AZ-Serie München 1968: Knast und Gewalt

Rolf Heissler (l) und Rolf Pohle (r), die im März 1975 im Austausch für den Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz im März 1975 freigelassen werden, auf dem Flughafen Frankfurt/Main. Foto: imago

Schillernde Figuren der Münchner 68er: Reinhard Wetter und Rolf Pohle zwischen Vorwürfen, den Olympiaturm sprengen zu wollen und erstem Münchner RAF-Prozess.

 

Einer der Spielleiter in der linken Szene ist der Philosophiestudent Reinhard Wetter. Er leitet die APO-Jugend. In ihm kann man das "Make Love Not War", einen der vielen Slogans, am schönsten verwirklicht sehen. Immer ist der kleine Mann mit Nickelbrille, gutmütigem Gesicht und Bubikopf von einem Schwarm hübscher Mädchen umgeben. Und immer hat er einen Scherz auf der losen Zunge. Dass einige seine Anhängerinnen bei einem der vielen Prozess zwecks "sexueller Befreiung der Richter" mal die Hüllen fallen lassen, gehört als Gag zum Revolutionsspiel.

Im Sommersemester '68, als an der Hochschule für Politik die Parole "Entwaffnet die Polizei" umgeht, bewerben sich Wetter und sein Kommilitone Rolf Pohle per Postkarte für den Dienst in der Polizei, "um deren Betrieb von innen her zu reformieren".

Die Polizei jedoch dreht den Spieß der Spaß-Guilleros um und, für Dokumentations- und Fortbildungszwecke, einen 15-Minuten-Film über die Räumung eines Gerichtssaals, wo Wetter angeklagt ist.

Wetter soll durch Aufrufe und Anschläge zur "Olympiaturmsprengung" geladen haben. Er wird zu acht Monaten Jugendhaft ohne Bewährung verurteilt und landet in der Justizvollzugsanstalt Ebrach bei Bamberg. Davor bauen APO-Anhänger aus dem ganzen Bundesgebiet ein "Knast-Camp" auf. Namhafte Schriftsteller solidarisieren sich. Bundesfinanzminister Strauß aber belegt die teils sehr freizügig auftretenden Teilnehmer mit der sonderbaren Verbalinjurie "entmenschte Tiere", für die rechtsstaatliche Gesetze nicht mehr gelten könnten.

Für den Umgang mit der Justiz macht der Kommunarde Wetter einmal praktische Vorschläge: "Setzt euch neben den Angeklagten! Zeigt dem Richter, dass der Verhandlungssaal nicht sein Privatgemach ist! Bisher haben nur zehn Leute im Münchner Justizpalast Hausfriedensbruch begangen. Das ist viel zu wenig." Als ihn der Vorsitzende bei einem seiner Prozesse auffordert, eine ordentliche Haltung einzunehmen, schlägt Wetter wie auf dem Kasernenhof die Hacken zusammen. Schließlich will er als neuer AStA-Vorsitzender kandidieren und "die kriminelle Studentenschaft von der Zelle aus vertreten".

"Ich kann mich an keine Demo erinnern, die einem Faschingszug glich"

Längst hat sich der einstige Spaßmacher als Rechtsanwalt etabliert; er inserierte sogar in Polizeiblättern. Spaß versteht er aber nicht mehr recht. Als ich Herrn Dr. Wetter vor zehn Jahren um einen Beitrag "aus heutiger Sicht" bat und den Text für mein entstehendes Buch vorlegte, wetterte er: "Die Darstellung erscheint mir zu sehr als neue Aufbereitung der schon damals sehr oberflächlichen, zum Teil auch verfälschenden Medienberichterstattung. Ich kann mich an keine Demo erinnern, die einem Faschingszug glich. Ob der Ausdruck ,gespielte Revolution' irgendwie der Entwicklung der antiautoritären Bewegung seit Mitte der sechziger Jahre gerecht wird, bezweifle ich." Über seine Erfahrungen schrieb Wetter, zusammen mit anderen, einen "Knast-Report", eine Fundamentalkritik am deutschen Strafvollzug.

Auch unter dem Namen Rolf Pohle erscheint so ein Buch. Es setzt sich aus Interviews zusammen, wird von einem griechischen Schriftsteller im Jahr 2002 herausgegeben und heißt: "Mein Name ist Mensch". Kein anderer Protagonist jener unruhigen Ära hat mich mehr beeindruckt als dieser.

In Pressekonferenzen, "Teach-ins" und Gerichtssälen habe ich ihn erlebt als einen Teil jener Kraft, die stets das Gute will und das Böse schafft. Pohle war ein Weltverbesserer wie aus der Literaturgeschichte, angetrieben von schier unheimlichem Idealismus und Optimismus, von Hilfsbereitschaft bis zur Selbstaufgabe, aber auch getragen von einer Unbeugsamkeit bis zum Fanatismus. So einem ist in einer Gesellschaft des Entweder-Oder das Scheitern sicher.

Pohle entstammte einer angesehenen Münchner Professorenfamilie. Er studierte Recht, sein Vater lehrte Recht. Bald ist er Vorsitzender des Liberalen Studentenbundes, der aber nicht etwa der FDP nahesteht, sondern der SPD, die ihren zu weit nach links gerückten Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) ausgeschlossen hat.

Im Prozess 1969 gibt es die Höchststrafe

Als sich Anfang 1968 an der Uni, wo die eigentliche Studentenvertretung durch Wahlen nach rechts gerückt ist, eine Aktionsgemeinschaft Demokratische Universität gewissermaßen als alternativer AStA bildet, wird Pohle deren Hochschulreferent. "Die Professoren sind teilweise bereit, mit uns zusammenzuarbeiten," versichert er mir. Es war einer seiner vielen fatalen Irrtümer.

Nachdem der Jura-Student freier Rechtsreferent geworden ist, gründet er angesichts der anlaufenden Prozesslawine eine Rechtshilfestelle der APO, die "Rote Hilfe". Er diskutiert mit dem Oberbürgermeister Vogel und dem Polizeipräsidenten Schreiber, bekennt sich zum Gewaltverzicht, verteidigt glühend die Menschenrechte, wie er sie versteht.

Zunächst geht es darum, Studenten zu beraten, die wegen Anstiftung und Beihilfe zum "illegalen Verlassen der Truppe" angeklagt sind; sie haben amerikanischen Soldaten geholfen, sich dem Krieg in Vietnam durch Desertion zu entziehen.

Die Hilfstätigkeit am Rande der Legalität häuft sich nach den blutigen Oster-Unruhen, denen zahlreiche Festnahmen folgen. Dummerweise muss sich Pohle wegen Teilnahme an einer solchen Demo, bei der es Steine und dergleichen auf Polizisten hagelte, selber vor Gericht verantworten. In einem ZDF-Film wollen ihn die Ermittler identifiziert haben, obwohl nur schwarze Umrisse einer Figur zu erkennen sind. Das Urteil von 1969 übertrifft wieder mal das gewohnte Strafmaß: 15 Monate Freiheitsentzug, die Höchststrafe bei schwerem Hausfriedensbruch.

Nach Verbüßung arbeitet Pohle als Kulissenträger bei der Oper. Pausenlos und offen wird er fortan von der Polizei observiert. Er kriegt Angst, und die erträgt der sensible Mensch offenbar nicht. Im Frühjahr 1971, nachdem er auf einem Kongress in Berlin noch für den "Revolutionären Kampf" agitiert hat, taucht er in den Untergrund ab. Doch schon im Dezember wird er in Ulm erneut verhaftet. Jetzt bezichtigt ihn der Staatsanwalt, Waffen für die Rote Armee Fraktion geliefert zu haben.

Aus dem Knast wurde Pohle freigepresst

Im ersten großen RAF-Prozess, der im Februar 1974 in München beginnt, sind zwar Waffenkäufe und die Anmietung einer Garage zu beweisen, schwerlich aber die Zugehörigkeit des Angeklagten zu einer kriminellen Vereinigung, zur Baader-Meinhof-Gruppe.

Zur Aufklärung trägt Pohle selbst keineswegs bei. Beim Abfragen der Personalien etwa begnügte er sich mit dem Satz: "Mein Name ist Mensch". Neun Mal lehnt er das Gericht ab, zehn Mal wird er aus dem Saal entfernt. Am letzten der 53 Verhandlungstage wird er in Abwesenheit (er hat sich in der Zelle nackt ausgezogen) zu sechs Jahren und fünf Monaten verurteilt.

Pohle muss jedoch nicht lange sitzen. Im März 1975 wird er zusammen mit vier Genossen von der "Organisation 2. Juni" nach der Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz freigepresst und in den kommunistischen Süd-Jemen geflogen. Ein Jahr später wird Pohle in Athen aufgegriffen und auf Druck der Bundesregierung ausgeliefert. Anfang 1978 erlebe ich ihn ein drittes Mal in München auf der Anklagebank. Nach langer Isolierhaft ist nur noch ein Schatten seiner selbst.

Bei der Vorführung trägt er eine weiße Gesichtsmaske und ein Stirnband, beschriftet mit "Folter" und "Mord". Dabei stimmt er, die geballte Faust gegen die Richter und das Kruzifix richtend, Rufe an wie "Menschenrechte für alle Gefangenen hier und anderswo" und "Gegen Knast im Knast".

Er will sich nicht verteidigen. Jetzt geht es um eine seltsame Anklage: räuberischen Erpressung in Mittäterschaft. Der Freigepresste soll 20.000 Mark vom Lösegeld gekriegt haben. Urteil: drei Jahre und drei Monate.

Rechtsreferendar Rolf Pohle verzichtet auf jedes Rechtsmittel und sitzt die Strafe voll ab. 1982 lässt er sich endgültig in Griechenland nieder, wo er viele Freunde hat, seitdem er sich für Opfer der Obristen-Diktatur eingesetzt hat. Nach einem Schlaganfall ist der krebsleidende Pohle ein Pflegefall. "Deutschlands gefährlichster Terrorist" ( Bild ) stirbt am 7. Februar 2004 im Alter von 62 Jahren in Athen. In Schwabing veranstalten sein Anwalt und seine Freunde einen Gedenkabend.


Das Ende: Rolf Pohles Sarg bei der Beerdigung in Athen 2004. Foto: dpa

 

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