AZ-Porträtserie Christian Lindner: Der Einzelkämpfer

Lindner vor Lindner: der FDP-Chef bei einer Wahlkampfveranstaltung. Foto: Sebastian Kahnert/dpa/AZ

Mitte, Mittelstand, mittleres Einkommen: Wie Christian Lindner die FDP zurück in den Bundestag führen will – Folge zwei der AZ-Porträtserie über die Spitzenkandidaten.

 

Die Dame mit den Perlenohrringen wird Christian Lindner an diesem Abend genau ein einziges Mal aus ganzem Herzen widersprechen. Ausgerechnet, als es um die Frage geht, ob und wie sehr Äußerlichkeiten in der Politik eine Rolle spielen dürfen. Dabei legt die Frau mittleren Alters, die dem FDP-Chef bei seinem Auftritt in Potsdam begeistert zujubelt, selbst erkennbar großen Wert auf ihr Äußeres. Pumps zu engen Jeans, fließende weiße Seidenbluse, das Haar frisch blondiert.

Dass Christian Lindner im Kampf um die Rückkehr der Freien Demokraten in den Bundestag wie kein anderer Spitzenpolitiker auf seine Attraktivität setzt, stört sie nicht. Und auch die anderen Zuschauer nicht. Mehrere Hundert modisch gekleideter Menschen sind es, die sich an diesem Herbstabend in der Schinkelhalle drängen, in der einst die Leibgarde-Husaren ihre Reitkünste verfeinerten.

Jetzt steht auf der Bühne ein schlanker, großgewachsener Mann, seine Uniform ist der gut sitzende blaue Anzug, der Kragen des weißen Hemdes ist offen. Mit dem Schnurlos-Mikro vor dem Mund wirkt er wie ein Visionär aus der Digitalbranche oder ein Motivationstrainer.

Christian Lindner wirbt für seine Vision einer neuen liberalen Politik. Sein Programm verdichtet sich in der Forderung nach "einem Staat, der Dich bei den größten Lebensrisiken nicht im Regen stehen, Dich aber im Alltag in Ruhe lässt".

"Du kannst es schaffen"

Der FDP-Vorsitzende spricht an diesem Abend viel von Wohlstand, der nicht auf Umverteilung beruht, sondern auf der Eigenleistung mündiger Bürger. In klaren, ausgefeilten Sätzen preist er ein Lebensgefühl mit dem Credo: Du kannst es schaffen. Und Lindner, der in jungen Jahren einmal ein Internetunternehmen gründete, das später Pleite ging, richtet sich dabei nicht nur an die, bei denen es mit der Karriere schon geklappt hat. Sondern vor allem an die, die noch davon träumen. Die neue FDP soll nicht mehr nur der politische Arm der Apotheker, Rechtsanwälte oder Hoteliers sein. Nicht mehr die Partei der "Besserverdiener" – das Wort kommt ihm nicht einmal über die Lippen.

Lindner redet viel von der Mitte, dem Mittelstand, den Menschen mit mittleren Einkommen. Ihren Erfolg, ihren Aufstieg müsse der Staat fördern – statt ihn zu bremsen.

Vom Aufstieg träumt auch Lindner, denn er führt eine Partei, die völlig am Ende schien. Ein Absturz von weit oben und dadurch umso schmerzlicher. Noch 2009 machten gut 6,3 Millionen ihr Kreuz bei der FDP, die Juniorpartner von Angela Merkels Union in der Bundesregierung wurde. Wo sie sich dann aber vor allem den Anliegen reicher Spender widmete – und etwa die als "Mövenpick-Steuer" verspottete Steuersenkung für Hotelübernachtungen durchsetzte.

2013 bekam die FDP, die zuvor ununterbrochen seit 1949 im Bundestag saß, die Quittung in Form einer historischen Klatsche. Kläglich scheiterten die Liberalen an der Fünfprozenthürde. Fast die komplette alte Garde, darunter Parteichef Philipp Rösler und Spitzenkandidat Rainer Brüderle trat ab.

Im dunkelsten Moment schlug die Stunde des Christian Lindner. Der junge Landeschef von Nordrhein-Westfalen (NRW) sagte noch in der Wahlnacht, dass die FDP nun "neu gedacht" werden müsse. Kurz darauf übernahm er den Vorsitz und machte sich an das Projekt Wiedereinzug in den Bundestag.

Über Nacht verschwinden die Geheimratsecken

Ein Ziel, dem der vor 38 Jahren in Wuppertal geborene Sohn eines Lehrers alles unterordnete. Er rackerte, tingelte durch Talkshows und warb in Kleinstädten um Unterstützer. Mit Hilfe hochkarätiger Berater feilte er an einem neuen Bild der FDP, das breitere Bevölkerungsschichten ansprechen soll. Und der studierte Politikwissenschaftler optimierte auch das Bild von sich selbst. Über Nacht verschwanden 2013 die Geheimratsecken des damals 34-Jährigen.

Gerüchte, er habe sich einer Haartransplantation unterzogen, bestätigte der FDP-Politiker ganz gelassen: "Um es mit Jürgen Klopp zu sagen: ,Ich finde, das Ergebnis ist ganz cool geworden, oder?’"

Mit nun vollem Haupthaar wurde Lindner, der mit einer Journalistin verheiratet ist, zum Posterboy der FDP. Für die Plakate zur Landtagswahl in NRW posierte er im Unterhemd. Vor der Bundestagswahl hatte ihn Starfotograf Olaf Heine in Schwarzweiß als Grübler in Szene gesetzt.

Trotz mancher Kritik an der Omnipräsenz des Vorsitzenden – bei den Liberalen kehrte auf Länderebene der Erfolg zurück. In Baden-Württemberg, Hamburg, Bremen und Berlin zogen sie in die Landesparlamente ein. In Rheinland-Pfalz, NRW und Schleswig-Holstein sind sie an der Regierung beteiligt.

Mit dem Wiedereinzug der FDP in den Bundestag will Lindner, der mit 21 Jahren jüngster Abgeordneter im Düsseldorfer Landtag war, seine Mission nun krönen. Dafür gibt er auf der Bühne alles, gestikuliert, eifert, feuert eine Salve nach der anderen gegen die Politik der Großen Koalition. Die mit der Grunderwerbssteuer verhindere, dass mehr Menschen Wohneigentum bilden können. Die den Breitbandausbau verpennt, die großen Herausforderungen der Zukunft verschlafen habe. "Durch die digitale Revolution werden Millionen Arbeitsplätze verlorengehen. Wir müssen dafür sorgen, dass Millionen neue entstehen", fordert Lindner.

Deutschland müsse sein Bildungssystem komplett umstellen, um Menschen auch in späteren Lebensphasen eine berufliche Neuorientierung zu ermöglichen.

Die alte liberale Forderung nach einem schlanken Staat gilt heute nur noch eingeschränkt. In Zeiten wachsender Terrorgefahr fordert auch die FDP mehr Polizeibeamte. Der Staat müsse aber vor allem wieder besser organisiert sein, als Kriminelle und Terroristen. "Wir brauchen keine zusätzlichen Gesetze, es ist alles da", wendet sich Lindner etwa gegen digitale Vorratsdatenspeicherung.

In der Asylpolitik spricht er sich dafür aus, klar zwischen Flüchtlingen mit Schutzanspruch und Migranten zu trennen. Er war kürzlich scharf kritisiert worden, als er sagte, dass Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren müssten, wenn dort der Krieg vorbei sei. Diese Aussage sei nicht rechts, sondern Rechtslage, bekräftigt er. Gleichzeitig sei ein Einwanderungsgesetz nötig, um Fachkräfte ins Land zu holen.

Das gutbürgerliche Publikum in Potsdam quittiert Lindners Rede mit frenetischem Jubel. Nur an einer Stelle bleibt der Applaus spärlich. Als er sich beschwert, dass "die Medien" zu wenig über seine Politik und zu viel über die Plakate berichteten.

Gerade habe sich wieder ein Blatt auf einer Doppelseite nur mit seinem Aussehen beschäftigt, schimpft Lindner. Dabei gehe es ihm doch nur um Inhalte. In der altehrwürdigen Schinkelhalle ist ungläubiges Gelächter zu hören. Und aus der Dame mit den Perlenohrringen platzt es heraus: "Also wer sich derart selbst inszeniert, der darf sich doch hinterher nicht beklagen, wenn das auch auffällt."

Teil eins der Porträtserie -Bartsch und Wagenknecht: Die Unnahbare und der Realo

 

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