AZ-Serie "München nicht wie geplant" Teil 4: Die Retter ihrer Stadtviertel

Haidhauser Bürger wehren sich: Mieterprotest gegen die Luxussanierung in der Lothringerstraße. Bürgerinitiativen haben das Stadtbild in den letzten Jahrzehnten immer wieder verteidigt. Foto: ho

Lebensraum retten: Wie die Viertel-Sanierungen im Westend, dem Lehel und in Haidhausen die Protestkultur fördern.

 

München - Wem’s wurscht ist, der reißt nie was. Der schaut halt zu, was passiert und lebt damit. Es ist um die Mitte der Sechziger Jahre, als das in München vielen Menschen zu blöd wird.

Denn es ist die Zeit der großen Viertelsanierungen. Fast alle an die Altstadt angrenzenden Wohngebiete werden als Kerngebiete ausgewiesen. Vom Wohnraum soll dort teils nurmehr ein Drittel übrigbleiben. Der damalige Stadtbaurat Uli Zech wollte die "Glasscherbenviertel abräumen". Dass es alteingesessenen Bürgern dann zu teuer werden könnte, war ihm wohl gleich. Dazu sagte er bei einer Rede vor der Bauinnung im Jahr 1970 sogar, dass die jetzige Bevölkerung, etwa im Lehel, bald eh verschwinde. Die Leute würden in zehn, fünfzehn Jahren durch finanzstärkere ersetzt, und die Bewohnerstruktur, die jetzt Probleme mache, sei dann nicht mehr da.

Mit diesem Angriff auf die Heimat vieler Münchner beginnt die Zeit der Stadtviertel-Bürgerinitiativen. In verschiedenen Stadtteilen entstehen Gruppen, die sich gegen die aus ihrer Sicht menschenfeindliche Stadtplanung wehren. Es sind vor allem Bürger, die selbst betroffen sind, denen es aber nicht gleich ist, was passiert. Sie mucken auf – und werden so ein Stück weit zu den Rettern ihrer Stadtviertel.

Lehel: Erste Proteste regen sich

Die geplante Sanierung des Lehels bringt zum ersten Mal so viel Protest, dass die Idee der Bürgerbeteiligung aufkommt. Ausgangspunkt ist der Plan, das Viertel moderner und vor allem lukrativer zu machen: Weil man die Baukosten des ins Viertel hineingeschlagenen Altstadtrings Ost wieder reinbringen muss, soll es wesentlich mehr Büros und Luxuswohnungen geben.

Das Lehel soll Kerngebiet werden, nicht mehr bloß Wohnviertel. Das provoziert Kritik. Nachdem die Stadtpolitik schon bei der Diskussion um die Untertunnelung des Prinz-Carl-Palais gemerkt hat, dass die Bürger mitreden wollen, sollen diese nun beteiligt werden. Was aber nur mäßig klappt.

Zwar wird das Münchner Forum, in dem Architekt und Autor Karl Klühspies sowie Mitstreiter wirken, beauftragt, die Bürger vor Ort über das Projekt zu informieren und Ideen zu sammeln. Zum ersten Mal in der deutschen Stadtplanungsgeschichte gibt es für so etwas sogar kommunales Geld.

Bloß bringt’s wenig, sagt Klühspies im Nachhinein: "Die Versuche, der Bevölkerung ein Mitspracherecht einzuräumen, scheiterten am nicht zu übersehenden, trickreichen Widerstand der Verwaltung." Es gibt viel Diskussion, aber wenn es dann etwa konkret um die Rücknahme der Ausweisung von Kerngebieten geht, mauert das Planungsreferat. Und trotzdem hat der Protest eine Wirkung: Das Viertel wird nicht so zerlegt, wie geplant, der Altstadtring Süd wird nicht gebaut und Sozialpläne für die Bevölkerung werden künftig Standard im Planungsverfahren für Viertelsanierungen.

Es geht nicht nur um die eigene Straße, sondern ums Erbe der Stadt

Denn in den folgenden Jahren sind weitere Viertel um den Stadtkern dran. In den Siebzigern soll etwa Haidhausen durch Abbruch moderner werden, eine Schnellstraße droht den Stadtteil zu zerreißen und sowohl Max-Weber- als auch Wiener Platz verschwinden zu lassen.

Eine Bürgerinitiative formiert sich, Promis und Medien helfen dazu. So schreibt zum Beispiel Schauspieler Jörg Hube in der AZ gegen den geplanten Bau, Künstler werben auf Veranstaltungen für die Anliegen der Bürger. Jetzt, rund zehn Jahre nach den ersten Bürgerinitiativen, ändert sich wieder etwas am Protest: Es sind nicht mehr nur die unmittelbar Betroffenen, die einen Aufstand machen, sondern auch Münchner aus anderen Vierteln, die unterstützen wollen. Der neue Bürgerprotest ist solidarischer – und er schaut auch auf die Entwicklung der Stadt als Lebensraum, nicht nur auf die eigene Straße.

Und auch ein bisserl auf das Erbe der Stadt. Etwa auf die Herbergshäusl in Haidhausen oder bei der Viertelsanierung im Westend Ende der Siebziger Jahre das Hauberrisser-Haus in der Schwanthalerstraße und die Hackerbrücke. Beiden wäre es nämlich fast drangegangen.

Die Hackerbrücke hätte laut Verkehrsplan abgerissen werden sollen, das Hauberrisser-Haus ebenso. Auch Gründerzeithäuser in der Trappentreustraße sind damals vom Abriss bedroht. Das Baureferat will dort eine Aufständerung des Mittleren Rings in der Trappentreustraße – also etwa so wie heute am Candidplatz. Doch wieder gibt es Protest. Die Häuser seien Baudenkmäler der Gründerzeit, heißt es.

Nun ist die Meinung der Bürger nicht mehr zu überhören

Und der Protest von Bürgern und der Lokalpresse hat Erfolg: Statt einem Highway auf Stelzen gibt es den Trappentreutunnel, die Baudenkmäler werden erhalten. Es ist nun um das Ende der 80er Jahre – und die Bürgermeinung bei der Stadtplanung kaum mehr zu überhören. Spätestens jetzt ist aus den Sorgen von Anwohnern eine öffentliche Diskussion darüber geworden, wie die Menschen in München wirklich leben wollen.

Hier finden sie die ersten Teile der AZ-Serie "München nicht wie geplant"

 

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