AZ-Serie "München nicht wie geplant" Teil 3: Unser aller neues München

Ein Bild der Verwüstung: eine Luftaufnahme der Münchner Altstadt nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Zerstörung war so groß, dass man überlegte, die Stadt woanders neu aufzubauen. Foto: AZ Archiv

Warum die Innenstadt seit dem Krieg immer für Diskussionen sorgt und warum das so gut ist.

München - So kaputt ist die Stadt, dass man es fast bleiben lassen will. Sollen die Ruinen der Altstadt halt stehenbleiben, das neue München errichten wir woanders. Vielleicht auf einem Kasernengrund oder gleich weiter draußen, am Ufer des Starnberger Sees?

Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs sind das tatsächlich Überlegungen, die bei Politikern und Stadtplanern ernsthaft diskutiert werden. Genauso wie die Idee, dass, wenn man die Altstadt schon aufbaut, dann ganz anders. Auf einem Entwurf des Architekten Franz Holzbauer ist etwa der Marienplatz eingerahmt von Klotzpalästen. Stachus und Hauptbahnhof sind durch eine Reihe Hochhäuser verbunden. Alles rein zweckmäßig.

Was übrig war: ein amerikanischer Soldat 1947 in der Altstadt.
Was übrig war: ein amerikanischer Soldat 1947 in der Altstadt. Foto: AZ-Archiv

Beim Wiederaufbau setzen sich dann zwar die Traditionalisten durch, aber: Die Diskussion um die Innenstadt wird nie aufhören. Die Architektur, die Verkehrsmittel, die Fußgängerzone, die Radler – die City bewegt die Münchner. Schließlich ist ja jeder hin und wieder dort, ob er jetzt in Sendling, Hadern oder Gern wohnt.

Die Altstadt geht alle an – darum reden alle mit

Ein Glasscherbenviertel wie etwa die Au war die Altstadt nach dem Krieg nicht – sie war schlicht fast komplett zerstört. Weil sie aber alle bewegt, sind es hier in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg nicht nur Bürgerinitiativen, die sich mit Planern um die Gestaltung streiten: Die Altstadt geht alle an – darum reden seit jeher auch viele Bürger mit.

Karl Klühspies, Autor des Buches "München nicht wie geplant", sagt dazu: "Die Idee, München nach dem vermeintlich modernen Vorbild einer US-Großstadt wieder aufzubauen, blieb dank Bürgerinitiativen und Medienunterstützung schon in der Diskussion stecken."

Bilder, die heute unvorstellbar sind: die zerstörte Au.
Bilder, die heute unvorstellbar sind: die zerstörte Au. Foto: Münchner Forum

Zäher war das Gezerre um die Fußgängerzone. Am 16. Februar 1966 vom Stadtrat beschlossen, können die Münchner erst zu den Olympischen Spielen 1972 durchlaufen. Denn um das Konzept wird lange gerungen. "Der Wettbewerb zur Fußgängerzone war ein reiner Gestaltungswettbewerb für Blumenkübel, Fahnenmasten und Pflastermuster", sagt Karl Klühspies.

Er legt selbst einen Entwurf vor, der nicht am Wettbewerb teilnimmt, aber international Aufmerksamkeit erntet, weil er Grundsatzfragen zur Stadtentwicklung stellt. "Die Stadt hat das zunächst ignoriert und musste sich die Bedeutung erst in einer TU-Studie erklären lassen", sagt Klühspies.

Ein Menschenkanal als Fußgängerzone

Seine Idee: "Statt der ohnehin umsatzstärksten Neuhauser Straße sollten die hinteren Altstadtbereiche gefördert werden." Ein stadtweites Netz von Fußgängerzonen in die Wohnviertel hinein statt einer einzigen Shoppingmeile soll entstehen.

Der Protest bewirkt, dass die Zone ausgeweitet wird, Innenhöfe und Durchgänge geöffnet werden und die City sich ihre Kleinteiligkeit zu einem gewissen Maß bewahrt hat. Wobei man schon sagen muss: vor allem abseits der Hauptachsen. Denn die passantenreichste Einkaufsstraße Deutschlands, die Kaufinger- beziehungsweise Neuhauser Straße, ist schon ein gewisser Menschenkanal. Dass da die Immobilienpreise explodieren und fast nur noch internationale Ketten hinziehen können, braucht keinen wundern. Das ist auch der beste Beweis, dass der Einsatz für eine verzweigerte Altstadt wichtig ist.

Ein Kanal für alle, die einkaufen wollen: Menschenmassen in der Fußgängerzone.
Ein Kanal für alle, die einkaufen wollen: Menschenmassen in der Fußgängerzone. Foto: imago

Wie sehr die Gestaltung der Altstadt bewegt, zeigt sich auch aktuell immer wieder: Bei der Alten Akademie gibt es Diskussionen, beim Hugendubel auch, genauso bei der Fußgängerzone in der Sendlinger Straße oder dem Radlverbot am Marienplatz. Und beim Franziskaner an der Oper gibt es auch eine Petition, selbst wenn dieser noch gar nicht offiziell von einer Schließung bedroht ist.

In der Altstadt schaut man eben ganz genau hin. Was dort passiert, interessiert die Münchner einfach. Und das ist gut: Die Altstadt ist eben in gewisser Weise unser aller neues München.

Hier finden Sie alle bisher erschienenen Teile der AZ-Serie "München nicht wie geplant"

 

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