfte im Gepäck, die er schon aus früheren Tagen kennt. Nora Schlocker und Julia Hölscher waren schon Hausregisseurinnen in Basel, sind dies nun in München, wobei sie jeweils weiter in Basel inszenieren werden. Als Dritter wird Thom Luz Hausregisseur, der mit seinen nebelgeschwängerten Inszenierungen schon in Basel ein paar magische Abende besorgte.

Die erste Spielzeit

Für seine erste Saison in München hat Beck mit seinem Team einen auf den ersten Blick wohl austarierten Spielplan erstellt, zwischen klassischer Theaterliteratur und neuen Stücken, inklusive gezielt bayerischen Einsprengseln. So wird Julia Hölscher im Januar 2020 das Volksstück „Der Starke Stamm“ von Marieluise Fleißer inszenieren, Lydia Steiner nimmt sich im März 2020 „Der Drang“ von Franz Xaver Kroetz vor und Georg Ringsgwandl inszeniert gleich selbst im April eine von ihm neu geschriebene „abenteuerliche Oper“ mit dem Titel „Lola M.“ im Cuvilliéstheater. Wohl eher zufällig kommt das aus drei Stücken bestehende Gesamtwerk von Georg Büchner im Lauf der ersten Spielzeit auf die Resi-Bühne: „Leonce und Lena“ von Thom Luz und „Woyzeck“ von Maschinentüftler Ulrich Rasche sind dabei Basler Inszenierungen, die im Dezember beziehungsweise Januar in München wieder aufgenommen werden. Und Sebastian Baumgarten inszeniert im Mai 2020 „Dantons Tod.“

Insgesamt stehen 28 Premieren in dieser ersten Spielzeit unter Beck an. Darunter sind acht Übernahmen aus Basel und elf Uraufführungen. Gleich die erste Premiere am 18. Oktober ist ein Auftragswerk: Simon Stone inszeniert „Wir sind hier aufgewacht“ und verwendet dabei Motive aus Calderón de La Barcas „Das Leben ein Traum“ und Marivaux‘ „Der Streit“. Die Geste, die Spielzeit im Cuvilliéstheater anfangen zu lassen, ist Beck wichtig. Am 19. Oktober findet eine weitere Uraufführung, dann im Residenztheater statt: An seinem neuen Werk „Die Verlorenen“ schreibt Ewald Palmetshofer gerade noch; das Stück über eine Frau, die sich immer mehr von ihrer Umwelt zurückzieht, inszeniert Nora Schlocker. Am 25. Oktober folgen Gorkis „Sommergäste“, von Joe Hill-Gibbins in Szene gesetzt und als Ensemblestück eine gute Möglichkeit, möglichst viele Schauspieler*innen vorzustellen.

Thom Luz zeigt sich erstmals mit „Olympiapark In The Dark“ einem Projekt nach einer Komposition von Charles Ives (am 26. Oktober im Marstall). Auch die Tradition der Stücke für die ganze Familie soll weitergeführt werden, wenn auch mit neuem Team: Daniela Kranz inszeniert „Ronja Räubertochter“ und möchte die Räuberbande aus der Münchner Bürgerschaft rekrutieren. (Premiere im November im Residenztheater). Eine vorläufige Webseite gibt es bereits, unter www.residenztheater2019-20.de. Ab dem 26. Juli geht die neue Webseite endgültig online, dann beginnt auch der Ticketverkauf.

Schaut man sich dieses gesamte Paket an, wirkt alles recht vielversprechend; was das Design, etwa des Programmhefts, und die Ausrichtung angeht auch ein wenig brav. An einem Shabby-Shabby-Look ist Beck wenig interessiert, auch nicht an Glamour, sondern an klaren Linien und vor allem Inhalten. „Ich bin ein Mann der Kontinuität“, stellt er fest. Und dass für ihn ein gleicher Anteil weiblicher und männlicher (Regie-)Stimmen selbstverständlich sei. So sieht alles nach gut ausbalancierter Planung aus, etwas risikolos, aber vielleicht ist das ja genau richtig für München. Andreas Beck macht sich an eine freundliche, aber bestimmte Übernahme des Bayerischen Staatsschauspiels: sanft und sachte.

 

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