AZ-Serie "München nicht wie geplant" Teil 10: Bürgerproteste - Und sie wollen nicht ruhen

Protestkultur: Gegen die zweite Stammstrecke demonstrieren nicht nur Politiker, sondern auch Bürger – nur eines von vielen aktuellen Projekten, gegen die Münchner heute auf die Straße gehen. Foto: dpa

Bürgerprotest heute: Wo die Münchner jetzt auf die Straße gehen, um ihre Stadt und ihr Viertel zu bewahren.

 

München - Sie müssen nicht immer mit Steinen schmeißen. Aber tatenlos zusehen, wie ihre Stadt mit dem ohnehin völlig überhitzen Mietmarkt von Investoren kreuz und quer abgerissen und neu bebaut wird: Das ist der Münchner Sache nicht.

Sie gehen auch heute wieder auf die Straße, wenn sie sich übergangen fühlen – von Politik, Bezirksausschüssen (BA), Behörden. Manchmal haben sie Erfolg. Manchmal können sie auch nur das Schlimmste verhindern.

Die Städter lieben ihre urigen Märkte. Das zeigte sich auf eindrucksvolle Weise beim Protest um den Markt am Wiener Platz, der im Mai 2015 hochkochte. Die Stadt wollte die Standl durch drei große Pavillons ersetzen. Die Haidhauser gingen auf die Barrikaden – mit Erfolg: Im Sommer 2016 sprach OB Dieter Reiter ein Machtwort und verordnete eine behutsame Sanierung.

Der Markt am Wiener Platz wird dank des Einsatzes der Haidhauser nicht abgerissen, sondern im Bestand saniert.
Der Markt am Wiener Platz wird dank des Einsatzes der Haidhauser nicht abgerissen, sondern im Bestand saniert. Foto: Petra Schramek

Auf Gleiches hoffen die Protestler der Bürgerinitiative "Pro Elisabethmarkt": Denn auch der Markt am Elisabethplatz soll laut Plänen des Kommunalreferats abgerissen und neu aufgebaut werden. Der angegebene Grund ist der gleiche wie beim Wiener Markt: Hygiene- und Brandschutzvorschriften.

So tapfer sie auch demonstrieren – immer gewinnen sie nicht

Momentan sieht es schlecht aus für die Abriss-Gegner, stimmte doch der Stadtrat Anfang April den Neubauplänen zu. Doch wie die Vergangenheit gezeigt hat, erweist sich die Gruppe als zäh.

Wohnraum und die Schaffung des solchen ist ein Streitthema, bei dem sogar noch mehr Münchner mitreden können. Um das Großprojekt "Wohnen für alle" gibt es eine Menge Streit: 3000 Wohnungen für einkommensschwache Mieter bis 2020 will OB Dieter Reiter bauen lassen – nur, wohin? Den Platz vor ihrer Haustür zur Verfügung stellen mögen die meisten Anwohner nicht. Den erbitterten Streit zwischen Anwohnern, BA und Stadtrat um die Bebauung der Unnützwiese in Trudering beendete der OB und ließ die grüne Wiese grüne Wiese sein.

So tapfer die Münchner immer wieder gegen die Pläne der Stadt vorgehen – immer gewinnen sie nicht. Für die pittoresken Gebäude in der Schwabinger Sailerstraße Nummer 2 bis 6 erteilte die Lokalbaukommission 2015 die Genehmigung zum Abriss. Hier sollen Neubauten entstehen.

Leider keine Baudenkmäler: Die über 100 Jahre alten Häuser in der Sailerstraße 2, 4 und 6 müssen Neubauten weichen.
Leider keine Baudenkmäler: Die über 100 Jahre alten Häuser in der Sailerstraße 2, 4 und 6 müssen Neubauten weichen. Foto: Linda Jessen

Die Münchner Altstadtfreunde und Nachbarn hofften, dass das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege die 120 Jahre alten Häuschen doch noch als Baudenkmäler einstuft – vergeblich, wie sich in der vergangenen Woche herausstellte.

Eine Niederlage mussten auch die Protestler rund um die Tierklinik in der Königinstraße hinnehmen: Bereits seit 2015 wehrten sich Bürger gegen den Abriss des historischen Jugendstil-Gebäudes, das einem Physik-Campus der LMU weichen sollte. Mittlerweile wächst an der Königinstraße bereits das neue Nano-Institut der LMU in die Höhe. Ein schwacher Trost: zumindest die Bibliothek, der Brunnen und das Pflaster hin zur Königinstraße bleiben.

Ohne Info-Abende geht nichts mehr – doch für viele ist das zu wenig

Und die Bürger, sie wollen nicht ruhen: Mit Trillerpfeifen und Plakaten protestierten die Haidhauser bis zuletzt gegen den Bau der zweiten Stammstrecke. Eine Bürgerversammlung Ende Februar im Hofbräukeller platzte, weil der Saal zu klein für den Ansturm war.

Sie wollen weitermachen, trotz Spatenstich am 5. April. Allerdings will der Funke nicht so recht auf die restlichen Münchner überspringen, denn viele sind froh, dass das jahrzehntelang diskutierte Projekt endlich startet. Wichtig für eine große Zustimmung zum Bürgerprotest ist eben auch, dass nicht das Interesse einiger Anwohner, sondern die Stadtentwicklung im Vordergrund steht.

Im Herzen der Innenstadt schwelt es ebenfalls: Die Alte Akademie an der Neuhauser Straße soll von Immobiliengroßunternehmer René Benko modernisiert werden. Er will an den alten Arkaden Veränderungen vornehmen. In der Maxvorstadt sind mit dem Plan für das neue Umweltreferat an der Kreuzung Dachauer Straße/Schleißheimer Straße weder Bürger noch BA einverstanden: Dort sollen fast alle Bäume gefällt werden. Bisher weist das Kommunalreferat die Vorwürfe als "Unsinn" zurück.

Aufreger: Die Feldmochinger Bauern (v.l.) Stefan Hausler, Andreas Grünwald und Florian Obersojer fürchten um ihr Land.
Aufreger: Die Feldmochinger Bauern (v.l.) Stefan Hausler, Andreas Grünwald und Florian Obersojer fürchten um ihr Land. Foto: Petra Schramek

In Feldmoching regt sich seit kurzem Widerstand von Grundstücksbesitzern: Die Stadt überlegt, dort ein etwa 900 Hektar großes Areal für Neubauten zu nutzen. Die Freiflächen in diesem Gebiet – hauptsächlich landwirtschaftlich genutzt – sollen an die Stadt verkauft werden.

Große Änderungen einfach durchzuwinken, das traut sich die Stadt nicht mehr: Ohne Bürgerversammlungen, Workshops und Infoveranstaltungen sind große Bauprojekte fast undenkbar. Dennoch haben viele das Gefühl, dass ihre Vorschläge nicht umgesetzt werden, und wissen nicht, ob die Entscheidungen dem Wohl der Stadt dienen – oder doch eher den Investoren.

Der Bürger: Er wird sich auch weiterhin einmischen. Und das ist auch gut so.

Hier finden Sie alle bisher erschienenen Teile der AZ-Serie "München nicht wie geplant"

 

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