AZ-Serie "Münchner Gschichten" Angebandelt auf der Wiesn – und immer noch ein Paar

Liebe auf den ersten Blick: Hannelore und Friedrich Oswald. Foto: privat/AZ

AZ-Leser Friedrich Oswald und seine Hannelore: Seit 60 Jahren verheiratet. Kennengelernt haben sie sich auf dem Oktoberfest.

 

Am ersten Wiesn-Samstag 1957 habe ich meine jetzige Frau kennengelernt. Ich bin jetzt 79 Jahre, und meine Frau ist 77 Jahre jung. Heuer sind es genau 60 Jahre, dass wir uns kennen. 1961 haben wir geheiratet. 2011 feierten wir die Goldene Hochzeit. Ich habe 1957 unser Kennenlernen auf der Wiesn schriftlich niedergelegt und das Original bis heute aufgehoben. Hier ein Auszug unserer Geschichte:

Am ersten Wiesn-Samstag hatte ich gerade mit einem Spezi ein Bierzelt verlassen, da sah ich sie, Hannelore mit ihrer Freundin Regina. Zu meinem Freund sagte ich: "Du musst mir helfen, übernimm die Freundin!" – ein eiligst herausgesprudelter Satz.

Beide Freundinnen waren überrascht. Hannelore und ich nahmen uns gegenseitig bei den Händen und auf ging’s ins Vergnügen. In die schwellende Orgelmusik der Karusselle, Schreie der Jahrmarktbuden, vorbei an Achterbahnen und dem Gebrüll der Motoren von den Steilwandfahrern. Alles erschien uns wie Musik, und als ich ihr in die Augen sah, da wusste ich, es ist Liebe auf den ersten Blick. Auf einem Karussell mit Holzpferden haben wir uns das erste Mal geküsst.

Um halb 10 musste sie nach Hause. Aber wir machten einen Treffpunkt für den nächsten Tag aus. Ich war genauso verliebt wie am Tag zuvor. Wir schauten uns im Luitpold-Kino den Film "Monpti" mit Horst Buchholz und Romy Schneider an. Beide hatten wir am Ende des Films Tränen in den Augen.

Zwei Stunden lang durchstreiften wir nachher die Stadt und erlebten gemeinsam die Dämmerung, das Aufleuchten der Lichtreklamen und den ruhelosen, nie aufhörenden Strom, der sich Verkehr nennt. Hand in Hand betrachteten wir die Auslagen der Geschäfte. Am meisten interessierten Hannelore die Schuhgeschäfte. Am Abend trafen wir ihre Mama am Stachus vor den Trambahngleisen. Sie wollte mich begutachten. Ich hatte einen Pepita-Anzug an mit roter Krawatte. (Später verriet mir meine Schwiegermutter, als sie mich das erste Mal sah, habe sie sofort gewusst: "Den werden wir nie mehr los.")

Als beide in die Trambahn stiegen, erschien mir der Tag wie ein Traum, der mir unvergesslich geblieben ist. Und so begann unser gemeinsames Leben mit allen Höhen und Tiefen, die ein Menschenalter beinhaltet. Unsere Liebe besteht auch heute noch.


Und was haben Sie erlebt? Schreiben Sie an die AZ!

Die AZ wird Sie in diesen Sommertagen unterhalten mit Geschichten aus den Zeiten, in denen München doch noch münchnerischer war als heute. Als Stenze durch die Stadt strawanzten – und Striezis und Schandis aneinandergeraten sind.
Haben Sie selbst auch solche Münchner Gschichten erlebt?
Schreiben Sie sie auf – und schicken sie diese, gern mit Fotos (falls vorhanden) – an leserforum@az-muenchen.de

Oder per Post an:
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Kennwort: Gschichten
Garmischer Straße 35
81373 München

Die AZ wird ausgewählte Gschichten veröffentlichen.

Lesen Sie hier Teil 1 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": "Erst ein Ohnmachts-, dann ein Tobsuchtsanfall"

Lesen Sie hier Teil 2 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": "Sie legten uns Achter an, dann ging's in die Löwengrube"

Lesen Sie hier Teil 3 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": "Straßenschlägereien, Einzelhaft und ein Wahnsinnsgeschoss"

Lesen Sie hier Teil 4 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": "An Zwickl-Fünfer mit de kurzn Kartn"

Lesen Sie hier Teil 5 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": Wie Fierek zum Film kam: Mit der Dogge im Commodore

Lesen Sie hier Teil 6 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": "Ich war nie ein Striezi oder ein Stenz"

Lesen Sie hier Teil 7 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": "Einsatz am Max-II-Denkmal" und "Schlaraffenland im Keller"

Lesen Sie hier Teil 8 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": "Küsse hinter der Dult, Tauchkurs im Nordbad"

Lesen Sie hier Teil 9 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": "Rainer Weiss - ein Unikum und Urgestein"

Lesen Sie hier Teil 10 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": "Wilde Nächte in den 70ern: ’s Nannerl vom Land"

Lesen Sie hier Teil 11 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": "Münchner Freiheit, die ich meinte"

Lesen Sie hier Teil 12 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": "Schwabinger Krawalle - Und plötzlich eine Heidenangst"

Lesen Sie hier Teil 13 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": "Lebhafte Jahre in München - Als die letzten Hüllen fielen"

Lesen Sie hier Teil 14 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": "Die 60er und 70er - Alles, was verboten war"

Lesen Sie hier Teil 15 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": "Schwabinger Gisela: Warum ist die Laterne krumm?"

Lesen Sie hier Teil 16 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": Erotische Poster: Gotteslästerung im Herzen von Schwabing?

Lesen Sie hier Teil 17 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": Kreuzstraße - Heimat im damaligen Rotlichtviertel

Lesen Sie hier Teil 18 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": Die 50er Jahre: "Damals war man toleranter"

Lesen Sie hier Teil 19 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": "Ein Jahr Milchkännchen"

Lesen Sie hier Teil 20 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": Die 60er: "Wie anders doch die Wiesn damals war!"

Lesen SIe hier Teil 21 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": Haidhausen in den 70ern - "Ein Viertel mit Schwung"

Lesen Sie hier Teil 22 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": Bewegte Jugend - "Mutproben im FKK-Bereich"

Lesen Sie hier Teil 23 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": "In Schwabing war jeder Tag ein Erlebnis"

Lesen Sie hier Teil 24 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": "Rainer und der Anruf aus der Badewanne"

Lesen Sie hier Teil 25 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": "Schräge Typen, fiese Tricks und krude Erlebnisse"

Lesen Sie hier Teil 25 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": "Nur 100 Meter Fahrprüfung"

Lesen Sie hier Teil 26 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": "Fahrt im grünen Adler durchs zerbombte München"

 

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