AZ-Serie Familie trifft München "Für Familien wie uns wird München unbezahlbar"

Entspannter und günstiger leben auf dem Land? Laura und Marco Rossi mit ihrem Sohn Bruno in ihrer Wohnung in der Maxvorstadt. Foto: Petra Schramek

Wie geht es Familien in München? Die neue AZ-Serie "Familie trifft München" beleuchtet diese Fragen – und lässt Eltern zu Wort kommen. Los geht es mit der Familie Rossi. Die jungen Eltern spielen mit dem Gedanken, die Stadt zu verlassen.

 

München - Ein junges, frisch verheiratetes Paar mit einem Kleinkind in der Maxvorstadt. Laura (28) und Marco Rossi (30) leben mit Bruno (fast zwei) und bald mit einem neuen Geschwisterchen mitten in der Stadt. Sie sind die erste Familie, die wir in der neuen AZ-Serie "Familie trifft München"zu Wort kommen lassen. Was treibt Eltern in der Stadt um? Welche Probleme haben sie?

Für die erste Folge haben wir die Familie Rossi getroffen. Über einen Kunden von Friseurmeisterin Laura bekommt das Paar seine gemütliche Altbauwohnung in der Maxvorstadt. Beide haben ein normales Einkommen und trotzdem scheint es, als könnten sie sich den Lebensunterhalt in München bald nicht mehr leisten. Deshalb müssen sich die Rossis immer öfter die Frage stellen: Machbar ist es – aber ist es sinnvoll? Ist es sinnvoll, dass 800 Euro in die Betreuungskosten der Kinder fließen? Ergibt es Sinn, in der überfüllten Stadt mit Kinderwagen oft auf den nächsten Bus warten zu müssen? Lohnt es sich, in der Nähe zu bleiben, vielleicht im Münchner Umland, weil Kultur und Förderung – sportlich oder musisch – wichtig sind? Ein ehrliches Gespräch über Ruhe versus Hektik und Prioritäten.

Marco arbeitet als Fernsehproduzent – ein Beruf mit kreativem Anspruch, aber sehr klassischen Arbeitszeiten von 9 bis 17 Uhr. Laura hat zwischen den beiden Schwangerschaften in Teilzeit, also 30 Stunden pro Woche, als Friseurin gearbeitet. Seit Dezember ist sie zuhause. Im März soll das zweite Baby kommen. Die Familien der beiden wohnen im Allgäu und in Frankfurt. Manchmal kommt Lauras Schwester aus Augsburg zum Aufpassen vorbei. Laura fände es schön, wenn die Kinder mit Oma, Opa oder Cousinen aufwachsen könnten.

AZ: Herr und Frau Rossi, wie viel Zeit haben Sie als Familie?
MARCO ROSSI: Unter der Woche sehen wir uns relativ wenig. Uns bleibt morgens vor der Arbeit und abends jeweils eine Stunde. Ich sehe unseren Sohn Bruno quasi nur, wenn sein Tag startet und wenn er für ihn zu Ende ist.
LAURA ROSSI: In dem Jahr, in dem ich gearbeitet habe, war es schon schwer. Haushalt, Einkaufen, Wäsche: Alles musste auf frühmorgens oder abends verschoben werden. Einmal pro Woche war ich erst um 22 Uhr daheim. Da hat Marco Bruno um kurz vor fünf von der Krippe holen müssen. Das ist ein langer und anstrengender Tag für so einen kleinen Jungen.

Wie sieht ein typischer Tag für Sie aus?
LAURA: Bruno wacht zwischen sechs und sieben Uhr auf, sieben Tage die Woche. Dann stehen wir auf, frühstücken, machen Bruno fertig. Marco bringt ihn dann zur Krippe, die ist in der Nähe. Ich hole ihn nachmittags ab, gehe einkaufen, koche.
MARCO: Wir essen zusammen, und im Idealfall legen wir Bruno ab halb acht ins Bett.

Marco, haben Sie, als Bruno geboren wurde, Elternzeit genommen?
Nein, das hab ich nicht. Im Mai habe ich meinen neuen Job beim Fernsehen angefangen, da konnte ich nicht gleich fehlen.

Hatten Sie Probleme, einen Krippenplatz zu finden?
LAURA: Es war ein Glücksfall, dass wir eine bezahlbare Krippe für 400 Euro gefunden haben. Das läuft alles über den Kita-Finder. Da werden alle Namen in einen Lostopf geworfen, dadurch hat keiner Vor- oder Nachteile mehr. Im April ist Stichtag und alle, die sich bis dahin angemeldet haben, werden berücksichtigt. Wir mussten Bruno mit neun Monaten in die Krippe bringen. Mir war das zu früh, aber ein Krippenplatz wird nur einmal angeboten, die Stadt hat dann ihr Soll erfüllt: Entweder du nimmst ihn oder nicht.

Frau Rossi, Sie sind gerade schwanger. Was wird sich ändern, wenn das zweite Kind kommt?
MARCO: Das fragen wir uns auch (lacht).
LAURA: Je nachdem wie die Geburt verläuft, ist man als Frau einige Zeit außer Gefecht gesetzt. Bei Bruno haben wir den Fehler gemacht, dass Marco keine Elternzeit genommen hat. Bei der zweiten wird er mich entlasten.
MARCO: Dieses Mal nehme ich zwei Monate Elternzeit. Einen Monat direkt nach der Geburt und einen im Sommer, weil unsere Krippe in Schwabing geschlossen hat.

Gibt es Kosten für Ihr Kind, die in der Stadt höher sind als auf dem Land?
MARCO: Die größten Kostenfaktoren sind die Miete und die Krippe. Die ist zwar städtisch und im Vergleich zu privaten Einrichtungen viel günstiger. Wenn ein Partner Teilzeit arbeitet, wird das Geld aber schon knapp.
LAURA: Krippenplätze auf dem Land sind günstiger. Und auch die Wohnung. Für uns würde es sich nicht lohnen, zwei Betreuungsplätze zu zahlen, wenn ich Teilzeit arbeite. Mein Gehalt von 900 Euro würde zu 90 Prozent in die Betreuung fließen. Deshalb spielen wir mit dem Gedanken, aufs Land zu ziehen.
MARCO: Das ist ein Rattenschwanz. Wir hatten Glück mit der Wohnung. Aber es kommen so viele andere tägliche Ausgaben dazu wie U-Bahn, Auto, Windeln. Machbar ist das, aber ist es sinnvoll? Dass einer der beiden nur arbeitet, damit man das Geld aufbringen kann, damit die Kinder betreut werden?

Also denken Sie darüber nach, dass Laura daheim bleibt und nicht arbeitet?
LAURA: Nein, wir denken eher darüber nach, wegzuziehen.
MARCO: Ich bin in der Stadt aufgewachsen und hätte überhaupt kein Problem, meine Kinder in München großzuziehen. Ich persönlich finde nicht, dass ein Leben als Kind in der Stadt schlechter ist als ein Leben auf dem Land. Laura ist auf dem Land aufgewachsen und findet es dort entspannter.
LAURA: Hauptsächlich für Eltern. Wenn man mit Kindern in der Stadt rausgeht, ist es immer ein Ausflug. Essen, Trinken, gefeit sein für alle Eventualitäten. Wenn man am Spielplatz ankommt, ist man oft schon schweißgebadet. Auf dem Land macht man die Tür auf und schickt die Kinder in den Garten. So kann ich derweil eine Wäsche machen. In München sitze ich drei Stunden auf dem Spielplatz und kann währenddessen nichts erledigen.

Wohin soll es gehen, falls Sie sich entscheiden, München zu verlassen?
MARCO: Einig sind wir uns noch nicht. Wir müssen uns überlegen: Bringt es etwas, ins Münchner Umland zu ziehen? Es ist dort auch teuer und wir sind trotzdem nicht näher an unseren Familien. Also muss es entweder Richtung Allgäu oder Frankfurt gehen, wo unsere Familien wohnen.

Sie verlassen ja nicht nur die Stadt, sondern auch einen Job.
MARCO: In meiner Branche gibt es auf dem Land keine vergleichbare Stelle.
LAURA: Ich kann überall arbeiten in meinem Job als Friseurin.

Was müsste passieren, damit Sie sagen: Es geht so nicht weiter, wir müssen jetzt etwas ändern?
MARCO: Ich denke das wird passieren, wenn das zweite Kind auf der Welt ist.
LAURA: ...also in ungefähr fünf Wochen (lacht).
MARCO: Wir reden schon viel darüber.
LAURA: Spätestens nach meinem Jahr Elternzeit müssen wir eine Entscheidung treffen.
MARCO: Laura bekommt diesmal nur 500 Euro Elterngeld im Monat. Und mein Gehalt als Fernseh-Producer ist ja nicht gestiegen.
LAURA: Mit einem Kind ist das noch machbar in der Stadt.

Bleibt Ihnen Geld für Familienausflüge?
MARCO: Bruno ist noch zu klein für so etwas. Wir waren mal im Sea Life, aber eigentlich nur, weil ich dahin wollte (lacht).
LAURA: Wenn, dann machen wir das am Wochenende. Dann packen wir Bruno ins Auto und fahren unsere Familien besuchen.
MARCO: Letztes Jahr hatten wir einen schönen Sommerurlaub auf Mallorca. Es ist auch nicht so, dass wir am Hungertuch nagen.
LAURA: Dieses Jahr wird es keinen vergleichbaren Urlaub geben. Vielleicht machen wir Urlaub im Garten meiner Eltern.

Was würden Sie Ihrem Kind gerne bieten, können es aber nicht?
LAURA: Ich glaube, das ist jetzt noch nicht relevant. Das kommt dann erst in der Schule, wenn es um Markenklamotten geht. Jetzt ist er mit wenig zufrieden.

Was würden Sie sich von der Stadt München wünschen?
LAURA: Einen günstigeren Betreuungsplatz.
MARCO: Von den Münchner Bürgern würde ich mir manchmal wünschen, dass sie mehr Verständnis aufbringen für gestresste Eltern mit Kindern. Ich stand am 53er-Bus am Nordbad, er war relativ voll. Die Leute haben keinen Platz gemacht, und ich musste auf den nächsten Bus warten. Das war ein Scheißgefühl. Der Stresspegel in der Stadt ist im Vergleich zum Land schon enorm, sagen Sie.

Was tun Sie, um im Alltag zu entspannen?
MARCO: Wir versuchen, dass der Partner – und wenn’s nur eine halbe Stunde ist – Zeit für sich alleine hat. Dann geht der andere mit dem Kleinen raus. Wenn es die Zeit zulässt, mache ich Sport.
LAURA: Wenn meine Eltern im Allgäu auf Bruno aufpassen, können wir wandern oder Ski fahren und so Stress abbauen.

Was lieben Sie an München?
LAURA: Ich finde, als Single oder als Paar ist es eine der schönsten Städte, in denen man leben kann. Im Sommer wie im Winter ist das Angebot einfach super. Es ist sauber und sicher. Für Familien bietet München nicht mehr so viel. Und das, was es bietet, ist irgendwann unbezahlbar.
MARCO: In München fühlt man sich wirklich wohl und man hat alles in greifbarer Nähe, was man braucht. Aber als Familie haben wir einen anderen Fokus. Wir suchen Ruhe statt Hektik.

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