AZ-Serie "Von der Straße" Die Landwehrstraße: Kirche trifft auf Köfte

Heute führt Sie die AZ-Serie "Von der Straße" einmal quer durch die Landwehrstraße. Foto: Googel earth

Im südlichen Bahnhofsviertel leben verschiedene Kulturen nebeneinander – vor allem in einer Straße.

München - Zwischen dem Okzident und dem Orient liegen nur ein paar Schritte. Gerade hat man noch seinen Kopf in den Nacken geworfen und seinen Blick hoch zum Turm der Paulskirche schweifen lassen. Jener Turm, der stoisch dasteht und dem auch der größte Wiesn-Trubel nichts anhaben kann. Dieses Gemäuer hat viel überstanden, da werden auch die Wildbiesler nicht viel ausrichten können.

Gerade also schaut man noch auf die Kirche, nur um sich dann umzudrehen und in einer anderen Welt zu landen. Arabische und türkische Schriftzüge an den Ladengeschäften, man merkt, der Bahnhof ist nicht weit. Hier, auf der Landwehrstraße, ist München so migrantisch wie in kaum einem anderen Straßenzug – zumindest ist es in kaum einem Viertel derart geballt zu beobachten, dass in München inzwischen eben auch viele Ali, Mustafa oder Aishe heißen. Inzwischen sind auch viele Syrer auf der Straße unterwegs.

Als im Januar das erste syrische Restaurant Münchens in der Landwehrstraße eröffnete, veranstaltete die Community ein spontanes Straßenfest, so groß war die Freude über Essen aus der Heimat. Ihren Namen erhielt die Landwehrstraße, die im Krieg komplett zerstört wurde, 1829. Namensgeber war ein Exerzier- und Übungsplatz des Münchner Landwehrregiments "Älterer Ordnung".

 

Landwehrstraße 12: "Reparieren kann man immer"

Die Gewofag-Siedlung in der Wendl-Sietrich-Straße.
Präzisionsmechaniker Gerard Wiener in seiner Werkstatt. . Foto: Daniel von Loeper

Gerard Wiener (79) repariert in seiner nach ihm benannten Fotowerkstatt "alles, was mit Kameras zu tun hat". Mittlerweile macht der Präzisionsmechaniker das seit 60 Jahren. "Bei meinem Beruf gibt es keine Arbeitslosigkeit – reparieren kann man immer."
Wieners guter Ruf als Alleskönner reicht weiter als die Stadtgrenzen. Sogar aus China und Amerika kommen Kunden zu ihm, um ihre Kameras wieder funktionstüchtig zu machen.

"Ich habe keine Lieblingskamera, für mich ist jede Kamera okay", sagt Wiener. "Manchmal fotografiere ich in meiner Freizeit Landschaften." Wie viele Kameras er in seinem Laden hat, weiß er nicht. Er repariert viel und das rentiert sich. "Man wird davon nicht Millionär, aber es reicht für die Miete und um mal essen zu gehen." 350 Euro Rente bekommt er, deshalb arbeitet er immer noch. "Aber mir macht es Spaß zu reparieren."

Geboren ist Wiener in Paris: "Ich mag die Leute in der Landwehrstraße – mit einigen kann ich auch auf Französisch sprechen."


Landwehrstraße 44: Einmal Palau, bitte

Die Wendl-Dietrich-Straße 17
Kellner Ryan (22) und Aligan (29).. Foto: Daniel von Loeper

Afghanisch? Viele können sich darunter erst einmal nichts vorstellen. Zu präsent sind die Bilder von Krieg und Staub, die man aus den Nachrichten kennt. Dass in Afghanistan sehr schmackhafte Reisgerichte mit vielseitigen Gewürzen und Früchten serviert werden, wissen nicht viele.

Wer seinem Gaumen eine Reise gönnen möchte, kann im Hindukusch-Restaurant vorbeischauen. Der Kellner Aligan (29) empfiehlt auf der Karte zum Beispiel Quabeli Palau: Reis mit Lamm, Karotten und Rosinen. Geöffnet ist täglich von 11 bis 23 Uhr.


Landwehrstraße 46: Einfach süperb

Stiftungsassistentin Diana Vrbic (36) und Obstverkäufer Hosaid Sarwarg (23). Foto: Daniel von Loeper

Wer in der Landwehrstraße einkaufen geht, fühlt sich ein bisschen wie auf einem Basar: Das liegt auch an den vielen türkischen Supermärkten in der Gegend – wie dem Verdi Süpermarket.  Beim Metzger, den man im Laden findet, kann man sich auch einen Döner holen. Viele Kunden, wie zum Beispiel die Stiftungsassistentin Diana Vrbic (36), kommen aber einfach für ihren Lebensmitteleinkauf hier vorbei: "Ich liebe diesen Obst und Gemüseladen. Die Preise sind moderat und die Öffnungszeiten lang."


Landwehrstraße 52: Alles gestapelt

Die Jugendherberge in der Wendl-Dietrich-Straße.
Safi Purdel in seinem Laden Kabul Market. Foto: Daniel von Loeper

Ladenbesitzer Safi Purdel führt den Kabul Market, hier stapeln sich Reis und Hülsenfrüchte übereinander. In den Regalen findet man Tees, Eingelegtes, Süßigkeiten, aber auch Shishas werden verkauft. "Die Landwehrstraße ist bunt und vielfältig", sagt er. "Mir gefällt es sehr in dieser Gegend. Es ist international in der Straße – und ich mag meine Kunden."


St.-Pauls-Platz: Eine Kirche als Kontrapunkt

Turan Sare von der Eleven Bar in der Wendl-Dietrich-Straße. Wiesn 1904: Die Paulskirche noch im Bau Foto: Stadtarchiv

Eigentlich liegt sie ja gar nicht in der Landwehrstraße – die Paulskirche. Aber sie thront quasi über dem Straßenzug und bildet einen interessanten Kontrast zu der sonst migrantisch geprägten Straße.
Eine Kirche in Klein-Instanbul sozusagen. Sie ist eine Vorreiterin, war sie doch die erste Pfarrkirche in der Ludwigsvorstadt.
Als man sie 1892 erbaute, war München – manche Dinge bleiben eben immer gleich – gerade wieder in einem Tempo gewachsen, dass die vorhandenen Kirchen die Gläubigen nicht mehr aufnehmen konnten.
Architekt der 1906 fertiggestellten Kirche war Georg Ritter von Hauberrisser, er plante auch das Neue Rathaus am Marienplatz. 97 Meter ist der Hauptturm der Paulskirche hoch. Das macht sie zu einer der imposantesten Sakralbauten der Stadt.


AZ-Serie "Von der Straße"

Die Humboldtstraße: Der erste Teil der Serie

Die Schützenstraße: Der zweite Teil der Serie

Die Dachauer Straße: Der dritte Teil der Serie

Die Ubostraße: Der vierte Teil der Serie

Die Georgenstraße: Der fünfte Teil der Serie

Die Wendel-Dietrich-Straße: Der sechste Teil der Serie

Die Balanstraße: Der siebte Teil der Serie

Der Pfanzelt-Platz: Der achte Teil der Serie

Die Plinganserstraße: Der neunte Teil der Serie

 

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