AZ-Serie "München nicht wie geplant" Teil 9: Münchner Straßenbahn - Tramhaft schee!

Da kann man sagen, was man mag: Sie hat was, die Tram. Und sie gehört einfach zu München. Dieser Ansicht war man aber nicht immer, es gab eine Zeit, da wollte man sie abschaffen. Foto: Karl Klühspies

Die Münchner mögen ihre Straßenbahn schon recht gern. Darum retten sie diese auch, als die Stadt sie loswerden will. Eine Liebesgeschichte.

 

München - Oh bella tram, amore mio! Wackelst nicht so wie ein Bus, bist nicht so finster wie eine U-Bahn. Wenn du anfährst, dann knistert’s oft. Und wenn du schneller wirst, dann singst du. Bist halt eine wie wir, eine Gemütliche. Und darum mögen wir dich so.

Die Münchner haben ihre Tram schon recht gern. Weil sie von Haus aus was Nostalgisches hat. Und wenn dann ein älteres Modell mit Holzschalensitzen daherkommt, spätestens da singt im Geist der Weiß Ferdl von der Linie 8. Geben tut’s die nicht mehr. Auch die Linie 6 zum Harthof, die durchs Siegestor fuhr, macht das seit Jahrzehnten nicht mehr. Aber andere fahren noch.

"Aus is' mit der Linie 8"

Dass es so kam, hat eben mit Amore zu tun, mit Treue und solchen Sachen. Denn als man versuchte, den Münchnern ihre Straßenbahn auszureden, da haben sie zu ihr gehalten. Was für eine Liebesgeschichte! Eine besondere Liebe macht auch schwere Zeiten durch, und so ist es mit den Münchnern und ihrer Tram. Die sollte nämlich weg. 1975 heißt es "Aus is’ mit der Linie 8". Auch andere Linien sollen weichen, bis zum Jahr 1992 sollen sogar alle Wagen verschrottet sein. Schon der Stadtentwicklungsplan von 1963 sieht vor, die Tram einzustellen und ganz auf U-Bahn sowie Bus zu setzen. Der wegen der Olympischen Spiele vorgezogene U-Bahnbau beschleunigt den Plan.

Dazu kommt ein besonders fleißiger Tram-Abschaffer als Werkdirektor, Peter Engelbrecht. Und eine Stadtregierung der CSU, die den Plan gut findet, allen voran auch Oberbürgermeister Erich Kiesl, der noch 1980 bei der Eröffnung des U-Bahnhofs Theresienstraße sagt, dass sich München bei Verkehrsproblemen nostalgische Sentimentalität nur bis zu einem gewissen Grad leisten könne. Sonst würde man sich vielleicht eines Tages wieder über Pferdeäpfel auf den Straßen ärgern.

Immer mehr Linien werden eingestellt, weil sie angeblich "verbotener Parallelverkehr" zu den U-Bahnen seien, etwa die Linie 17 – die es heute wieder gibt, sogar verstärkt durch die Linie 16. Auch die 27 soll weichen – heute ist sie trotz Verstärkung durch die 28 teils rappelvoll. Linien wie die 22, die wichtige Verbindung zwischen Schwabing und Sendling, fallen weg. Und bei jeder Stilllegung werden sofort die Gleise herausgerissen und die Oberleitungen abgebaut.

Münchner wollen ihre alten Tramlinien zurück

Aber die Münchner wollen das nicht. Als die AZ fragt, was sich die Bürger von der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) wünschen, heißt es: alte Tramlinien zurück! Es formieren sich Bürgerinitiativen für den Erhalt und den Ausbau des Tramnetzes. Und manche Münchner sind sogar ganz aufopferungsvoll in ihrer Liebe zur Tram, engagieren sich existenziell, so zum Beispiel ein gewisser Hans Pollitzer.

Er ist Trambahn-Fan und sammelt alles, schließlich auch Waggons. Das geht nur über Mittelsmänner, weil die Verkehrsbetriebe, so hat er es erzählt, die Wagen lieber verschrotten lassen, als sie ihm zu verkaufen. "Die Städtischen Verkehrsbetriebe versuchten nämlich, die Straßenbahn mit Lügen, falschen Gutachten, ja sogar durch Zerstörung eines noch verbliebenen Depots zu ruinieren", sagt Karl Klühspies, Autor des Buches "München nicht wie geplant" dazu. Es sollte kein Zurück geben. "Sogar die Museumswagen sollten verschrottet werden, um der nostalgisch gesinnten Bevölkerung auch noch die Erinnerung an die Tram auszulöschen."

Weil Pollitzer die Wagen nur gegen eine hohe Gebühr in alten, abbruchreifen Hallen der Verkehrsbetriebe lagern darf, muss er sie irgendwann auf ein Feld nahe Fürstenfeldbruck stellen. Dort werden sie von Vandalen zerstört. Was für eine bittere Schändung einer Liebe. "Heute stehen Teile der Sammlung Hans Pollitzers im Museum der MVG", sagt Karl Klühspies. "Bis heute wird das aber nicht richtig gewürdigt."

Als immer mehr Bürger über den Wegfall von Linien klagen, immer mehr auf die Abschaffung ihrer lieben Tram schimpfen, da merkt es die Stadtpolitik dann doch. Und handelt. "Geheimes Gutachten belegt: Die Münchner Tram fährt doch bis ins Jahr 2000" – so titelt die AZ am 26. November 1985. Der Stadtrat hat prüfen lassen, ob es sich nicht doch noch rentiert mit der Tram. Und, schau her: Am 9. Juli 1986 fällt der Stadtrat den Grundsatzbeschluss, dass es doch was ist mit der Straßenbahn. Jahrelanger Protest hat die Tram gerettet.

Treue zählt halt doch was, das haben die Münchner bewiesen. Und seither blüht die Liebe wieder so richtig auf, ob in Steinhausen oder bei der geplanten Tram-Westtangente, die das aktuelle SPD-Stadtoberhaupt Dieter Reiter unbedingt will. Auch ihn hat halt die Tram-Amore erwischt.

Hier finden Sie alle bisher erschienenen Teile der AZ-Serie "München nicht wie geplant"

 

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