AZ-Serie "Von der Straße" Die Plinganserstraße: Kasinoblitz und Kirchen

Die Plinganserstraße in Sendling. Foto: Google earth

Die Plinganserstraße ist bäuerlich geprägt und pragmatisch – mit einer Direktverbindung nach Garmisch-Partenkirchen.

München - Die Plinganserstraße ist derzeit eine Baustelle, unter der besonders Radler leiden. Doch das Leiden könnte bald vorbei sein: Gerade wird ein neuer Radlweg abgezeichnet. Die Verkehrsführung direkt am Harras ist schon seit 2013, dem großen Umbau, ordentlich.

Wer nicht am Harras abbiegt, sondern weiterfährt, kommt zu leeren Gewerbeflächen, wo früher Teppiche gereinigt und Partyartikel verkauft wurden. Doch das ist Geschichte – die vier Flachdachhäuser werden abgerissen. Vor dieser verlassenen Fläche fährt aber täglich der Kasinoblitz, und wer sich darunter nichts vorstellen kann, dem sei es so erklärt: Ein Bus, der die Münchner rasch ins Kasino nach Garmisch bringt.

Auf der anderen Seite, beim Lindwurmberg, ist die Plinganserstraße dörflich mit Maibaum, dem alten Bauernhof Stemmerhof und seinen mindestens öko-angehauchten Läden sowie der alten Sendlinger Kirche, die im Stil oberbayerisch-barocker Dorfkirchen gebaut ist. 1711, als die kleine Pfarrkirche errichtet wurde, war Untersendling noch von Landwirtschaft geprägt. Die kleine Kirche ist der Nachfolgebau für ein früheres gotisches Gotteshaus, das bei der Sendlinger Mordweihnacht 1705 so stark zerstört wurde, dass ein Neubau erfolgen musste.

Trotz zweier Kirchen ist die Plinganserstraße keine stille Straße zum Flanieren, mehr eine pragmatische Durchdüsstraße mit Drogeriemarkt, Wäscherei, vielen Optikern und der berühmtesten Videothek Münchens.

 

Plinganserstrasse 6: Der Sendlinger Dorfplatz
 

Die Gewofag-Siedlung in der Wendl-Sietrich-Straße.
Am Sendlinger Berg bewacht der Löwe den Stemmerhof. Foto: min

Wer im Stemmerhof steht, vergisst, dass er noch in der Stadt ist. War er doch der letzte Bauernhof im Münchner Citybereich, der schließlich 1992 die Milchviehhaltung mit zuletzt 46 Kühen aufgab. Seit 2001 sind hier Geschäfte, Gastro und Kultur ansässig. Und eine winzige Tierarztpraxis. Auf der Kulturbühne Ars Musica treten Liedermacher und Kabarettisten auf, es werden aber auch Instrumente verkauft, angekauft und restauriert.

Insgesamt 22 Unternehmen haben sich auf dem 5.000 Quadratmeter großen Grundstück angesiedelt – vom Radlladen über die Malschule bis zum Hofladen mit Weinstube. Jüngster Zugang ist das österreichische Restaurant ÖEins.


Plinganserstrasse 10: 72 Jahre Cafétradition

Die Wendl-Dietrich-Straße 17
Claudia vom Café Schuntner mit einer Auswahl an Torten. Foto: min

Das Café Schuntner blickt auf eine jahrzehntelange Tradition zurück. Wie so viele Gebäude in Sendling war es mal ein Bauernhof, der im Zweiten Weltkrieg komplett zerstört wurde. 1946 ließ Therese Schuntner hier einen der ersten Neubauten Münchens mit einem Café im Erdgeschoss errichten.

Besonderen Wert legte die jung verwitwete Therese Schuntner auf die Qualität ihrer Kuchen und Torten – so ist das heute noch im Café, das seit 2012 der Konditor- und Bäckermeister Thomas Heinrich betreibt. Derzeit hat das Café wegen Renovierungsarbeiten geschlossen, Anfang September wird es dann mit neuem Glanz eröffnet – und dabei etwas von seiner 72 Jahre alten Geschichte erzählen.


Plinganserstrasse 17: Alternative zum Netz

Der Spiderman über der Cinemathek wird oft fotografiert. Foto: min

Der Spiderman auf der Nummer 17 ist weit über Sendling hinaus bekannt. Seit 28 Jahren hat Wolfgang seine Cinemathek, die Formate wie VHS, Betamax und Video 2.000 überlebt hat. Wird sie auch die Streaming-Dienste im Internet überleben? "Wir sind wichtig als Alternative zum Netz, sonst werden diese Angebote noch teurer", sagt Wolfgang. Die teuerste DVD oder Blu-ray kostet bei ihm 2 Euro am Tag, Sonn- und Feiertage werden nicht berechnet.

Weil das Geschäft trotzdem schlechter läuft, hat Wolfgang eine Lotto-Annahmestelle. Was immer geht, ist die Hardcore-Abteilung. Viele Männer kaufen bei Wolfgang die Filme ihrer liebsten Darstellerinnen.


Plinganserstrasse/Am Harras: Faites vos jeux, Münchner

Die Jugendherberge in der Wendl-Dietrich-Straße.
Von der Haltestelle geht’s direkt ins Kasino. Foto: min

Wer ganz schnell viel Geld loswerden möchte oder – besser noch – gewinnen möchte, der steigt um 17.25 Uhr Am Harras in den Kasinoblitz-Bus und blitzt in einer Stunde und 15 Minuten nach Garmisch in die Spielbank. Weil jeder Tag ein guter Tag ist, um Geld zu gewinnen und jeder Tag ein schlechter Tag ist, um Geld zu verlieren, fährt der Kasinoblitz täglich.

Die Spielbank in Garmisch, dem Blitzziel, schaut dann recht gemütlich aus – mit Fachwerk vorne und Bergen hinten liegt sie zu Füßen des Massivs der Zugspitze. Besonders spaßig klingt das Bingo-Roulette 6 aus 37 jeden Mittwoch. Noch verlockender klingt nur das Angebot: der Kasinoblitz für 7,50 Euro Hin- und Rückfahrt Garmisch. Ob man als Kasinoblitzer auch stiften gehen kann und einfach ein bisserl Zugspitze schauen statt Geld verlieren, ist der Redaktion nicht bekannt.


St. Margaret in Sendling: Orgelpaten gesucht

Turan Sare von der Eleven Bar in der Wendl-Dietrich-Straße. Die Kirche ist eine der größten in München. Foto: min

Eine Flauto margarethae oder eine Tromba Magna: Welche Pfeife darf’s denn sein? In St. Margaret in Sendling muss die Orgel generalsaniert werden und die Pfarrei sucht Orgelpaten. Die Spendenhöhe beginnt bei 50 Euro und endet je nach Orgelgröße bei 1.200 Euro.

Das gesamte Orgelprojekt kostet circa 950.000 Euro. Die Erzdiözese gibt 50.000 Euro, ungefähr dieselbe Summe kam bisher an Spenden zusammen. Es fehlt also noch viel Geld, bis die Orgel in der 1913 von König Ludwig III. eingeweihten Kirche wieder erklingen kann. Derzeit ist die italienische Barockkirche eine Baustelle, trotzdem ist St. Margaret in Sendling für Besucher offen.


Harras: Burger und Brunnen

Am Donnerstag eröffnet die Alte Utting ganz offiziell. Der Dampfer befindet sich auf einer stillgelegten Eisenbahnbrücke in der Nähe der Kreuzung Lagerhaus-/Dreimühlenstraße.
Der "neue" Harras schaut seit 2013 so aus. . Foto: min

Der Harras war nicht immer schön, sondern bis vor fünf Jahren ein ziemlich chaotischer Platz mit Durchgangsverkehr, parkenden Autos und wenig Ansprechendem fürs Auge. Für 7,3 Millionen Euro ist der Platz 2013 umgestaltet worden, seitdem verweilt es sich gut am Harras: Ob nun Teenager mit einem Burger in der Hand oder Rentner mit einer Leberkässemmel vom Herrmannsdorfer: auf den großen Bänken sitzt es sich gut, zumal man hier einen Brunnen im Blick hat.

Das schaut fast so schön aus wie die gründerzeitlichen Häuserfassaden auf der Nordseite, das denkmalgeschützte Postgebäude auf der Südseite und die Platanen, die immer noch den Harras säumen.


AZ-Serie "Von der Straße"

Die Humboldtstraße: Der erste Teil der Serie

Die Schützenstraße: Der zweite Teil der Serie

Die Dachauer Straße: Der dritte Teil der Serie

Die Ubostraße: Der vierte Teil der Serie

Die Georgenstraße: Der fünfte Teil der Serie

Die Wendel-Dietrich-Straße: Der sechste Teil der Serie

Die Balanstraße: Der siebte Teil der Serie

Der Pfanzelt-Platz: Der achte Teil der Serie

 

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