Ballettstudio Junghans feiert Jubiläum Seit 60 Jahren Hacke, Spitze, Quetschkartoffel

(Tanz-)Pädagogisch wertvoll: Der „Flamingo“ ist für kleine Ballerinas eine Gleichgewichtsübung. Foto: Petra Schramek

Seit 60 Jahren lernen Kinder und Jugendliche Tanzen im Ballett-Studio Junghanns in Schwabing. Die AZ hat eine Stunde besucht.

 

München - Einen riesengroßen Kreis wünscht sich Sylvia Junghanns. Aber "riesengroß" und "Kreis" sind beides sehr abstrakte Begriffe, vor allem für Menschen, die ihr Alter noch mit den Fingern einer Hand anzeigen können, wie die 25 Knirpse in den weißen Strumpfhosen. "Also, das ist aber kein riesengroßer Kreis", ruft Junghanns, "das ist eine Quetschkartoffel!"

24 Mädchen und ein Junge kichern. Sylvia Jungshanns gibt ihnen ein paar Sekunden – dann geht es wieder darum, das eigene rechte Beinchen zu finden. Die meisten strecken auf Anhieb das richtige – aber auch rechts und links sind ja sehr abstrakte Begriffe.

Tausende haben hier gelernt. Manche bringen heute ihr Kind her

Seit 1956 lernen Mädchen und Jungen ab drei Jahren die Sache mit dem Beinchen im "Kinderballett Jungshanns" – und noch mehr darüber hinaus. Am 6. Dezember öffnete Ingeborg Junghanns – genannt "Tante Inge" – das Studio. Und wunderte sich ein bisschen, dass sie mit einer einzigen Schülerin im Spiegelsaal stand – am Nikolaustag. Über die Jahrzehnte kamen aber dann insgesamt einige Tausend Schüler und Schülerinnen.

Das Kinderballettstudio wurde bekannt und eine Münchner Institution – zum Beispiel mit dem "Münchner Bilderbogen" oder "Der Zirkus tanzt". Tanzgruppen traten im Disney-Club auf, bei der Unicef-Gala, dem Stadtgründungsfest.
Nach zehn Jahren an der Moltkestraße zog es 1966 in die Herzogstraße an der Münchner Freiheit.

Dort spucken immer noch Busse und Bahnen und Autos täglich Ballett-Kinder und -Eltern aus – sie sind unterwegs zu dem großen verspiegelten Übungssaal in einer umfunktionierten Altbauwohnung, in deren Nischen sich die Kleinen umziehen, während Mütter und Väter aufgeregt herumtrippeln, tanzen insgesamt 300 Kinder und Jugendliche.

Seit 33 Jahren gibt es einen Pianisten - auch bei Steptanz oder Irish Dance

Sylvia Junghanns hat das Studio von ihrer Mutter übernommen, nachdem diese 1994 gestorben war. Sie führt viele ihrer Traditionen weiter, die das Studio ausmachen – zum Beispiel, dass es immer einen Pianisten gab und weiterhin geben wird, "das ist mir auch heute wichtig", sagt Junghanns.

Das mag mit der Wahrung der Tradition zu tun haben – aber sicher auch viel mit Josef Obuchowski selbst. Seit 33 Jahren ist er der Begleiter – anfangs einmal gekommen, "um für die erste Zeit in München einen Job zu finden", sagt er. "Ein Jahr etwa wollte ich das machen und dann etwas Anderes." Er blieb, "wegen der guten Atmosphäre und der Abwechslung". Es gibt im Studio nämlich auch Steptanz oder Irish Dance. Immer mit Pianist.

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Obuchowski sitzt mit konzentriertem Blick in der Ecke des Raumes, die Ärmel des Schurwollsakkos leicht hochgeschoben. Und wenn zum Beispiel die ganz Kleinen mal allzu wild auf dem Boden herumwirbeln, weil Junghanns noch nicht da ist, bringt der gelernte Organist und Pianist sie mit einem ernsten Blick und einem "Ksssch" ganz schnell zur Ruhe.

Aber das nächste Lächeln ist – wie auch bei Sylvia Junghanns – nur eine Sekunde entfernt. "Es ist etwas Schönes, die Kinder von so jungen Jahren an zu begleiten und zu sehen, wie sie sich entwickeln", sagt der Pianist. "Einige sind inzwischen selbst Mamis und bringen ihre Kinder her zum Ballettunterricht."

Und die lernen dann die Sache mit dem Beinchen.

 

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