AZ-Serie "Von der Straße" Die Wendl-Dietrich-Straße: Reich und Arm ganz nah

 Foto: Google Earth / AZ

Links Sozialwohnungen, rechts ein nobles Villenviertel. Auf der Wendl-Dietrich- Straße in München-Neuhausen treffen sich die Bewohner. 

München - Sie ist so münchnerisch wie eine Münchner Straße nur sein kann. Und trotzdem ist sie anders als die meisten Straßen der Stadt: die Wendl-Dietrich-Straße in Neuhausen, die vom zentralen Rotkreuzplatz aus schnurgerade nach Westen führt.

Denn hier trifft Armut sehr unmittelbar auf großen Reichtum. Eine breite Mittelschicht findet sich erst drüben auf der anderen Rotkreuzplatzseite.

Linker Hand, wenn man gen Westen schaut (auf unserem Luftbild also oben links) liegen die langgezogenen Wohnhäuser der Gewofag aus den 30er Jahren, in denen viele Münchner mit schmalem Geldbeutel wohnen. Viele alleinstehende Rentnerinnen (manche sind hier geboren), Familien, Alleinerziehende, Menschen, die übers Wohnungsamt kommen.

Man grüßt sich über Geldbeutelgrenzen hinweg

Rechts dagegen, hinter einer weiteren Gewofaganlage, beginnt die vornehme Villenkolonie Neuwittelsbach, wo prächtige (Jugendstil-)Villen in riesigen alten Gärten stehen. Hier wohnt viel altes Geld. Münchner Unternehmerfamilien etwa, denen weit mehr gehört als die eine feine Immobilie. All diese Bewohner treffen an der Wendl-Dietrich-Straße zusammen. Vorn im Kaufhof am Platz und in Hanis Backstube. In der Mitte beim Supermarkteinkauf im Penny oder im Dönerladen.

Oder hinten in der "Dog’s Lounge", eine Art Bio- und Gesundladen für Hunde. Nur ist es halt so, dass sich die einen hier Teuerkost für ihren Vierbeiner locker leisten können, und die anderen eher zum Hundebesitzer-Ratsch reinschauen. Nur selten nehmen die Seniorinnen mit Minirente ein Leckerli mit.

Jahrzehnte schon mischt sich das Leben hier in friedlicher Nachbarschaft, man grüßt sich über Geldbeutelgrenzen hinweg. Man kämpft gemeinsam einen Backdiscounter weg, indem man treu beim alten Bäcker bleibt. Über eins aber machen sich die Eingesessenen beider Straßenseiten doch Gedanken: Die bahnhofsviertelartige Atmosphäre, die sich einschleicht vorn in der Straße. Jetzt sind schon drei Dönerläden da und ein Sportwetten-Geschäft. Und Nun soll auch noch diese sehr, sehr große Shishabar eröffnen, die ein neues Klientel herlocken könnte, das man sich hier noch nicht so recht vorstellen kann. Man wartet ab, was soll man auch sonst.


Die Gewofag-Siedlung: Alte Nachbarschaft

Die Gewofag-Siedlung in der Wendl-Sietrich-Straße.
Die Gewofag-Siedlung. Foto: iko

Gute Wohnungsschnitte, Loggien und vor allem viel Spielfläche und Garten zwischen den Häusern: Die Gewofag-Siedlung Neuhausen (Baujahr 1928-31, rund 2.500 Wohnungen), gehört zu den fünf Gründersiedlungen der städtischen Wohnungsbaugesellschaft. Geplant hat die Stadt sie damals für Arme und den Mittelstand. Bis heute wohnen viele Menschen mit schmalen Geldbeuteln hier.


Wendl-Dietrich-Straße 17: Das Mini-Haus und sein netter Vermieter

Die Wendl-Dietrich-Straße 17
Das kleine Haus in der Wendl-Dietrich-Straße. Foto: iko

Na sowas. Ein einstöckiges Minihaus in bester Neuhauser Lage? Daneben noch so alter ein Winzling? Wo sich hier doch fünfstöckig Luxuswohnungen aufs Grundstück bauen ließen. Nein, nein, macht unser Vermieter nicht, sagen die Mieter. Der sei nämlich nett. Und wolle das ehemalige Gärtnereihäusl seiner Familie auch gar nicht kaputtmachen. Deshalb ist und bleibt ein Dönerladen drin, ein Friseur, eine Studenten-WG. Und der Italiener "La Luna", der seit 20 Jahren da ist, mit winzigem Gastgarten hinten im Hof. Vor einer Weile hat Mario Torbar (37, Foto unten) die Osteria vom Schwiegerpapa übernommen. "Ich mag das", sagt er, "dass die schicken Anwälte von drüben aus der Lachnerstraße hier mittags mit den normalen Rentnern ein Bier trinken."

Osteria La Luna, Mo-Fr 11.30-14.30 Uhr und 17.30-22 Uhr, Sa 17.30-22 Uhr, Sonntag Ruhetag, Tel: 139 38 474


Wendl-Dietrich-Strasse 21 b: Die Dog’s Lounge

Bio-artgerechtes Rohfleisch, Leckerlis für allergische Vierbeiner, Hundesofas mit Liegekomfort: Was Regina Theobald (47, Foto) in ihrer "Dog’s Lounge" anbietet, lockt, klar, Hundebesitzer an, die den Cent nicht zweimal umdrehen müssen. Es schauen trotzdem (fast) alle Zamperlbesitzer der Straße herein. Einfach weil’s so nett ist hier. www.dogslounge-muenchen.de


Wendl-Dietrich-Straße 20: Münchens älteste Jugendherberge

Die Jugendherberge in der Wendl-Dietrich-Straße.
Die Jugendherberge in der Wendl-Dietrich-Straße. Foto: iko

Ende Mai hat sie erstmal zugemacht, die älteste Jugendherberge Münchens mit rund 360 Betten. Denn hier wird einiges ganz neu werden. Der Altbau von 1927 vorn an der Straße wird saniert, am Winthirplatz kommt ein Neubau hin, über den es im Vorfeld viel Streit gegeben hat, weil der Entwurf geradezu "spacig" geraten war. Im Frühling 2021 soll alles fertig sein.


Wendl-Dietrich-Straße 11: Was bringt die Mega-Shisha-Bar?

Turan Sare von der Eleven Bar in der Wendl-Dietrich-Straße.
Turan Sare von der Eleven Bar in der Wendl-Dietrich-Straße.. Foto: iko

Das Häusl mit seinem Schwarzwaldhüttencharme fällt aus der Reihe. Jahrelang war eine Schlecker-Filiale drin. Dann stand es leer. Bis sich Turan Sare (43, Foto), ein Münchner mit türkischen Wurzeln, mit seiner "Eleven Bar" eingemietet hat (allerlei von Döner bis Hugo). Als in der linken Haushälfte die Bierkneipe Kuchlbauer dichtmachte, hat er auch die zwei Stockwerke dazugemietet. Nun baut er um, für Münchens größte Shisha-Bar. Eleven Bar, täglich 9-23 Uhr, Tel: 18 91 14 20


Wendl-Dietrich-Straße 7: Wie Hanis im Bäckerei-Krieg siegt

Hani's Backstube in der Wendl-Dietrich-Straße.
Can Dalkaya (r) vor Hanis Backstube. Foto: iko

Ein kleiner Stopp in Hanis Backstube gehört für viele in der Straße einfach zum Tag. Schnell eine Butterbrezn oder Mohnschnecke in den Job mitnehmen. Oder einen Cappuccino trinken und Neuigkeiten aus dem Viertel austauschen. 20 Jahre schon versorgt die nette kurdische Familie von Can Dalkaya (25, Foto) die Nachbarn mit bayerischen Backwaren. Nur einmal war es kritisch. Als 2006 genau nebenan ein Back-Discounter mit Billigstpreisen einzog. "Bäckerei-Krieg", nannten die Nachbarn das empört – und blieben trotzig ihrem Lieblingsbäcker treu. Nun ist der Discounter weg – stattdessen ist ein Wettbüro drin. Und Hanis bleibt. Wie schön. Hanis Backstube, Mo-Fr 6-19 Uhr, Sa 6-16 Uhr, So 7-12 Uhr, Tel: 13 93 75 88


Wendl-Dietrich-/ Ecke Renatastraße: Pralinen-Glück

Hasi Hasenkopf in der Wendl-Dietrich-/ Ecke Renatastraße
Hasi Hasenkopf in der Wendl-Dietrich-/ Ecke Renatastraße. Foto: iko

Die Frage nach einem Mitbringsel stellt sich nicht mehr, wenn man einen Laden wie Hasi Hasenkopf in der Straße hat: Feinste Pralinen, Marzipanschweindl, Lebkuchenherzen. Köstlich, was bei der "Süßen Manufaktur" alles nach alter Konditorkunst selbstgemacht und verkauft wird. Eine Bereicherung. Jedenfalls für Schleckermäulchen. www.hasihasenkopf.jimdo.com


AZ-Serie "Von der Straße"

Die Humboldtstraße: Der erste Teil der Serie

Die Schützenstraße: Der zweite Teil der Serie

Die Dachauer Straße: Der dritte Teil der Serie

Die Ubostraße: Der vierte Teil der Serie

Die Georgenstraße: Der fünfte Teil der Serie

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. null