AZ-Serie Triple-Helden Neuer & Boateng: Eine Erfolgsstory

Jerome Boateng und Manuel Neuer haben es von ganz unten nach ganz oben geschafft. Der eine aus dem Fanblock, der andere aus einem Sportplatz im Ghetto

 

München - Am liebsten hätte er seinem Kumpel Dominik mit Anlauf in den Hintern getreten. Von Gelsenkirchen bis Stuttgart waren Manuel Neuer und er mit dem Zug gefahren, da fiel es Dominik auf: „Eintrittskarten vergessen.” Vor dem Stadion kauften sich die beiden zwei neue Tickets – zum doppelten Preis. Ehrensache für Schalke-Fans.

Lang, lang ist’s her. Heute ist Neuer Nationaltorwart, Bayern-Star, Triple-Held. Dass er es mal so weit bringen würde, war nicht klar.

In der F-Jugend schon stellte man Neuer ins Tor – weil kein anderer da war. Später flog Neuer sogar aus der Westfalen-Auswahl. Begründung: zu klein!

Im 519 Kilometer entfernten Berlin wuchs in etwa zur selben Zeit ein Mann auf, der es ähnlich schwer hatte: Jérôme Boateng.

Zwei Männer, die es von ganz unten – der eine aus dem Fanblock, der andere vom Bolzplatz im Ghetto – nach ganz oben geschafft haben. Die AZ erzählt ihre Erfolgsgeschichte.
Seit dem 1. März 1991 ist Neuer Schalke-Mitglied – angemeldet von seinem Vater, einem Hauptkommisar, der seinen Sohn oft ins Stadion geschmuggelt hatte.

Aufgewachsen ist der kleine Manu im Stadtteil Buer. 34000 Einwohner, jeder Zehnte arbeitslos. Sein Opa unterschrieb Briefe lieber mit „Buer in Westfalen” – nicht mit „Gelsenkirchen”.Manuel trat der Fan-Gruppierung „Buerschenschaft” bei. Das brachte ihm nach Bekanntwerden seines Wechsels zu Bayern Fan-Wut ein. „Koan Neuer” protestierten die Bayern-Fans. „Ich wünsche dir von ganzem Herzen Sportinvalidität”, pesteten Schalker.

Und Boateng? Der wohnte mit Mutter Nina und Schwester Avelina früher zwar im bürgerlichen Stadtteil Wilmersdorf, sein Leben aber war die Panke. Jener Bolzplatz im, nun ja, wilderen Stadtteil Wedding. Ein Fußball-Käfig mit Asphalt-Platz, zwei Holztoren, kein Netz. Die Panke war das Reich der anderen zwei Boatengs, George und Kevin-Prince, den Kindern seines Vaters aus erster Ehe.

Hier, auf engstem Raum, wo jeder Zweikampf zur Ehrensache gerät, lernte Jérôme Fußball spielen – und seine Brüder kennen. Kevin-Prince, ein Jahr älter als er, war sieben, als ein Talentsucher von Hertha BSC ihn in der Panke entdeckte. Obwohl er im Verein spielte, kam er doch jeden Tag zurück in den Käfig.

Auch Jérôme fuhr fast jeden Tag rüber nach Wedding. Der Journalist Michael Horeni, der das Buch „Die Brüder Boateng” geschrieben hat, berichtet von richtigen Abnutzungskämpfen der beiden. Der Jüngere, der im Gegensatz zu Kevin regelmäßihen Kontakt hatte zum gemeinsamen Vater, wollte beweisen, dass er sich trotz seiner „bürgerlichen” Herkunft im Wedding behaupten und mit Kevin mithalten kann. Er schaffte das, doch ganz gehörte er nie dazu. Als Kevin anfing, sich als Ghetto-Kid zu stilisieren, mit Tattoos, Brilliant-Ohrringen, derber Sprache, galt Jérôme immer als der ruhigere, pflegeleichtere Boateng. Ein Mann der ruhigeren Töne, das war auch Neuer.

Nachdem er 2005 seinen ersten Profivertrag unterschrieben hatte, kaufte er seiner Familie eine Doppelhaushälfte. Mama Neuer kochte für ihren Manu zwischen den Einheiten. Von Schalke hatte sie sich sogar Tipps geholt, was gut ist für ihren erwachsenen Sohn. Heute sorgt er für sich allein.

 

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