AZ-Serie "Von der Straße" Die Schützenstraße: Abriss mit Ansage

Die Schützenstraße verbindet den Hauptbahnhof mit dem Stachus. Foto: Googleearth

In der zweiten Folge der neuen AZ-Serie über Münchens Straßen geht es ganz nah an den Hauptbahnhof - in die Schützenstraße.

Altstadt - Vom Bahnhof bis zum Stachus führt eine Fußgängerzone. Die Schützenstraße ist kein klassischer Ort zum Verweilen. Die düstere Schlucht zwischen Justizpalast und Bayerstraße durchquert der Münchner meist ruschert auf dem Weg zur richtigen Fußgängerzone, der in der Neuhauser Straße.

Dabei sollte er sich den heutigen Anblick gut merken, denn lange gibt’s die Verbindung in die City so nicht mehr. Ihr steht schon bald ein radikaler Um- und Abbruch bevor. Die AZ zeigt Ihnen im zweiten Teil der Serie "Auf der Straße" die wichtigsten Veränderungen.

 

Stachus: Das Hotel am Platz

So soll der neue Königshof einmal aussehen. Visualisierung: Geisel Privathotels

An einem Ende entsteht bis 2029 ein neuer Bahnhofsvorplatz, an der anderen Seite ein extravagantes Luxushotel. Bis Dezember dieses Jahres läuft der Betrieb im "Hotel Königshof" noch, dann wird das Siebzigerjahre-Gebäude mit der Adresse Karlsplatz 25 abgerissen.

Zweieinhalb Jahre Bauzeit sind für das neue Fünf-Sterne-Haus vorgesehen. Der kontrovers diskutierte Entwurf für den Neubau stammt vom spanischen Architekturbüro Nieto Sobejano. Demnach wird das Gebäude von sechs auf neun Etagen aufgestockt, mit Platz für 105 Gästezimmer und Suiten sowie ein Dachrestaurant mit Panoramablick über die Stadt. Das Gebäude ist seit 1938 im Besitz der Münchner Hoteliersfamilie Geisel, gebaut wurde es Anfang des 19. Jahrhunderts als Privathaus für den Münchner Architekten Gustav Vorherr.

Im Zweiten Weltkrieg zerstörten es Bomben komplett. Das von den Geisels wiederaufgebaute Hotel wurde 1955 eröffnet. Durch Renovierungsarbeiten ist heute nahezu nichts mehr von der Originalsubstanz des Hotels übrig. Deshalb steht es nicht unter Denkmalschutz.


Schützenstraße 1: Dreieckig und doch rund


Schick: das runde Pini-Haus.    Foto: lkr

Es ist so eine Münchner Eigenart, Orte anders zu nennen als sie offiziell heißen. Der Dreiecksbau mit der runden Front an der Schützenstraße 1 ist ein Beispiel dafür. Obwohl es das Optikergeschäft mit dem Namen Pini, das einst auf zwei Etagen Brillen in dem Gebäude verkaufte, schon lange nicht mehr gibt, ist der Name "Pini-Haus" geblieben.

1877 wurde es vom Pasinger Architekten Joseph von Schmaedel gebaut. Bereits 1885 wurde es zum Waren- und Kontorhaus. Aufgrund eines Brands musste das gesamte Haus im Jahr 2000 generalsaniert werden. Zwei Jahre später zog das Anna-Hotel dort ein. Ein Design-Hotel mit 75 Zimmern aus dem Portfolio der Familie Geisel.


Schützenstrasse 2 Hier gibt es (fast) alles

Der lange Karstadt-Bau.  Foto: lkr

Der langgestreckte, sechsstöckige Anbau des denkmalgeschützten Karstadt an der Schützenstraße stammt aus dem Olympiajahr 1972, entworfen hat ihn der renommierte Architekt Fred Angerer. Immer mal wieder hieß der Riegel mit der Betonfassade und dem Parkhaus mit 500 Stellplätzen Hertie, nach der Insolvenz 2009 wurde aus dem Gebäude endgültig Karstadt.

Die wechselvolle Geschichte des Kaufhauses, dessen Altbau einst Max Littmann im Stil der deutschen Renaissance für die Warenhauskette von Hermann Tietz plante, ist damit nicht beendet. Was aus dem mehrere Hundert Meter langen Bau mit 56.000 Quadratmetern Nutzfläche wird, ist ungewiss. Fest steht: Im vergangenen Jahr kaufte die Signa-Gruppe um den österreichischen Investor René Benko den Einzelhandelskomplex.

In der Schützenstraße sind dem Vernehmen nach zwei Neubauten geplant, der Karstadt-Klotz wird abgerissen. Die zwei Gebäude sollen Verbindungswege zwischen Schützen- und Prielmayerstraße freimachen und so mehr Licht in die Fußgängerzone lassen. Bestätigt hat Signa diese Pläne offiziell nicht.

Ohnehin gibt es diverse Stolperstellen für das Projekt. Die Besitzverhältnisse entlang der Schützenstraße sind schwierig, das Erbbaurecht einiger Flächen liegt bei verschiedenen Akteuren. Der Platz für Zufahrten ist begrenzt, zwischen Alt- und Klotzbau liegen weitere Geschäftshäuser.


Schützenstrasse 8 Wo man sich wiegt

Wälzen und Wiegen, das klingt natürlich nicht so weltgewandt wie "Rock’n’Roll". Doch das, was Wolfgang Steuer Anfang der 70er in die Schützenstraße brachte, hat mehr mit Körperbewegung als mit Gitarrenriffs zu tun. Vor mehr als 40 Jahren eröffnete der Tanzlehrer und damalige Faschingsprinz seine Schule "TWS". Dort entwickelte er ein Unterrichtsprogramm im Bereich Rock’n‘Roll, das heute europaweit gelehrt wird.

Der abgeschmackte Ruf des restlichen Bahnhofsviertels war 1975 nicht bis in die Straße vorgedrungen. Vor allem die gute Anbindung an alle Verkehrsmittel hat Steuer immer von Neuem überzeugt. "Und durch das Untergeschoss kam man immer trockenen Fußes zu uns", sagt er. Von der Münchner Innenstadt aus baute Steuer sein Studio nach und nach zu einem der größten in ganz Deutschland aus. Auch wenn sich der Inhaber selbst mittlerweile aus dem aktiven Tanzgeschäft zurückgezogen hat, wird bei TWS immer noch Rock’n’Roll unterrichtet.


Schützenstrasse 8: Schlager, Metal, Chaos

Feierwütige sollten schon in den Veranstaltungskalender schauen, bevor sie sich in den Keller der Schützenstraße 8 hinabtrauen. Während am einen Tag Rockmusik und Luftgitarre im "8below" angesagt sind, grölen zwei Tage später eventuell Trachtler beim Heimatabend zu Schlager, Neuer Deutscher Welle und Deutschpop mit. Und während des Bergfests, das noch bis Oktober Sommerpause macht, sind alle Regeln außer Kraft gesetzt. Da gibt es Münchner Nachwuchsbands aller Genres zu hören.

Ein Chaos-Konzept, das die Betreiber aus den "Drei Türmen" in den Optimolwerken 2009 mit in die Ludwigsvorstadt gebracht haben – Partysound für möglichst viele. Zunächst kurz unter dem Namen "Lola und Ludwig", seit acht Jahren aber schon als "8below", ist die wilde Mischung bei Veranstaltern und Partygästen gleichermaßen beliebt.

Und dann hat der Club ja noch eine leuchtende Attraktion für Nachtschwärmer: die zur Musik pulsierende LED-Decke. 1.500 Leuchten tauchen den Raum mal in rotes, dann in giftgrünes oder grell-weißes Licht. Ein fantastisch psychedelischer Anblick – nur Epileptiker darf man nicht sein.


Schützenstrasse 11: Relikte aus vergangener Zeit

Die Fassade ist jetzt schnörkelfrei.     F.: lkr

Die goldenen Schnörkel und das dunkelgrüne Gitterfenster im Erdgeschoss sind weg. Seit der Sanierung im vergangenen Jahr zeigt das "Hotel Excelsior" an der Hausnummer 11 wieder schmucke Sandstein-Optik an seiner Fassade. Bei der handelt es sich zwar um strukturierten Sichtbeton und nicht um Naturstein. Aus den Gründerjahren des Hotels stammen Teile der Wand trotzdem. Schon in den 20ern wurde gespart.

Dem alten Parkett oder den Stuckarbeiten an den Wänden sieht man das heuer freilich nicht an. Liebevoll wurden mehr als die Hälfte der Zimmer, 70 von insgesamt 114, sowie die Hotellobby renoviert. "Die bei Gästen und Einheimischen gleichermaßen beliebte Vinothek, die sich im Erdgeschoss des Hauses befindet, wurde um einen weiteren Raum und etwa 20 Plätze erweitert", sagt Unternehmenssprecherin Ute Hopfengärtner. Im Dachgeschoss habe ein neuer Wellnessbereich Platz gefunden.

Auch das Vier-Sterne-Haus Excelsior gehört zu Geisels Privathotels, den Bettenhirschen zwischen Hauptbahnhof und Stachus. 1936 haben Anna und Karl Geisel das Hotel übernommen. Während des Zweiten Weltkriegs überstand das Gebäude als eines der wenigen die Bombennächte. Nach dem Krieg nutzte es die US-Armee bis 1956 als Hauptquartier. Aus dieser Zeit stammen noch solche Relikte wie die geschreinerten Einbauschränke, die während der Renovierung nur überarbeitet wurden.

Hier geht's zum ersten Teil der Serie: Die Humboldstraße

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