Azoren Maritime Fantasien auf Faial

Horta - Die junge Frau liegt fast auf dem Boden. Mit der rechten Hand stützt sie sich ab, die linke führt vorsichtig einen Pinsel. Vollständig in sich versunken setzt sie Strich für Strich auf den verwitterten Beton. Ihr Motiv - so viel zeichnet sich jetzt schon ab - wird maritim sein: ein rot-weiß gestreiftes Segel auf strahlend weißem Untergrund.

 

Die Frage nach einem Foto erweckt die schlanke Blondine aus ihrer fast andächtigen Tätigkeit. „Passt scho!“, sagt sie hinreißend lächelnd, outet sich damit als waschechte Bayerin und nutzt die Chance zu einer Plauderei über Gott und die Welt und Deutschland - immerhin hat sie die Heimat seit mehr als einem Jahr nicht gesehen.

"Reit mi da Deifi, dös gfoid ma sakrisch guad"

Ihre Weltreise, so erzählt Gertrude Rutzmoser aus München, habe sie von Venezuela über Mexiko in die Karibik verschlagen, wo sie plötzlich das Heimweh zu plagen begann. Bei einem Skipper sei noch ein Platz frei gewesen, und nach ein paar Tagen Überfahrt habe sie nun zumindest den halben Weg nach Hause geschafft. Bevor es weitergeht, bleibt jetzt zu tun, was jedes Seglers Pflicht ist, der auf dem Weg von Europa nach Amerika oder andersherum nach Faial kommt: Er muss sich auf der Kaimauer von Horta verewigen - so will es der Seefahrerglaube.
Schon immer war das schmucke Städtchen ein Rastplatz für Reisende zwischen Europa und der Neuen Welt. Ob Walfangschonermatrosen, Dampfschiffkapitäne oder Hochseepiraten - alle gingen sie in Horta an Land. Heute liegen an den 300 Liegeplätzen der Marina die schicken Yachten von jährlich 5000 Seglern vor Anker, die sich einen Lebenstraum erfüllen: Denn was den Gipfelstürmern das Besteigen des Kilimandscharo, ist den Seglern das Überqueren des Atlantiks.

Wer dabei als erster auf die Idee kam, ein Bild auf die nackte Betonwand der langen Hafenmauer zu malen, weiß heute niemand mehr - es soll irgendwann in den 1970ern gewesen sein. Bald danach verbreitete sich die Mär, dass nur demjenigen eine glückliche Weiterfahrt beschieden sei, der ein Bild in Hortas Hafen hinterlasse. Und so haben sich seither unzählige Besatzungen hier verewigt, zumeist mit dem Namen des Bootes, seiner Besatzungsmitglieder und der Jahreszahl.

Auf dieser Hunderte Meter langen Gemäldegalerie rund um die Marina liegt alles dicht an dicht beieinander: simple Logos und großflächige Comics. Abstrakte Zeichnungen und grandiose Gemälde. Irre Farbenspiele und maritime Fantasien. Frauen und Fabel­wesen - ein unglaubliches Potpourri.

Der Vulkan auf der Nachbarinsel Pico versteckt sich gerne in den Wolken

So erfährt man, dass ein gewisser Hamish schon dreimal in Horta vor Anker gelegen hat. Auf seinem Bild sind ein lachender und ein weinender Clown zu sehen mit dem passenden Spruch: „Ich bin glücklich, hier zu sein, und traurig, wenn ich wieder gehen muss.“ Mit einer Wolkenkratzer-Skyline grüßen Mark und Chloé aus New York. Jürgen, Manu und Michel haben einen Rettungsring gemalt, in dessen Mitte Poseidon ein Segelschiff durch stürmische Wogen zieht. Und als blaue Eidechse an rotem Segel surft eine Großbesatzung aus Frankreich übers Meer.

Von dieser wahrscheinlich verrücktesten Kaimauer der Welt sind es nur ein paar Schritte bis zur populärsten aller Kneipen zwischen Europa und Amerika: Peters Café Sport. Hier treffen sich die Weltenbummler und Freizeitkapitäne aus allen Kontinenten. Nicht nur wegen des besten Gins zwischen Jamaika und Gibraltar, wie die Skipper rühmen; hier wurde und wird sich auch stets um ihre Wünsche und Nöte gekümmert: sei es als Poststelle und Geldwechselservice oder bei Bedarf als Vermittler von Segelmachern, Bootsbauern oder Mechanikern. Die zahllosen farbenfrohen Wimpel und Flaggen aus aller Welt, die von der Decke des holzvertäfelten Raumes baumeln, sind jedenfalls Ausdruck des Danks für geleistete Hilfe oder erteilten Rat.

Nicht versäumen sollte man auch den Gang durch die Holztür mit dem Bullauge gleich neben der Kasse. Sie führt zum Scrim­shaw-Museum im ersten Stock, einer einzigartigen Sammlung von Pottwalzähnen. In das gelbliche und auf Hochglanz polierte Elfenbein des Meeres nämlich haben wahre Meister ihres Fachs faszinierende Miniatur-Kunstwerke eingeritzt und eingraviert:
filigrane Porträts grimmiger Seebären und exotischer Schönheiten. Segelschiffe, die sich durch peitschende Wogen kämpfen. Szenen aus dem harten Kampf der Walfänger mit den Riesen des Meeres, der manchmal einen ganzen Tag lang gedauert hat. Hier jedenfalls erwachen die Abenteuergeschichten von Jack London und Hermann Melville zu unerwartet plastischem Leben und verführen zum Träumen.

Zurück am Pier. Jerome aus San Francisco hat seine Malarbeit gerade fertig; vorsichtig entfernt er eine Schablone von der Mauer und enthüllt einen meerumtosten Stern. Gertrude hingegen hockt noch immer auf dem sonnengewärmten Beton und zieht unverdrossen ihre Striche. Dabei entgeht ihr völlig, dass sich die Wolken verziehen und den Blick freigeben auf etwas, das sich hinter dem dichten Mastenwald auftürmt. Es ist der imposante Kegelvulkan auf der nahen Nachbarinsel Pico. Kein ganz unkomplizierter Herr, denn tagsüber versteckt er sich gern in den Wolken, die durch Wärme und Feuchtigkeit entstehen. Umkreist von ein paar Wolken-Ufos zeigt er sich dieses Mal von seiner Schokoladenseite und macht nachdrücklich klar, warum nicht nur viele Einheimische diesen Panoramablick für das Beste auf Faial halten. Trotz Hafenmauer und Peters Café Sport, trotz Vulkanlandschaften und Hortensienhecken.
„Reit mi da Deifi“, erklärt denn auch das bayrische Madl spontan, als sie endlich einmal aufschaut, „dös gfoid ma sakrisch guad.“

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading