AZ-Serie zum 30. Todestag Franz Georg Strauß über seinen Vater: "Die Leut sind ihm dankbar"

Stolzer Vater: Franz Josef Strauß mit seinem jüngeren Sohn Franz Georg 1980 in München. Foto: Sven Simon/Süddeutsche Zeitung Photo

Franz Georg Strauß redet im AZ-Interview über seinen Vater Franz Josef Strauß und wie der heute Politik machen würde.

 

Franz Georg Strauß: Der 57-Jährige ist das mittlere Kind von Marianne und Franz Josef Strauß. Mit seiner Ehefrau Birgit lebt der Geschäftsmann - Beteiligungen an Formen für Plastikmüll-Entsorgung und Auto-Software - in München.

AZ: Herr Strauß, wie haben Sie den 3. Oktober 1988 erlebt, den Tag, an dem Ihr Vater vor 30 Jahren starb?
FRANZ GEORG STRAUSS: Ich war in den USA, habe alles nur telefonisch mitbekommen. Ich kam erst am 4. Oktober wieder in München an.

Wo waren Sie damals?
Ich bin im Wohnmobil mit meiner Freundin durch Nationalparks gefahren und war natürlich schwer zu erreichen. Als wir routinemäßig von einem Münzfernsprecher von Las Vegas aus in Deutschland anriefen, bekamen wir vom Vater meiner Freundin den Hinweis, dass etwas mit meinem Papa geschehen sei. Er hatte die Nachricht im Radio gehört. Ich dachte anfangs nicht, dass es so schlimm sei. Irgendwo hatte ich die Hoffnung, alles würde noch gut werden.

Wie ging es weiter?
Wir sind dann in ein Hotel. Die haben uns den Rückflug gebucht. Den Hinweis, dass die Sache dringend sei, bekam ich von Gerold Tandler. Er sagte am Telefon: „Herr Strauß, schauen’S, dass Sie ganz schnell rüberkommen.“ Da habe ich begriffen, wie ernst es ist.

Und dann?
Als wir unsere Tickets hatten, habe ich nochmal im Krankenhaus angerufen. Da war der Papa tot. Das war genau in der Zwischenzeit passiert. Wir mussten dann über Frankfurt nach München fliegen. München war ein Regionalflughafen zu dieser Zeit.

Hat Sie der Zeitpunkt des Todes überrascht?
Bei dem raschen Lebensstil meines Vaters und dem großen Gewicht bestand immer die Gefahr, dass der Körper irgendwann nicht mehr mitmacht. Mein Vater war auch kein Mensch, der sich zurückgenommen hätte. Aber es gab niemanden, der uns gewarnt hätte: Passt mal auf auf den Vater.

Warum, glauben Sie, ist er ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt gestorben?
Es klingt komisch, aber das Private hat nicht mit dem Politischen zusammengepasst. Mein Vater hat gespürt, dass sich im Ostblock etwas tut, dass die Wiedervereinigung nicht irgendwann irgendwie kommt, sondern, dass es schneller gehen würde. Direkt nach dem Treffen mit Gorbatschow am 28. Dezember 1987 hat er noch nicht darüber gesprochen, aber in den Stunden vor Silvester meinte er zu uns, dass alles anders werden würde. Wie soll ich sagen? Churchill hat Bilder gemalt, bis er gerufen wurde – das war nicht Sache meines Vaters. Er hat seinen wilden Arbeitsalltag einfach weitergelebt.

Sie waren bei dem legendären Flug an Bord, als Ihr Vater, ein begeisterter Pilot, im Schneetreiben auf dem gesperrten Moskauer Flughafen gelandet ist. Wie war das?
Ja, das habe ich alles gefilmt. Der Film wurde in allen Nachrichtensendungen gezeigt.

Waren Sie bei Gorbatschow persönlich dabei?
Nein, ich durfte bis zur Treppe im Kreml mitgehen. Da hieß es dann, mein Vater dürfe maximal zwei weitere Personen mitnehmen. Er hat gesagt: Nein, das mache ich nicht, wir kommen zu viert. Wenn er einen von den Dreien – Edmund Stoiber, Theo Waigel und Gerold Tandler (die damaligen Kronprinzen von Franz Josef Strauß, d. Red.) – nicht mitgenommen hätte, hätte die Presse nur darüber geschrieben, nicht über den Besuch an sich. Ich habe dann mit Wilfried Scharnagl (dem damaligen Chefredakteur des „Bayernkurier“, d. Red.) in einer Sitzecke Platz genommen und gewartet, bis das Treffen vorbei war.

An diesem Tag waren Sie Zeuge, wie ein Stückchen Weltgeschichte geschrieben wurde. Das war sicher nicht das einzige Mal – ein großes Privileg.
Sicher, es war immer spannend, immer aufregend mit ihm. Ich hatte auch nie das Gefühl, dass mir etwas fehlt, weil mein Vater zeitlich so eingespannt war. Bei uns war die Mutter immer zu Hause. Sie hat keinen Beruf ausgeübt und konnte sich um uns kümmern, bis wir alle aus dem Abitur draußen waren. Man führt ja keine zwei Leben: Ich habe so viele tolle Sachen erleben dürfen, dass das weniger an Zeit durch die Intensität leicht aufgewogen wurde.

Wie würde Franz Josef Strauß heute seine CSU beurteilen?
Zuerst einmal: Als er starb, war die CSU gute 30 Jahre an der Macht, jetzt sind es nochmal 30 Jahre. Das muss man anerkennen, dem Freistaat Bayern ist es gut gegangen. Er hat immer gesagt: Wir werden so lange dran sein, wie wir die Besten sind. Er hätte immer CSU gewählt.

Da muss Ihnen die Galle hochkommen, wenn die AfD mit dem Spruch „Strauß würde AfD wählen“ wirbt . . .
. . . natürlich! Zu seiner Zeit gab es die Republikaner. Über Franz Schönhuber hat er gesagt: Der war damals ein Nazi und er ist immer noch ein Nazi. Dass heute diese Sprache wieder hochkommt, dass gesagt wird, die Nazi-Zeit sei ein „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte, das hätte er nie stehenlassen. Ich meine, der Mord an Kennedy hat auch nur drei Sekunden gedauert, trotzdem war es ein geschichtlich einschneidender Vorgang. Aber wie kann man die industrielle Ermordung von Kindern und Frauen als „Vogelschiss“ bezeichnen?

Worauf führen Sie das Erstarken der AfD zurück?
Merkel hat die Union so weit nach links geschoben, dass viele dort keine Heimat mehr haben. Aber es gibt halt leider auch Leute, die fahren ein dickes Auto, parken in einer dicken Garage, gehen in ein dickes Haus und schimpfen über Asylanten. Dabei haben die nie einen Asylanten gesehen.

Was hätte Ihr Vater gegen die AfD unternommen?
Er hat in Passau oder auf Parteitagen drei, vier Stunden gesprochen, und zwar keine leeren Sätze. Mein Vater hat Sachverhalte erklärt. Das tut Frau Merkel heute nicht. Sie hat den Bundestag total ausgehoben, zur Energiewende, zur Abschaffung der Wehrpflicht, zur Integrationsfrage finden keine Generaldebatten mehr statt. Diese Reden meines Vaters im Bundestag, die hat er wochenlang vorbereitet. Helmut Schmidt hat sich auch vorbereitet. Der hat zwar so getan, als würde er Zeitung lesen, während mein Vater im Plenum spricht, aber in Wahrheit hat er kein einziges Mal umgeblättert. Das fehlt heute. Das würde auch dem Vater fehlen.

Ihr Vater war Akademiker und hat immer über das Grundsätzliche gesprochen.
Heute wird alles über die Medien gespielt, darf höchstens einsdreißig lang sein, nur inhaltsleere Sätze, an denen man niemand festklopfen kann – das wäre seine Sache nicht gewesen.

Gibt es ein Straußsches Erbe in der CSU?
Die CSU ist immer noch ein Stabilitätsanker, die letzte große Volkspartei Europas. Was ist denn aus der Democrazia Cristiana in Italien geworden? Da hat man gedacht, die regiert bis ins Jahr 5000. Die gibt es nicht mehr. Heute kommen Politiker über Bewegungen, wie Macron in Frankreich, Orbán in Ungarn, Kurz in Österreich. Aber man spürt die Dankbarkeit der Leut draußen. Die sagen: Wenn’s deinen Vater nicht gegeben hätte, hätten wir den Flughafen nicht. Oder die Rettung von BMW. Wenn’s immer heißt, es gibt keine Dankbarkeit in der Politik, das stimmt nicht. Die gibt es sehr wohl.

 

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