AZ-Porträt Isaak Cissé: "Mi intressiert ois"

Taxifahrer Isaak Cissé liebt die Bayern: die Leute – und den Fußball-Verein. Foto: Daniel von Loeper

Er ist der vielleicht bekannteste Taxifahrer der Stadt: Isaak Cissé. Über einen, der Bayern und das Bairische liebt – und doch manchmal blöd angeschaut wird.

 

München - Er weiß noch genau, wie es war, als er mit seinen Eltern und seinen drei Brüdern vor dem Fernseher saß. Damals, vor 45 Jahren, in Dakar, im Senegal. Jeden Sonntag, 19 Uhr, Fußball in Deutschland, 45 Minuten. Isaak Cissé liebte Beckenbauer, diese Eleganz, er liebte Hoeneß, diese Wendigkeit, eigentlich liebte er alle Deutschen.

Wenn die Franzosen spielten, waren alle im Senegal für Frankreich. Cissé war für Deutschland. Zum Spaß wurde er kleiner Deutscher genannt. Jetzt ist er der große Deutsche.

Ein grauer Wintertag. Isaak Cissé sitzt vor einem Teller mit Marmorkuchen, die Schokoränder wie immer abgeschnitten, dazu ein Glas Milch. Hier, im Kistenpfennig in der Leopoldstraße, sitzt der 62-Jährige immer in der Früh. Nur zum Essen kommt Cissé, Schnauzer, hellblaues Hemd, schwarzer Anzug, kaum – ständig muss er irgendwen mit "Servus!" begrüßen.

Der Senegalese spricht Oberbairisch – und ein bisserl Niederbairisch

Man kennt ihn in München: Cissé ist nicht nur der berühmteste Taxifahrer der Stadt, er kommentiert auch in "Blickpunkt Sport" beim BR und spielt in Heimatserien mit. Dass er so bekannt ist, liegt daran, dass er so bairisch spricht. "Oberbairisch mit a bisserl Hauch von Niederbairisch", konkretisiert er. Der Senegalese ist ein Münchner Original. Aber wie gut kann man das überhaupt sein als Schwarzer im schwarzen Bayern?

Von Anfang an. Ein Jahr vor seinem Abitur beschließt Cissé, nach Deutschland zu gehen. Er lernt Deutsch, mit 22 landet er auf dem Flughafen in Frankfurt. Aber er will nach Bayern, wegen dem FC Bayern, wegen Beckenbauer. Ein Jahr später ist er in München. Er macht eine Ausbildung zum Bühnentechniker, nebenbei liest er Ludwig Ganghofer, Oskar Maria Graf und Ludwig Thoma, hört Kassetten von bairischen Kabarettisten. "Des san bayerische Urgschichten, des hat mi ois intressiert", sagt er, und rollt das "r", wie man es schöner nicht rollen könnte.

Er will sich anpassen, so reden wie die anderen, und weil Bairisch für ihn die schönste Sprache der Welt ist, spricht er nur noch Bairisch. Er tut das bewusst. "Wenn du farbig bist, schauen viele Leute so blöd, das macht richtig Spaß."

"Um Gottes Willen, ein Neger!"

Weil er die Stadt noch besser kennen lernen will, beschließt er, einen Taxischein zu machen. Das ist 1983. Am Anfang wollten viele Leute nicht bei ihm einsteigen, erzählt Cissé, "um Gottes Willen, ein Neger!", er lacht. Das passiere jetzt kaum noch, nur manchmal höre er noch Sprüche wie: "Du fahren, ich zahlen." "Sagen’S mal, wo haben Sie denn Deitsch glernt?", sage er dann. Er lacht wieder.

Dabei ärgert er sich. Genauso wie neulich. Da saß er hier und aß sein Salaterl, als ein Mann zu ihm sagte: "Was du da frisst, sind unsere Steuergelder, du Schmarotzer!" Cissé sagte ihm zwar ziemlich deutlich, was er davon hielt. Und doch. Er hat einen deutschen Pass, fühlt sich deutsch, warum kann er nicht wie ein Deutscher behandelt werden?

Meistens, sagt er, werde er aber gelobt, dass er so gut Deutsch und so gut Bairisch spreche. Das mache ihn stolz. Aber die Sprache zu beherrschen, sei nun mal auch das Wichtigste, um sich zu integrieren. Auch in der Münchner Fußballwelt hat er sich schnell integriert.

Spaßvogel: Isaak Cissé mit Pep Guardiola.
Spaßvogel: Isaak Cissé mit Pep Guardiola. Screenshot: BR

Sein Lieblingsspieler fährt jetzt in Manchester Taxi

Cissé schaut sich alle Spiele an, im Olympiastadion. Als Franz Beckenbauer 1979 eine Pressekonferenz gibt, ist er auch er da. "Da war ich natürlich der einzige schwarze Punkt." Beckenbauer spricht lange mit ihm, die Bilder hat er immer noch auf seinem Handy. "Des war so aufregend, gschwitzt hab i!"

Dass er zum Fernsehen kommt, ist Zufall. Weil ihn Leute vom Fernsehen kennen, die ihn als bairisch sprechenden Schwarzen empfehlen. Erst sitzt er in Talkshows, seit drei Jahren läuft er im BR. Man kennt ihn schon lange beim FC Bayern, fast alle hat er schon in seinem Taxi gefahren. Nur sein Lieblingsspieler fährt jetzt in Manchester Taxi: Bastian Schweinsteiger. "So ein guter Junge", sagt Isaak Cissé.

Isaak Cissé liebt Bayern, liebt München, er liebt die Deutschen. Es gibt nur eine Sache, die ihn stört. Eine Familie, das sei Mutter, Vater und Kind, für die Alten sei kein Platz mehr. "Ich möchte nicht in einem Altenheim sterben. Bei uns zu Hause sind wir bis zum Ende eine große Familie." Deswegen will er irgendwann zurück - wenn seine Kinder groß sind. Seine jetzige Frau ist auch Senegalesin, die erste war Niederbayerin.

Er weiß aber jetzt schon, was ihn dann ärgern wird. Dass die Leute bei Rot über die Ampel fahren zum Beispiel, oder dass sie immer zu spät kommen. Als Deutscher findet er nämlich schon: Alles muss seine Ordnung haben.

 

FC-Bayern-Newsletter

Jetzt kostenlos abonnieren
E-Mail:

München-Newsletter

Jetzt kostenlos abonnieren
E-Mail:

3 Kommentare