AZ-Serie: München 2030 Sendling: "Wir haben uns nie so aufgeplustert"

Schmiedeeiserne Balkone, Erker und Türmchen: In Sendling prägen viele Genossenschafts-Altbauten (mit günstigen Wohnungen) das Stadtbild. Foto: az

Noch stemmt sich Münchens sechster Stadtbezirk gegen die Gentrifizierung – dank vieler Genossenschafts- Wohnungen. Dichter wird’s trotzdem werden.

 

Sendlin – Sicher, viele große Freiflächen sind da nicht mehr, im früheren Bauerndorf Sendling. Als es um 1900 zum Arbeiterviertel wurde, entstanden ganze Straßenzüge voller schmucker Genossenschafts-Altbauten wie um die Oberländer- und Daiserstraße.

Dazu kamen die Wohnungen und Gewerbe entlang der Bahn, die Bebauung um die Großmarkthalle, schließlich die dichten Nachkriegsriegel südlich vom Harras.

Es ist eng in Sendling, schon lange. Auf jedem Hektar (100 Mal 100 Meter) leben aktuell 101 Menschen, mehr als doppelt so viele wie etwa in Moosach.

Trotzdem: Zu den gut 40 000 Bewohnern kommen laut dem aktuellen Demografie-Bericht in den nächsten 15 Jahren noch mal um die 4000 dazu, vor allem jüngere Menschen und Familien mit Kindern, die von außerhalb Münchens zuziehen. Denn auch im sechsten Stadtbezirk wird überplant, nachverdichtet, aufgestockt, wo immer sich die kleinste Lücke auftut.

Verträgt das schöne alte Viertel das? „Na klar, Sendling ist ja leidensfähig und geduldig“, so sieht das jedenfalls Ernst Dill, der seit 40 Jahren im Viertel lebt und schon 24 Jahre für die SPD als Vize-Chef im örtlichen Bezirksausschuss sitzt.

„Wir sind ja mit Bussen und U-Bahnen gut bestückt und außerdem hochintegrationsfähig.“ Schon deshalb, weil seit den 60er Jahren in großen Wellen immer wieder Zuzügler kamen, erst die italienischen Gastarbeiter, dann die Griechen, Bosnier, Kroaten und Türken. Ein bunter, friedlicher Schmelztiegel sei Sendling, seit Jahrzehnten, „wir sind Neuankömmlinge gewöhnt“.

Neubauten ziehen eine feinere Klientel an

Gerade ziehen welche in die ersten fertigen Wohnungen am alten Philipp-Morris-Gelände ein. Auf das frei gewordene Areal zwischen Zech- und Steinerstraße errichten Bauherren bis nächstes Jahr an die 600 Single- und Familienwohnungen.

Zum Großteil teures Eigentums, beobachtet Dill. „Da kriegen Sie 100 Quadratmeter nicht unter 600 000 Euro.“ Das zieht eine feinere Klientel ins Viertel, in dem dank der niedrigen Genossenschaftsmieten (und oft jahrzehntealten Mietverträgen) noch viele Wenigverdiener, kinderreiche Familien, Alte mit kleiner Rente oder Studenten-WGs leben.

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Ein Segen deshalb, dass am zweiten größeren Neubaufleck im Viertel offenbar bezahlbarer Wohnraum entstehen soll: Am Harras, zwischen Karwendel-, Duden- und Plinganserstraße, wo der Bund früher Staatsbedienstetenwohnungen für Bundesbeamte vorhielt, wird aufgestockt und dazu gebaut, damit noch Platz für 200 neue Familien entsteht.

Und dann ist da auch noch der Sandplatz am Herzog-Ernst-Platz, den die Sendlinger fast schon zärtlich „Sendlinger Wüste“ nennen. Wenn alles gut läuft, baut die Stadt hier irgendwann günstige Dienstwohnungen für Erzieherinnen, Altenpfleger oder dringend gesuchte neue Verwaltungsleute.

Eine Frage, die die Bürger am meisten umtreibt, ist die, was wohl künftig auf dem Areal der Großmarkthalle passieren wird, wenn die Händler aus der denkmalgeschützten Halle aus- und in einen neuen langen Riegel östlich der Thalkirchner Straße umziehen.

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„Wer geldige Leute anzieht, wird ratzfatz durchgentrifiziert“

Dill: „Wir hätten gern, dass dann das Volkstheater dort reinzieht, statt in den Viehhof. Ein bisserl mehr Kultur schadet uns Sendlingern ja nicht.“

Auf gar keinen Fall aber soll aus dem Hallendenkmal eine Art zweite Schranne werden, schick und szenig und teuer, ein Ort also, der nichts als Verkehr anzieht und neureiche Hipster. „Wir sind hier einfach zu rustikal für sowas“, sagt Dill.

Und meint das gewiss nicht als Stammtischparole, eher steckt eine schlitzohrige Cleverness hinter diesem Satz. „Wer geldige Leute anzieht“, sagt Dill, „und herumposaunt, wie schön’s bei ihm ist, wird ratzfatz durchgentrifiziert. Darum haben wir uns nie so aufgeplustert wie die Isarvorstadt oder Haidhausen.“

Bis jetzt hat’s leidlich funktioniert.

 

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