AZ-Serie "Von der Straße" Feldmochinger Straße: Der Vorort mittendrin

Die Feldmochinger Straße im Münchner Norden. Foto: Google Earth/AZ

Die Feldmochinger Straße ist städtisch und ländlich zugleich. Bleibt das so? Im Viertel macht man sich deshalb Sorgen. Der zwölfte Teil der AZ-Serie "Von der Straße".

München - Für Urlaub auf dem Bauernhof brauchen geplagte Städter nicht bis in den Chiemgau fahren: Das dörfliche Paradies gibt’s direkt vor der Haustüre. Am nördlichen Stadtrand wird München geradezu ländlich. Tatsächlich leben und arbeiten hier noch die meisten Landwirte der Stadt.

Doch dieser Zustand hat eine ungewisse Zukunft. Die AZ war auf der Feldmochinger Straße unterwegs – dort, wo noch Landwirte leben, die ihre Existenz aber von Stadtentwicklungsmaßnahmen bedroht sehen. An der Feldmochinger Straße findet man aber auch eine Kirche mit einem besonderen Plus, konspirative Gasthäuser und alte Rathäuser.


Feldmochinger Straße 402: Des Kaisers konspirativer Hof


Das Gasthaus Kaiser. Fotos: lkr

Damit das Dorfleben funktioniert, braucht’s ein gscheites Wirtshaus. In Feldmoching heißt das: "Gasthaus Kaiser". Und obwohl es drinnen mehr nach Bauernstube aussieht als nach Residenz, sollte das keinen von einem Besuch in dem historischen Bauwerk abhalten.

Belegt ist die Tafern – eine Gaststätte mit dem Recht und der Pflicht, Gäste zu bewirtschaften – bereits im 14. Jahrhundert. Das heutige Gebäude stammt aus dem Jahr 1864. Einen alten Kuhstall im Hinterhof hat das Bayerische Rote Kreuz (BRK) Ende der 40er Jahre zu seinem Stützpunkt umgebaut, der bis heute von den Sanitätern genutzt wird. Neben dem BRK treffen sich regelmäßig ortsansässige Vereine oder Stammtische in dem Wirtshaus.

Diese Tradition wird seit Hunderten Jahren gepflegt, wie der Tagebucheintrag eines Sendlinger Feuerwehrmanns aus dem Jahr 1875 zeigt: Gemeinsam mit 328 Feuerwehrmännern aus 17 Feuerwehren war er zur großen Übung nach Feldmoching angereist. "Nach den Übungen Versammlungen im Kaiser‘schen Wirthshause. Berathungen über die Feuerwehr, resp. Steigerausrüstung betreffs der Leine zum Selbstretten", notierte er. Auch "über Schritte gegen die kgl. Regierung" soll gesprochen worden sein.


Feldmochinger Straße 400: Bauern unter Druck


Kartoffeln, Mais, Eier: All das gibt es im Hofladen.

Auf den Feldern der Landwirte sollen angesichts des Siedlungsdrucks große Wohngebiete entstehen. Mithilfe der sogenannten "Städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme" – kurz SEM – könnte die Stadt die Bauern sogar enteignen. In Feldmoching haben sie sich zur Initiative "Heimatboden" zusammengeschlossen und die ersten Planungen abgewendet. Anfang Juni hat der Stadtrat das Siedlungsprojekt fallengelassen (AZ berichtete). Wie lange, das ist angesichts des neuen "kooperativen Stadtentwicklungsmodells" fraglich. Heimat-Bodensprecher Martin Zech ist skeptisch: "Man hat nie mit uns gesprochen, daher wissen wir nicht mehr als jeder andere auch." Noch bewirtschaftet Zechs Vater den Familienbetrieb "Zehentmeierhof" in Vollzeit, der Junior betreibt eine Steuerkanzlei. Auch, "weil es in der heutigen Zeit schwierig ist, dass mehrere Generationen von den Erträgen eines Bauernhofs leben können", sagt der 43-Jährige.

Schwerpunktmäßig werden auf 100 Hektar Land Getreide, Kartoffeln und Mais angebaut. Zusätzlich liefert der Betrieb Braugerste an Münchner Brauereien. Im eigenen Hofladen verkauft die Familie Zwiebeln, Kürbisse, Kartoffeln, Eier, Kraut, selbstgemachte Marmelade und Heu für Kleintiere.

Im kommenden Jahr steht die Zweihundertjahrfeier an: 1819 haben Zechs Vorfahren den Hof übernommen. Die Historie des Gehöfts reicht freilich noch weiter in die Vergangenheit zurück: Mindestens seit dem Jahr 1468 ist die Existenz des Bauernhofs nachgewiesen.


Feldmochinger Straße 401: Das modernste Klo im Ort


St. Peter und Paul.

Bereits 500 nach Christus war Feldmoching als Straßendorf angelegt. Das legen archäologische Funde aus der Zeit, als sich die Bajuwaren hier niederließen, nahe. Und wo Menschen leben, gibt es religiöse Orte. Im hiesigen Fall die Kirche St. Peter und Paul. Der Holzbau am nördlichen Ortsrand wird um 800 erstmals urkundlich erwähnt, vermutlich ist er deutlich älter. Später wurde das Kircherl durch einen romanischen Steinbau ersetzt, der im 14. Jahrhundert mit gotischen Elementen versehen wurde. Wegen seines schlechten Zustands wurde St. Peter und Paul 1894 komplett abgerissen und im neugotischen Stil wiederaufgebaut. Das heutige Kirchenschiff stammt aus den 60ern.

Dabei sind interessante Relikte zutage getreten, an der sich die Geschichte der Ortschaft rekonstruieren lässt – wie etwa die Grabplatte, die im Kapellenraum neben dem Altar hängt. Da sie geformt ist wie ein Kelch mit Hostie, muss sie das Grab eines Geistlichen ausweisen. Eine Auswertung ergab: Sie stammt aus dem Dreißigjährigen Krieg und bezeichnet die letzte Ruhestätte eines Pfarrers, der an der Pest gestorben ist.

In seinem Buch hat Volker Lautrell diese und andere Erkenntnisse zusammengetragen. Auch Kurioses hat er erfahren: Das mehr als 300 Jahre alte Pfarrhaus zum Beispiel besaß als erstes Gebäude im Ort einen innenliegenden Abort – ein reines Plumpsklo.


Josef-Frankl-Straße 55: Amtssitz für kurze Zeit


Das Feldmochinger Gemeindehaus.

Zwei Pferde, drei Kühe, zwei Jungrinder und ein Ferkel: Diese Tiere stehen im Stall bei einem der ersten Besitzer des Grundstücks, auf dem heute das Gemeindehaus gebaut ist. Aus Unterlagen von 1671 geht hervor, dass Eigentümer Hans Dillitzer 50 Gulden Schulden bei der Kirche hat.

Vermutlich hat der Kleinbauer schon damals nicht von der Landwirtschaft leben können. Bei seinem Sohn war das mit Sicherheit der Fall: Der wird als Schneider in den alten Akten geführt. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte wechselt der kleine Hof immer wieder die Besitzer. 1897 übernimmt die Gemeinde Feldmoching schließlich das inzwischen dort gebaute Wohnhaus. 1913 wird das Gelände gegenüber der Pfarrkirche neu bebaut. Ab 1930 ist der Bau das offizielle Gemeindehaus, mit Zugang in der Josef-Frankl-Straße. Bis zur Eingemeindung von Feldmoching ist es Amtssitz des Bürgermeisters. Heute nutzen es die Freiwillige Feuerwehr und der kulturhistorische Verein.


Feldmochinger Straße 393: Hüter der verlorenen Schätze


Das Antiquitätengeschäft von Helmut Keßler. Früher stand hier die Dorfschmiede.

Heute rauscht es eher, wenn Helmut Keßler aus dem Fenster seines Ladens schaut. Früher muss es heftig gerattert haben. "Damals war die Feldmochinger Straße noch mit Kopfsteinpflaster belegt", sagt Keßler. An der Wende zum 19. Jahrhundert habe es viele Eisweiher im Dorf gegeben. Die Bauern nutzten sie als Nebeneinnahmequelle: Mit Pferdefuhrwerken, die mit Eisenreifen beschlagen waren, brachten sie das Eis zu den Brauereien nach München.

Mit der Geschichte seines Viertels kennt sich der Restaurator aus. Schließlich ist er nicht nur Inhaber eines Antiquitätengeschäfts, sondern auch Gründungsmitglied des örtlichen kulturhistorischen Vereins. Keßlers Laden selbst liegt auf historischem Grund: Rundherum wurden Spuren einer Siedlung aus der Karolingerzeit gefunden. Die heutige Bebauung ist aber meist nicht älter als 200 Jahre. Die "Feldmochinger Möbelstube" gibt es dort seit Anfang der der 80er Jahre. "In meinen Räumen war mehrere Generationen lang bis etwa um 1960 die Dorfschmiede untergebracht. Hier wurden die Pferde beschlagen", sagt er.


AZ-Serie "Von der Straße"

Die Humboldtstraße: Der erste Teil der Serie

Die Schützenstraße: Der zweite Teil der Serie

Die Dachauer Straße: Der dritte Teil der Serie

Die Ubostraße: Der vierte Teil der Serie

Die Georgenstraße: Der fünfte Teil der Serie

Die Wendel-Dietrich-Straße: Der sechste Teil der Serie

Die Balanstraße: Der siebte Teil der Serie

Der Pfanzelt-Platz: Der achte Teil der Serie

Die Plinganserstraße: Der neunte Teil der Serie

Die Landwehrstraße: Der zehnte Teil der Serie

Die Fürstenrieder Straße: Der elfte Teil der Serie

 

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